Endspurt um die Formel-1-WM Familien-Duell

Während die Niederlage von Sebastian Vettel in Singapur einmal mehr die Probleme bei Ferrari aufzeigte, betonte Lewis Hamilton den Zusammenhalt bei Mercedes. Ist eine Wende im WM-Kampf noch möglich?

Sebastian Vettel (r.) mit Lewis Hamilton
Getty Images

Sebastian Vettel (r.) mit Lewis Hamilton

Von Christian Menath


"Wir sind selbst unser größter Feind." Diesen Satz sagte Sebastian Vettel am Formel-1-Wochenende in Singapur gleich zweimal. Zunächst am Donnerstag, dem obligatorischen Medientag, und dann am Sonntag nach dem Grand Prix. Nach einem Rennen, das er mit einer halben Minute Rückstand auf Rang drei beendet hatte. Ein Rennen, von dem er und auch Experten dachten, er sei der Favorit.

Die Strecke des engen Stadtkurses in der asiatischen Metropole sollte seinem Ferrari entgegenkommen. Das hatten auch die vergangenen Jahre gezeigt. Weil der Mercedes von Titelrivale Lewis Hamilton gleichzeitig Probleme hatte, waren die Rollen vor dem Wochenende entsprechend klar verteilt. In Singapur sollte nach dem bitteren WM-Rückschlag in Monza die Revanche erfolgen. Am Ende gewann Hamilton das Rennen, und Vettel wurde nur Dritter.

Die Niederlage von Singapur ist die Folge zahlreicher falscher Entscheidungen von Team und Fahrer. Ferrari verlor im Rennen plötzlich Pace und besiegte sich einmal mehr mit einer strategischen Fehlentscheidung selbst. Den zweiten Platz hatte Vettel Max Verstappen nach dem Start eigentlich schon abgenommen, doch aufgrund einer zu aggressiven Strategie, die nur auf Mercedes und Hamilton ausgerichtet war, zog der Niederländer wieder vorbei.

"Lewis hatte nicht erwartet, hier zehn Punkte zu gewinnen, und wir hatten nicht erwartet, zehn Punkte zu verlieren - aber nach diesem Rennen muss man sagen, dass es völlig gerechtfertigt war", sagte Vettel. Statt den ersten Schritt der Aufholjagd getan zu haben, reist Vettel nun mit 40 Punkten Rückstand bei noch sechs verbleibenden Rennen zum Grand Prix in Russland.

Unstimmigkeiten bei Ferrari

"Ich werde das Team immer verteidigen", sagte Vettel nach dem Rennen. Doch um zu bemerken, dass es bei Ferrari intern Probleme gibt, muss man nur regelmäßig dem Boxenfunk lauschen. Ob falsche Reifenstrategie, fehlende Teamorder oder technische Probleme - dort erfährt man von den zahlreichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Fahrer und Kommandostand.

In Monza erfuhr Vettel zudem, dass sein Freund und treuer Helfer Kimi Räikkönen im nächsten Jahr nicht mehr sein Teamkollege sein wird. Entgegen Vettels Empfehlung verpflichtete Ferrari mit Charles Leclerc stattdessen ein vielversprechendes Talent, das ihm in den kommenden Jahren einheizen dürfte. Der mangelnde Rückhalt im eigenen Team und der Kampf mit Konkurrent Hamilton setzen Vettel zu. Unter Druck zeigte sich der vierfache Weltmeister schon öfter fehleranfällig.

Sebastian Vettel (l.)
Getty Images

Sebastian Vettel (l.)

"Ich glaube nicht, dass wir irgendeine der noch kommenden Strecken fürchten müssen", sagte Vettel dennoch optimistisch. "Ich habe nie geglaubt, dass wir ein überlegenes Auto hatten, aber eine Stärke unseres Autos ist, dass es überall ziemlich gut zu funktionieren scheint."

