Hamiltons Erfolg in China Erleichterung, aber keine Entspannung 

In Shanghai hat Lewis Hamilton im Titelkampf mit Sebastian Vettel gleichgezogen, auch weil der Ferrari-Pilot einen taktischen Fehler beging. Und Red Bull zeigte, warum es Chancen in der Team-WM hat.

Mercedes-Pilot Hamilton macht die Champagnerdusche
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Mercedes-Pilot Hamilton macht die Champagnerdusche

Aus Shanghai berichtet Christian Menath


Die Freude nach dem Triumph von China war groß, denn die Chefs von Mercedes wissen: Die Zeit der Silberpfeil-Dominanz ist vorbei. Zwar gewann Lewis Hamilton den Großen Preis von China, doch Ferrari setzt den Weltmeister unter Druck wie lange nicht mehr. Plötzlich ist jeder Sieg sehr viel wert. "Mir ist ein Riesenstein vom Herzen gefallen, dass wir zurückgeschlagen und hier gewonnen haben", sagte Niki Lauda nach Hamiltons erstem Saisonerfolg.

Dabei hätte das Rennen auf dem Shanghai International Circuit durchaus auch einen anderen Sieger haben können. Denn der Vorsprung von 6,2 Sekunden, den Hamilton im Ziel auf Sebastian Vettel hatte, gibt nicht das wahre Bild des Rennverlaufs wieder. Der Auftaktsieger hatte durchaus berechtigte Chancen, auch das zweite Saisonrennen zu gewinnen.

Gegen Vettel sprachen zwei Faktoren: zunächst sein früher Boxenstopp, der ihn ans Ende des Sechserpacks aus Mercedes-, Ferrari und Red Bull-Piloten zurückwarf. Der Grund dafür war eine virtuelle Safety-Car-Phase, auf die kurz darauf der Einsatz des echten Sicherheitsfahrzeugs folgte. Damit konnte Ferrari nicht rechnen. In der zweiten Situation hätte eine Stallregie zugunsten des Deutschen den Rennausgang aber sehr wohl positiv beeinflussen können.

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Formel 1: Reifen wechsel dich

Im ersten Renndrittel lief Vettel auf seinen Teamkollegen Kimi Räikkönen auf, der hinter den beiden Red-Bull-Fahrern festhing. Rundenlang musste Vettel hinter Daniel Ricciardo und Räikkönen herfahren, obwohl er deutlich schnellere Rundenzeiten hätte fahren können. "Ich konnte nicht früher angreifen, weil vor ihm noch ein Auto war", sagte Vettel. "Wenn man da einen Fehler auf der Bremse macht, landet man sofort im Vordermann. Das konnte ich nicht riskieren."

Derweil baute Hamilton an der Spitze seine Führung aus - ein Rückstand, den Vettel in der Schlussphase, nachdem er erst seinen Teamkollegen und dann den Australier spektakulär überholt hatte, nicht mehr aufholen konnte.

Mercedes vs. Ferrari: Wer ist vorne?

Die ersten beiden Rennen in Australien und China lieferten ein klares Bild: Mercedes und Ferrari liegen in etwa gleichauf an der Spitze. Während die Silberpfeile im Qualifying noch etwas mehr Power-Reserven zu haben scheinen, kann Ferrari im Rennen nachlegen. "Wir scheinen sehr eng zusammenzuliegen", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Ich erwarte in dieser Saison ein Ping-Pong-Spiel: Mal werden wir vorne sein, mal sie."

Diese Ansicht teilt auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner, der in Shanghai ein gutes Duell zwischen den beiden Teams erlebte. "Sie haben gezeigt, dass sie hart gegeneinander kämpfen können, und davon werden wir dieses Jahr sicher noch mehr sehen."

Für Mercedes ist dies eine neue, willkommene Herausforderung. "Wir sind eine Racer-Truppe und zum Rennsport gehört ein Gegner", sagte Wolff. "Es ist super, sich die Pokale in den Schrank zu stellen. Aber ein solcher Zweikampf auf Augenhöhe ist etwas, auf das wir stolz sein können - und am Ende gehen wir hoffentlich als Sieger daraus hervor."

