Lewis Hamilton in Silverstone Erdrückt von Emotionen

Nur Platz zwei für den Weltmeister: Nach dem verpatzten Heimrennen reagierte Lewis Hamilton wieder einmal sehr emotional. Die Gründe reichen bis in seine Jugend zurück.

Lewis Hamilton
DPA

Lewis Hamilton

Aus Silverstone berichtet Karin Sturm


Ein Sieg hätte Lewis Hamilton so viel bedeutet: Es wäre der fünfte in Folge bei seinem Heim-GP in Silverstone gewesen, der sechste insgesamt - beides Bestmarken, die bislang noch niemandem gelangen. Und das vor seinen britischen Fans, von denen er sich alljährlich immer einen ganz besonderen Motivationsschub holt.

Für die er sich immer etwas einfallen lässt: Schon am Freitagabend hatte er diesmal einen Campingplatz der Silverstone-Volunteers besucht, um dort die von ihm gestifteten 2000 Flaschen Bier und 1000 Snack-Boxen auch persönlich abzugeben.

Fotostrecke

13  Bilder
Formel 1 in Silverstone: Neun Flugzeuge und ein Blitzstart

Und dann klappte es doch nicht. Obwohl die Strecke in den vergangenen Jahren immer Mercedes-Land war, obwohl hier zum dritten Mal in dieser Saison die etwas "dünneren" Reifen zum Einsatz kamen, die eigentlich den Silbernen entgegen kommen, obwohl er sich mit einem Vorsprung von 44 Tausendstel in einem grandiosen Duell mit Sebastian Vettel die Pole Position gesichert hatte. Warum? Weil Ferrari technisch extrem aufgeholt hat, weil Vettel trotz des Handicaps einer schmerzhaften Nackenverletzung vom Superstart bis zum Klasse-Überholmanöver gegen Valtteri Bottas in der Endphase ein perfektes Rennen fuhr.

Aber auch, weil Hamilton selbst seinen Start verpatzte und dadurch überhaupt erst in die Situation kam, in der dritten Kurve von Kimi Räikkönen, der sich verbremst hatte, getroffen und umgedreht zu werden. Als Erster war er gestartet, nach drei Runden lag er auf dem letzten Platz. So hatte der Weltmeister sich das nicht vorgestellt.

 Nach dem Crash mit Räikkönen drehte sich Hamiltons Fahrzeug
Getty Images

Nach dem Crash mit Räikkönen drehte sich Hamiltons Fahrzeug

Dass er dann von ganz hinten eine unglaublich starke Aufholjagd lieferte und am Ende mit Platz zwei hinter Vettel auch noch Schadensbegrenzung betrieb - das war Hamilton in den ersten Momenten nach dem Rennen egal.

Als er aus dem Auto stieg, machte er auf viele erst einmal einen reichlich angesäuerten Eindruck, fast beleidigt, dass es nicht so gelaufen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Dass er den offiziellen Interviewer Martin Brundle erst einmal stehen ließ und sich auch im sogenannten "Greenroom" vor der Siegerehrung zunächst von allen absonderte, passte ins Bild.

Hamilton und sein Kumpel Neymar

Seine Erklärung folgte: "Ihr schaut euch alle das Rennen nur von außen an. Da kann man leicht reden und urteilen. Ich habe eineinhalb Stunden unter härtesten Bedingungen gekämpft, körperlich und mental, bin durch unglaublich viele Emotionen gegangen. Da habe ich dann erst einmal einen Moment für mich gebraucht."

Emotionen - und der Umgang damit, das ist vielleicht der Schlüssel für vieles, was Hamilton gern als Eskapaden und Extravaganzen angekreidet werden. Gewisse Parallelen zu seinem guten Kumpel Neymar, mit dem er immer wieder gern abhängt, sind da schon fast auffällig. Keine Überraschung, dass die beiden Weltstars sich so gut verstehen.

Als Schwarzer in einer weißen Welt

Wie beim brasilianischen Fußballstar spielt die Herkunft bei Hamilton eine große Rolle. Aufgrund seiner karibischen Wurzeln stand er permanent unter Druck, von frühester Jugend an immer gegen die "andere", die 100 Prozent britische Gesellschaft ankämpfen zu müssen, um es nach oben zu schaffen. "Als Jugendlicher, als ich von McLaren gefördert wurde, da waren wir die einzigen Schwarzen in einer weißen Welt", sagt Hamilton über seine Ängste, die er und sein Vater stets hatten, "diese Unterstützung zu verlieren, wenn vielleicht einmal die kleinste Kleinigkeit nicht passt."

Und der ständige Druck, der habe ihn eigentlich nie losgelassen. Wie schwierig es für ihn manchmal sei, mit den Rückschlägen, mit denen man in der Formel 1 immer wieder konfrontiert wird, umzugehen: "Die Formel 1 hat mir ein Leben und einen Sinn gegeben, der ziemlich speziell ist", sagte der 33-Jährige. "Aber die Formel 1 hat mich auch gebrochen. Sie hat mich gebrochen und wieder aufgebaut - immer wieder."

