F1-Pilot Räikkönen: Eiskalt auf Rekordkurs

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Kimi Räikkönen: Die Karriere des "Iceman" Fotos
REUTERS

Kimi Räikkönen redet wenig und zeigt viel. Bei Lotus ist der eigenwillige Perfektionist in einer Luxussituation: Er kann machen, was er will - und alle finden es gut. Beim großen Preis von Kanada könnte er nun eine alte Bestmarke von Michael Schumacher knacken.

Michael Schumacher hat vor zehn Jahren einen Rekord in der Formel 1 aufgestellt, an dem seither alle Top-Fahrer gescheitert sind. Weder Sebastian Vettel noch Fernando Alonso oder Lewis Hamilton schafften bislang, was Schumacher zwischen Ende 2001 und Anfang 2003 gelang: 24-mal in Folge in die Punkteränge zu fahren. Jetzt aber wackelt die Bestmarke, schon am Wochenende beim Großen Preis von Kanada (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky) kann sie eingestellt werden - von Kimi Räikkönen.

"Es gibt überhaupt keinen Grund, überrascht zu sein", entgegnet der Finne all denen, die nach den Gründen fragen, warum er und das Lotus-Team so gut seien. Wieso auch, schließlich war Räikkönen vergangene Saison WM-Dritter hinter Weltmeister Vettel und Ferrari-Pilot Alonso. Dieses Jahr hat er von sechs Rennen eins gewonnen, wurde dreimal Zweiter und ist erster Verfolger vom Klassement-Führenden Vettel. "Es wäre dumm zu sagen, wir kämpfen nicht um die WM. Deshalb sind wir ja hier", sagt Räikkönen lapidar.

Es ist durchaus erstaunlich, mit welcher Konstanz der 33-Jährige Top-Ergebnisse im Lotus herausfährt. Verglichen mit Red Bull, Ferrari und Mercedes ist der Wagen ein mittelmäßiges Formel-1-Auto, das Team fuhr vor Räikkönens Zeit meist hinterher. Mit jedem Rennen, das der Finne in den Punkterängen beendet, wird klarer: Räikkönen ist nicht so stark, weil der Lotus so gut ist. Lotus ist so gut, weil Räikkönen so stark ist. Er hat in bislang sechs Saisonrennen 86 Punkte geholt. Zum Vergleich: Sein Teamkollege Romain Grosjean kommt auf 26 Zähler.

"Es ist einmalig, wie wenig Fehler Kimi macht. Er fährt nicht aggressiv, dafür sehr clever. Er wirkt heute noch abgeklärter als früher", sagt Peter Sauber, Besitzer des gleichnamigen Formel-1-Teams, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Schweizer war es, der Räikkönen vor mehr als zehn Jahren den Einstieg in die Formel 1 ermöglicht hat und der eine nette Geschichte von Räikkönens erstem Tag zu erzählen weiß.

Nach vier Runden konnte Räikkönen den Kopf nicht mehr halten

Im Jahr 2000 wurde der damals 21 Jahre alte Finne bei Sauber angeboten. Peter Sauber zögerte zunächst, lud ihn dann aber doch zu Testfahrten ins italienische Mugello ein. Räikkönen sollte zeigen, was er kann. Er hatte vorher noch nie in einem Formel-1-Auto gesessen, fuhr vier Runden und kam wieder an die Box. Auf die Frage der Ingenieure, warum er nicht länger auf der Strecke geblieben sei, antwortete Räikkönen: "Ich kann meinen Kopf nicht mehr halten." Peter Sauber sagt, der Finne habe eben alles so gemacht, wie er es für richtig hielt. "Er war schon damals unglaublich fokussiert und konsequent."

Die vier Runden reichten aus, um Sauber und sein Team zu überzeugen. "Wir haben noch am selben Tag entschieden, dass er das freie Cockpit bei uns bekommt", sagt Peter Sauber. "Kimi war schon damals speziell. Aber er hatte ein unglaubliches Talent, so etwas habe ich vorher und nachher nie wieder gesehen." Dazu muss man wissen, dass unter anderem Vettel und Schumacher als junge Burschen für Sauber gefahren sind, als Testfahrer beziehungsweise in der Sportwagen-WM.

Wie gut der Fahrer Räikkönen wirklich ist, wird gerne übersehen bei all den anderen Geschichten über den Finnen, der angeblich schon betrunken von einer Yacht fiel und im Suff seinen nackten Hintern in einer Bar gezeigt haben soll. Bei Räikkönen wurde Selbstvertrauen meist in Selbstüberschätzung umgedeutet.

Räikkönen Weltmeister 2007 im Ferrari

Dieses Image überlagerte stets seine sportliche Karriere. Der Finne galt als einer, der zwar großes Talent besaß, aber daraus nichts machte. Nach fünf Jahren bei McLaren (2002 bis 2006) und zweimal Platz zwei im WM-Klassement (2003 und 2005) hieß es, Räikkönen habe nicht das Zeug zum Weltmeister. Dabei war mit dem damals technisch überaus anfälligen McLaren kaum mehr möglich. Und als Räikkönen 2007 im Ferrari dann doch den Titel holte, führten seine Kritiker an, er habe nur triumphieren können, weil sich die beiden starken McLaren-Piloten Alonso und Hamilton gegenseitig die Punkte wegnahmen.