Red Bull als Zünglein an der Waage?

Während Hamilton und Vettel im zweiten Rennen in Folge das altehrwürdige Duell Rot gegen Silber wiederbelebten, mischte sich in China auch Red Bull Racing wieder in den Kampf um die Spitzenpositionen ein. Max Verstappen und Ricciardo lieferten sich in den Schlussrunden ein packendes Duell. Gleichzeitig kamen sie vor den beiden Teamkollegen der Mercedes- und Ferrari-Stars ins Ziel: Räikkönen wurde Fünfter, Valtteri Bottas sogar nur Sechster.

Den Grund für das schwache Abschneiden von Bottas erklärte Wolff so: "Valtteri hat sich hinter dem Safety Car beim Reifenaufwärmen gedreht und dadurch das Rennen weggeschmissen - das ist schon den Besten passiert." Räikkönen hatte unterdessen Schwierigkeiten mit der Haltbarkeit der Vorderreifen an seinem Ferrari. Red Bull wusste die Probleme der beiden Konkurrenten zu nutzen. Aus eigener Kraft ist das Team allerdings noch nicht so weit, um ganz vorne anzugreifen.

"Wir sind im Qualifying nach wie vor zu weit zurück", sagte RB-Chef Helmut Marko. Ricciardos Rückstand im dritten Qualifying-Abschnitt betrug 1,3 Sekunden - eine Welt, wenn man bedenkt, dass Vettel und Bottas zwischen Platz zwei und drei gerade einmal eine Tausendstelsekunde trennte.

Unter Rennbedingungen ist die Pace des Red Bull jedoch besser. "Aber es muss noch einiges kommen, damit wir vorne mitmischen können", sagte Marko. Ironischerweise sollten die neuen Regeln Red Bull helfen, um den Vorsprung von Mercedes einzuholen. Stattdessen ist es nun Ferrari, das gegen Mercedes kämpft.

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Reifen

Die neue Reifengeneration von Pirelli ist wesentlich haltbarer als im Vorjahr. Das hat den Vorteil, dass das ewige "Reifenschonen", das Fahrer und Fans gleichermaßen nervte, wieder der Vergangenheit angehört. Zusätzlich können die Fahrer auch wieder über einen längeren Zeitraum attackieren. Nachteil: Es wird weniger Boxenstopps geben, die in den vergangenen Saisons viele taktische Manöver und virtuelles Überholen in der Box ermöglichten.

Abmessungen/Gewicht

Die breiteren Reifen haben einen großen Anteil daran, dass auch das Mindestgewicht der Autos erhöht wurde: von 702 auf 728 Kilogramm. Breiter sind die Autos ebenfalls geworden: von 1,80 auf zwei Meter in der maximalen Gesamtbreite, von 1,40 auf 1,60 Meter in der Karosseriebreite. Allein schon optisch ein großer Gewinn, findet der technische Direktor von Sauber, Jörg Zander: "Die Autos sehen mit den breiten Reifen und einer Gesamtbreite von zwei Meter wieder stark aus. So kann man die unvergleichliche, fahrdynamische Power allein beim Anblick spüren."

Reifen

Die Reifen sind wieder so breit wie zuletzt in den Siebziger- und Achtzigerjahren: 30,5 Zentimeter vorne (sechs Zentimeter mehr als im vergangenen Jahr). Hinten sind es sogar 40,5 Zentimeter, was acht Zentimeter breiter als vorher ist. Insgesamt bedeutet das 25 Prozent mehr Auflagefläche und deutlich mehr Grip. Jeder Reifen ist vier bis fünf Kilo schwerer geworden. Das bedeutet auch mehr Anstrengung für die Mechaniker bei den Boxenstopps.

Fotos: Sauber F1 Team

Bis zum nächsten Rennen, dem Großen Preis von Bahrain (16. April, Liveticker SPIEGEL ONLINE), bleibt Red Bull nur wenig Zeit, um diesen Rückstand aufzuholen. Größere Sprünge durch neue Teile sind erst bei den Rennen in Sotschi (30. April) respektive Barcelona (14. Mai) zu erwarten. "Momentan ist es ein enger Kampf zwischen Mercedes und Ferrari, dahinter gibt es eine Lücke", analysiert Wolff das Kräfteverhältnis. "Das ist aber eine Momentaufnahme, die in zwei Monaten komplett anders aussehen könnte."