Hinfallen, Knochen brechen, weitermachen

Was er meint: Nach jedem Erfolg kam immer auch eine Niederlage. Nach seinem ersten WM-Titel 2008 kam ein Tief mit vier Jahren ohne die Krönung der Saison. "Wenn du da durchgehst, steckst du so viel hinein. Es bricht dein Herz und tötet dich, wenn du versagst, wenn du stolperst und dir jeder dabei zusieht. Aber wenn du wieder aufstehst und Erfolg hast, zieht es dich wieder hoch." Hamilton vergleicht das Auf und Ab in der Formel 1 mit einer Verletzung: "Du fällst hin und brichst dir einen Knochen, das verheilt und dann machst du weiter."

Silverstone war für ihn so ein Rückschlag. Einer, der ihm im ersten Moment auf dem Podium, auch die etwas unglückliche Bemerkung entschlüpfen ließ, Ferrari sei da "mit einer interessanten Taktik" gefahren. Einen absichtlichen Rammstoß von Raikkönen wollte er diesem aber auf Nachfrage hin ausdrücklich nicht unterstellen.

Er wird auch diesen Rückschlag verdauen. Und in zwei Wochen in Hockenheim erst recht angreifen wollen. Um dort Sebastian Vettel dessen Heimsieg zu "klauen". So wie ihm Vettel seinen "geklaut" hat. Da hat Hamilton einen Vorteil gegenüber Neymar: Der muss vier Jahre auf seine nächste Möglichkeit zur Revanche warten.



insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ollydk 08.07.2018
1. Sicher eine gute Leistung,
die er da mit seiner Aufholjagd hingelegt hat. Allerdings sollte man auch festhalten, dass er ohne die beiden Safety Cars und ohne tatkräftige Hilfe von Bottas nicht auf Platz 2 gekommen wäre, sondern vielleicht nur auf die Vier - was allerdings auch eine Anerkennung wert gewesen wäre. Und falls jetzt einer sagt, dass Raikkönen durch den Schubser ja auch tatkräftig geholfen hätte... das war sicherlich kein Vorsatz von ihm und es hat Vettel keinen einzigen Platz weiter vor gebracht. Von daher verdienter Sieg für Vettel.
Jetzt_mal_ernsthaft 08.07.2018
2. Chip on his shoulder
So sagt man auf englisch. Schwer (aber nicht unmöglich) dies als Weisser zu verstehen. Man stelle sich bitte einmal den Moment vor, wenn das schwarze (oder nicht-weisse) Kind versteht, dass es anders ist und zwar im negativen Sinne. Da helfen dann auch alle Millionen dieser Welt nicht über ein solches Trauma hinweg.
hansa_vor 08.07.2018
3. Also ernsthaft?
Nun wird Hamiltons vollkommen unplatzierte Auftreten nach dem Rennen mit seiner Hautfarbe und karibischen Abstammung erklärt? Da scheint mit der Autor des Artikels hart am Rande des politisch korrektem herum zu irrlichtern. LH hat seinen zweiten Platz geschenkt bekommen und wird immer dünnhäutiger. Schön diese Spannung dieses Jahr, nach Rossberg lernt er nun dass man halt liefern muss und nicht weinen wie sein Freund Neymar. Das macht große Sportler aus!
hansa_vor 08.07.2018
4.
Zitat von Jetzt_mal_ernsthaftSo sagt man auf englisch. Schwer (aber nicht unmöglich) dies als Weisser zu verstehen. Man stelle sich bitte einmal den Moment vor, wenn das schwarze (oder nicht-weisse) Kind versteht, dass es anders ist und zwar im negativen Sinne. Da helfen dann auch alle Millionen dieser Welt nicht über ein solches Trauma hinweg.
Und deshalb lebt LH im Slum wo auch immer? Nö, er verdient sehr viel Geld weil es ALLEN egal ist ob er schwarz, gelb, grau oder grün ist. Wie absurd solche Kommentare sind ist echt nicht mehr nachvollziehbar! Wenn jemand gut in dem ist was er kann wird er auch Erfolg haben! Da braucht es keine Quote, sorry für den Seitenhieb an die guten Frauen ;)
steingärtner 08.07.2018
5. Weltmeister ist/wird er
Ein Champion wird er nie. Dazu fehlt ihm der Charakter. Diese ewige PR-Story vom armen kleinen Lewis, der weil er nicht weiss war, ganz hart kämpfen musste kann er jetzt auch mal stecken lassen. Seine Formel 1 -Karriere hat er ja wohl deshalb gleich mit dem dreisten belügen der Öffentlichkeit begonnen ? Ein anderer musste für ihn zurück treten. Er hat über die Jahre immer wieder gezeigt, dass er für SEINEN Erfolg, fast jede unfaire sportliche Schweinerei und Hinterhältigkeit einsetz wenn es sein muss. Selbst im eigenen Team vergiftete er die Beziehungen so sehr, dass man die Mechanikercrew tauschen musste. Alles nur für SEINEN Erfolg. Nicht verwunderlich ist deshalb seine Freundschaft zum Schwalbenbetrüger Neymar. Das passt genauso, wie die Tatsache, das er keine ernstzunehmende Frau/Partner an seiner Seite hat. Er hat zwei Hunde. Bei denen ist immer gewährleistet, dass sie zu ihm AUFgucken müssen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.