Rechnerisch ist der Weltmeistertitel für Vettel noch in Reichweite. Bei 25 Punkten für jeden Sieg sind maximal noch 150 Punkte zu holen. Aktuell kann Vettel die WM noch aus eigener Kraft gewinnen. Hamilton genügen jedoch bei einem weiteren Sieg fünf zweite Plätze für den Titel.

"Teamwork" als Schlüssel zur WM

"Ich rechne nicht", sagte Hamilton nach dem Rennen in Singapur. "Ich fahre schon eine ganze Weile Rennen und weiß, dass alles passieren kann." Mit einem Ausfall wäre die Entscheidung über die WM wieder offen. Angst macht Hamilton aber nicht einmal mehr die Technik, um die er zu Saisonbeginn noch regelmäßig zitterte: "Die Zuverlässigkeit war nicht perfekt, aber wir haben uns stark verbessert. Je länger die Saison dauert, desto besser kennen wir unser Auto und desto besser wird die Zuverlässigkeit."

Lewis Hamilton (M.)
AP

Lewis Hamilton (M.)

"Teamwork", das machte Hamilton nach seinem Singapur-Sieg als jenen Faktor aus, der Mercedes derzeit so stark macht. Es war wieder einer dieser kleinen Seitenhiebe in Richtung Vettel, der direkt neben ihm saß. Denn auch wenn sich Ferrari selbst gern als Familie bezeichnet, in letzter Zeit kommt es oftmals zu folgenschweren Familienstreitigkeiten. Diese werden sie in den Griff bekommen müssen, wenn sich in der Entscheidung um die Weltmeisterschaft noch etwas bewegen soll.

Obwohl gerade vieles gegen Vettel spricht, könnte ihm zumindest der Blick in seine eigene Vergangenheit Mut machen: 2012 lag er zwischenzeitlich bereits 44 Punkte hinter Fernando Alonso. Am Ende der Saison holte er seinen dritten WM-Titel.



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
achim21129 17.09.2018
1. Gähn,
langweiliger geht nicht mehr. Und dann findet das Rennen noch Nachts statt, was eine Verschwendung von Ressourcen .... traurig, traurig!
cougar60 17.09.2018
2. Vettel macht als Fahrer einfach zu viele Fehler,
es nur auf Fehler des Teams abschieben zu wollen, wäre schon ein wenig arg billig. Mit der Brechstange zwischen den Zähnen ist noch kein Fahrer Weltmeister geworden. Hamilton hat offensichtlich das bessere Nervenkostüm.
globaluser 17.09.2018
3. Ja, Vettel und Ferrari machen Fehler,
sie werden allerdings von Mercedes auch dazu gezwungen, meistens sind es ja nur Kleinigkeiten.
missourians 17.09.2018
4.
Meiner Meinung nach gehört Arrivabene schon lange weg! Er hat sein Team nicht im Griff, sonst würden nicht soviel Fehler passieren, bzw. Mercedes zeigt es ja wie es im Team klappt! Klar, Vettel macht auch seine Fehler, aber das machen alle Fahrer bei so einem Job. Das Team kann man besser besser organiosieren, was Arrivabbene scheints von Rennen zu Rennen, oder Fehler nach Fehlern, nicht zu schaffen scheint. Wann kommt eigentlich endlich die neue F1 Regelung? So langweilig wie die letzten Jahre war die F1 schon lange nicht mehr!!! Das wird/ist langsam wie bei der Bundesliga. Man schaut nur noch hinten, was das Mittelfeld und die Absteiger machen, vorne ist eh, Jahr für Jahr, alles klar! Wenn man das Ergebnis vorab kennt, ist es kein Wettkampf mehr, sondern nur noch pure Langeweile, die man sich irgend wann erspart.
hileute 17.09.2018
5. Bei einem weiteren sieg reichen Hamilton 5 zweite Plätze zum titel
der Satz sagt eigentlich alles über vettels Restchancen aus. durch den jetzt noch höheren Druck werden ihm ebenso wie z b Monza Fehler passieren, die ihm dann auch die minimale Restchance nehmen. Herzlichen Glückwünsch zum Titel an Hamilton
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.