Formel 1 in Spielberg "Das war der schlimmste Tag meiner Motorsport-Karriere"

Materialprobleme und ein strategischer Fehler kosteten Mercedes die WM-Führung. Motorsportchef Toto Wolff war nach dem Grand Prix von Österreich bedient.

Lewis Hamilton (Mercedes)
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Lewis Hamilton (Mercedes)

Aus Spielberg berichtet Karin Sturm


Toto Wolff sah sichtlich angeschlagen aus. "Das war der schlimmste Tag in meiner Motorsport-Karriere, schlimmer noch als Barcelona 2016. So grausam kann der Rennsport sein", sagte der Mercedes-Motorsportchef, eine Stunde nach dem Rennen in Spielberg.

Barcelona 2016 - damals hatten sich die Silberpfeil-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg vor den Augen des kompletten Mercedes-Vorstands in der ersten Runde von der Strecke befördert. Jetzt also wieder ein Doppelausfall, in einem Rennen, das man sicher zu kontrollieren schien. In dem man in der WM einen entscheidenden Schritt nach vorne machen, sich von Sebastian Vettel und Ferrari absetzen wollte.

Am Ende verlor man bei den Fahrern und den Konstrukteuren die Führung im Gesamtklassement.

Niki Lauda, Österreichs Innenminister Herbert Kickl und Toto Wolff
AFP

Niki Lauda, Österreichs Innenminister Herbert Kickl und Toto Wolff

Die Silbernen hatten auf dem Red Bull Ring, der Strecke, auf der man in den vergangenen vier Jahren viermal gewonnen hatte, mit Valtteri Bottas und Hamilton souverän die erste Startreihe erobert. Vettel, zuletzt Drittschnellster, musste nach einer umstrittenen Strafe vom sechsten Platz aus ins Rennen gehen. Ihm wurde das vermeintliche Blockieren von Carlos Sainz im zweiten Abschnitt des Qualifyings zum Verhängnis.

Als Wolff dies am Samstagabend erfuhr, quittierte er die Entscheidung mit einem leichten Grinsen. "Das macht es für uns natürlich schon komfortabler", sagte er. Und auch Niki Lauda, sonst immer ein Verfechter von möglichst wenig Reglementierungen, ließ verlauten, er habe kein Mitleid mit Vettel. Dass man fragliche Situation durchaus auch anders hätte bewerten können, gab selbst Derek Warwick, der Fahrervertreter unter den Sportkommissaren, zu.

Der Pessimist sollte recht behalten

Vor dem Start seien noch viele zu ihm gekommen und hätten gemeint, das würde doch ein lockerer Durchmarsch für Mercedes werden, sagte Wolff. Da habe er, der sich aus Prinzip immer Sorgen mache, schon gesagt, "am Samstag eins und zwei ist schön, lieber wäre es mir, wir wären in zwei Stunden auf eins und zwei". Der Pessimist im Österreicher sollte diesmal recht behalten.

Zunächst schied Valtteri Bottas, auf Position zwei liegend, mit einem Hydraulikdefekt aus. In der folgenden virtuellen Safetycar-Phase reagierte die Mercedes-Strategieabteilung nicht, holte den souverän Führenden Hamilton nicht zum Reifenwechsel an die Box, während alle anderen der Top-Autos hereinkamen.

Valtteri Bottas
REUTERS

Valtteri Bottas

"Mag sein, dass der Schock über den Ausfall von Valtteri eine Rolle gespielt hat, dass wir zu lange darüber nachgedacht haben, ob es vielleicht ein Nachteil sein könnte, wenn Ferrari und Red Bull mit zwei Autos gegen unser einzig verbliebenes dann vielleicht ihre Strategie splitten. Tatsache ist: Zu so einem Zeitpunkt ist es bei einem VSC zu 80 Prozent immer die richtige Entscheidung, zu stoppen", wollte Wolff den strategischen Fehler gar nicht erst klein reden.

Motivationsversuch nach Strategiepanne

So fiel der Weltmeister bei seinem Stopp auf Platz vier zurück. Mercedes-Chefstratege James Vowles entschuldigte sich über Funk ("Das war mein Fehler!"), verbunden mit einem Motivationsversuch gegenüber Hamilton: "Wir vertrauen dir, dass du das noch herausreißen kannst." Ein Versuch, den Weltmeister aus seinen "Frustloch" zu holen, wie Wolff zugab. "Wir wollten ihn dazu bringen, trotz allem noch eine Top-Leistung abzurufen." Eine gewisse Schwäche des Briten, seinen Kampfgeist zu verlieren, wenn die Dinge einmal gegen ihn laufen, zeigte sich ja in diesem Jahr schon häufiger.

Das Bemühen war freilich vergebens, es sollte noch schlimmer kommen. Zunächst musste Hamilton, nachdem Vettel ihn auf der Strecke mit einem Klasse-Manöver überholen konnte, mit Reifenproblemen noch zu einem zweiten Stopp an die Box kommen. Dann schied er zehn Runden vor Schluss sogar ganz aus. Fehlender Benzindruck sorgte für den ersten Hamilton-Ausfall seit Malaysia 2016, nach 33 Rennen in Folge in den Punkterängen.

Mehr als nur ein Problem

Doch irgendwie hatte man den Eindruck, dass der Strategiefehler die Silbertruppe zumindest genauso beschäftigte wie die technischen Probleme, die zu den beiden Ausfällen führten: ein Hydraulikleck in der Servolenkung bei Bottas, ein Problem in Benzinsystem bei Hamilton. Mit den Upgrades an Motor und Chassis, die Mercedes in den vorigen Rennen gebracht hatte, hätten diese nichts zu tun. Keine Systemfehler, sondern Kleinigkeiten, die man analysieren müsse, damit sie in Zukunft nicht mehr passierten.