Räikkönen hat all das nie kommentiert, weil er nicht gerne redet, schon gar nicht mit Journalisten. So kultiviert er sein Image vom coolen Typen, den Spitznamen "Iceman" hat er sich auf den linken Unterarm tätowieren lassen. Aber hinter dieser Fassade steckt ein akribischer Arbeiter, der viel von einem Formel-1-Auto versteht und ein Gefühl für den Wagen hat wie kaum ein Zweiter.

Der größte Vorteil des Lotus ist, dass die Reifen bei dem Wagen nicht so schnell abnutzen wie bei anderen. Auch - und vor allem - dank Räikkönen hat das Team eine Abstimmung zwischen Auto und Reifen gefunden, mit der es den PS-Nachteil gegenüber den drei Großen zumindest teilweise ausgleichen kann. Den Rest besorgt Räikkönen durch sein fahrerisches Können. Er hält sich aus fast allen Duellen raus, bei Manövern hilft ihm seine Erfahrung aus mehr als zehn Jahren Formel 1. Kein Fahrer im Feld bewegt sein Auto so geschickt über die Rennstrecken wie Räikkönen. Dabei trifft er seine Entscheidungen fast immer allein, ohne Absprache.

"Du kannst Kimi nicht vorschreiben, was er machen soll. Also lassen wir das, wir wollen ihm ja nicht die Laune verderben", sagt Lotus-Teamchef Eric Boullier, der derzeit dafür kämpft, dass Räikkönen seinen auslaufenden Vertrag verlängert. Seitdem nämlich Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz eher beiläufig fallen ließ, dass "Kimi cool und schnell und immer ein Kandidat ist", wird in der stets aufgeregten Formel-1-Welt über einen Wechsel des Finnen zum Vettel-Team spekuliert.

Und was sagt Räikkönen dazu? "Es gibt nicht viele Top-Fahrer, die keinen Vertrag für 2014 haben. Ich glaube, ich bin der einzige."

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1.
Tom Joad 07.06.2013
Zitat von sysopEiskalt auf Rekordkurs. Kimi Räikkönen redet wenig und zeigt viel. Bei Lotus ist der eigenwillige Perfektionist ...
Am Iceman gibt es nicht viel herumzudeuteln, der ist einfach nur ein Finne, "wie er im Buche steht".
2. der beste fahrere im Feld
Nonvaio01 07.06.2013
was er aus dem Lotus rausholt ist unglaublich. Vor Kimi war Lotus am ende, als er kamm wurde mit seiner hilfe das Auto verbessert. Er ist fuer mich der beste fahrere im Feld, noch vor Alonso und Vettel. Am besten gefallen mir seine Funksprueche....die sind echt klasse
3. optional
townsville 07.06.2013
Naja, so ganz lässt sich der Rekord von 24 Punkterennen in Folge nicht vergleichen. Bei Schumacher war das 2001 bis 2003, damals kamen nur 6 (bis inkl. 2003) bzw. 8 Fahrer in die Punkte. Seit 2010, also in Kimis Rekordzeit, kommen dagegen 10 Fahrer in die Punkte. Um also die Leistung zu vergleichen, müsste man schon zählen, wie häufig Kimi hintereinander in die Top 6/8 kam. Da er zweimal nur 10er wude (z.B. imletzten Rennen) erreich Schumachers Konstanz dann doch nicht ganz.
4. Punktesystem
jensrenner 07.06.2013
Ist dieser 24-Mal-in-Folge-in-den-Punkten-Vergleich nicht so ähnlich wie mit den Äpfeln und den Birnen? Bis Ende 2002 gab es nur für die ersten 6 Plätze Punkte, bis Ende 2009 die ersten 8. Seitdem gibt es bis Platz 10 Punkte. Das soll Räikkönens Leistung nicht schmälern, aber wenn die Reglementänderungen nicht eingerechnet wurden, kann man den Vergleich mit Schuhmachers Rekord so nicht anstellen.
5. Schwieriger Vergleich
horst-der-adler 07.06.2013
2001/2002 musste man mindestens Sechster werden und 2003 immerhin noch Achter. Da heute alle Fahrer bis Platz zehn Punkte bekommen, ist das "in die Punkte kommen" relativ einfach. Schwierig ist es, 24 mal keinen Motorplatzer zu haben, keinen Bock zu schiessen, sich nicht von Maldonado/Grosjean abschiessen zu lassen usw. Wenn man das schafft, bekommt man auch Punkte - wenn man minimal mit einem Rennwagen umgehen kann ;-) Und sollte Vettel es nicht schaffen, ist Räikkönnen zehnmal sypathischer als der labernde spanische Kampfstier, der sich ständig von seinem Kollegen helfen lassen muss...
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