Die Strategieprobleme sind jedoch nicht neu. Solch einem Druck der Konkurrenz war Mercedes seit vier Jahren nicht mehr ausgesetzt. Druck, der Fehler provoziert. Schon in Australien und in China vertat sich Vowles, auch wenn Wolff ihn immer noch als "den Besten" lobt. Konsequenzen personeller Art seien deshalb kein Thema.

Der Tiefschlag kam ausgerechnet vor dem Heimrennen von Mercedes und Hamilton am nächsten Wochenende in Silverstone, nur 15 Kilometer von der Homebase der Silbernen in Brackley entfernt. Was das Ergebnis von Spielberg für das nächste Rennen bedeute? "Jetzt in den Flieger steigen, morgen früh um acht in der Firma sein, die ganze Mannschaft zusammentrommeln, alles analysieren, alle noch einmal motivieren und auf das gemeinsame Ziel des Zurückschlagens einschwören", so Wolff.

Der niedergeschlagene Hamilton war für diese Angriffsrhetorik zunächst nicht empfänglich. Er wolle erst einmal "diesen Ausfall verdauen", sprach er in die Mikrofone. Eine Stunde später wandte er sich beim Debriefing über Funk an die Mitarbeiter zu Hause in Brackley. Er habe "alle aufgefordert, jetzt noch mehr Stärke zu zeigen und in England wieder vorn zu sein", sagte Wolff. Zum Stärkezeigen braucht Mercedes allerdings nicht nur einen starken Fahrer. Sondern auch weniger Anfälligkeiten und Fehler bei Material und Strategie.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
uzsjgb 01.07.2018
1. Strategiefehler
Ich glaube Hamilton hätte das Rennen auch verloren, wenn er zeitgleich mit den anderen Fahrern Reifen gewechselt hätte. Vor dem Boxenstopp war sein Vorsprung auf Verstappen ca. 5 Sekunden. Also kein Vorsprung den man mit Reifenschonen hätte verwalten können. Hamiltons gelbe Reifen hielten 27 Runden, hätten diese 46 Runden durchgehalten, wenn er in Führung gelegen hätte? Das kann ich mir kaum vorstellen. Hamilton hat in der 25. Runde auf Gelb gewechselt, seine schnellste Runde auf dem Reifensatz war in der 46. Runde eine 1:07:923, Verstappens schnellste Runde war eine 1:07:442 in der 70. Runde, also mit viel älteren Reifen. Verstappen hätte Hamilton unter Druck setzen können und das hätte auch zu Reifenproblemen bei Hamilton geführt. Und wahrscheinlich auch bei Verstappen, aber nicht bei den Ferraris, die womöglich einen Doppelsieg eingefahren hätten.
hh-eimsbüttler 01.07.2018
2. Strategie völlig unerheblich...
..wenn es das Auto nicht ins Ziel schafft. Also sollte das Team sich darauf konzentrieren ein stabiless Gefährt ins rennen zu schicken. Selbst 70 Führungsrunden hätten hamilton nichts genützt. Das Rennen dauerte 71 Runden.
jj2005 02.07.2018
3. Ein Aufheulen
Jedesmal, wenn ich bestimmte SPON-Seiten besuche, heult mein Lüfter auf, weil da bewegte Bildchen ihr Unwesen treiben. Es ist zum Weglaufen, SPON. Klar, Werbung ist wichtig für Euch. Aber muss sie dermassen nerven?
steingärtner 02.07.2018
4. Dem ist nichts hinzu zu fügen
Zitat von uzsjgbIch glaube Hamilton hätte das Rennen auch verloren, wenn er zeitgleich mit den anderen Fahrern Reifen gewechselt hätte. Vor dem Boxenstopp war sein Vorsprung auf Verstappen ca. 5 Sekunden. Also kein Vorsprung den man mit Reifenschonen hätte verwalten können. Hamiltons gelbe Reifen hielten 27 Runden, hätten diese 46 Runden durchgehalten, wenn er in Führung gelegen hätte? Das kann ich mir kaum vorstellen. Hamilton hat in der 25. Runde auf Gelb gewechselt, seine schnellste Runde auf dem Reifensatz war in der 46. Runde eine 1:07:923, Verstappens schnellste Runde war eine 1:07:442 in der 70. Runde, also mit viel älteren Reifen. Verstappen hätte Hamilton unter Druck setzen können und das hätte auch zu Reifenproblemen bei Hamilton geführt. Und wahrscheinlich auch bei Verstappen, aber nicht bei den Ferraris, die womöglich einen Doppelsieg eingefahren hätten.
Zitat : "Eine gewisse Schwäche des Briten, seinen Kampfgeist zu verlieren, wenn die Dinge einmal gegen ihn laufen, zeigte sich ja in diesem Jahr schon häufiger." Aber bleiben Sie unbesorgt, Weltmeister wird sicher wieder ihr Hamilton. Ein Champion wird er aber mangels Charakter nie.
Immanuel K. 02.07.2018
5. Ich neige nicht...
...zu Verschwörungstheorien, aber geht es nur mir so? Ich habe den Eindruck Herr Vettel wird wegen jedem Pille-Palle abgestraft, während Herr Van Stappen wie die sprichwörtlich gesengte S... die Piste unsicher macht und dafür nie belangt wird...!?
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