Durch das veränderte Reglement ist in dieser Saison ein harter Entwicklungswettkampf zwischen den Teams zu erwarten. Die Fortschritte und Lernkurve der Teams fällt dadurch viel steiler aus als in den vergangenen Jahren. "Normalerweise findet man eine oder anderthalb Sekunden im Verlauf der Saison", sagte Wolff. "Dieses Jahr ist es wohl mehr. In ein paar Rennen könnten mehr Teams oder andere um die Spitze kämpfen." Entsprechend dürfen sich Ferrari und Mercedes keinesfalls zurücklehnen. Die roten Stiere scharren schon mit den Hufen, um endlich wieder vom Siegerchampagner kosten zu dürfen.

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Seite 1
uzsjgb 09.04.2017
1. Taktischer Fehler?
Der Teasertext und der Text passen nicht zusammen. Im Text steht korrekterweise "Damit konnte Ferrari nicht rechnen.", es kann also kein "taktischer Fehler" gewesen sein, zumal alle anderen eine Runde nach Vettel auf dieselben Reifen gewechselt sind. Wozu also dieser reißerische und falsche Teasertext? Das ist unseriös, bitte ändern.
heinzi55555 09.04.2017
2.
Spannung....? Keine Spur davon. Da waren die Testbilder, die es früher nach Programmschluss gab, um einiges unterhaltsamer.
valtrantor 09.04.2017
3. Stimme zu ...
Zitat von uzsjgbDer Teasertext und der Text passen nicht zusammen. Im Text steht korrekterweise "Damit konnte Ferrari nicht rechnen.", es kann also kein "taktischer Fehler" gewesen sein, zumal alle anderen eine Runde nach Vettel auf dieselben Reifen gewechselt sind. Wozu also dieser reißerische und falsche Teasertext? Das ist unseriös, bitte ändern.
Ferrari hat natürlich ein gewisses Risiko in Kauf genommen mit dem Wechsel unter VSC, andererseits hätte der Giovi-Crash nur eine Runde später stattgefunden und vielleicht nicht gerade auf Start Ziel, dann wäre Vettel als Führender auf den gleichen Reifen wie die Konkurrenz rausgekommen. Insofern kann man nicht von einem taktischen Fehler sprechen, eher von einem Plan, der eben nicht 100% aufging. Insgesamt scheint die Rennpace von Ferrari aber sehr ok, und der Wagen funktioniert offenbar auch im direkten Windschatten recht gut (zumindest in der Abstimmung wie Vettel sie fuhr hatte der Ferrari ja keine großen Schwierigkeiten mit direkter Verfolgung, ähnlich auch wie Ric bei RBR sehr gut an Verstappen dranbleiben konnte). Ich hoffe sehr, dass wir in Bahrein Vettel direkt hinter LH oder direkt vor LH sehen, und es vielleicht mal zu einem 1 gegen 1 der beiden kommt. Die wenigen Überholmanöver heute waren aus meiner Sicht wesentlich spannender als die vielen immer gleichen "DRS-auf, vorbei am Gegner" Manöver der letzten Jahre. Auch wenn man sicher noch ein wenig optimieren könnte am generellen Konzept (noch mehr mechanischer Grip, weniger Aerodynamik) geht das eigentlich schon in die richtige Richtung. Auf eine spannende Saison, und hoffentlich einen 5-fach WM am Ende .. ;)
Die Happy, 09.04.2017
4.
Zitat von uzsjgbDer Teasertext und der Text passen nicht zusammen. Im Text steht korrekterweise "Damit konnte Ferrari nicht rechnen.", es kann also kein "taktischer Fehler" gewesen sein, zumal alle anderen eine Runde nach Vettel auf dieselben Reifen gewechselt sind. Wozu also dieser reißerische und falsche Teasertext? Das ist unseriös, bitte ändern.
Der Denkfehler liegt in ihrer Definition des Wortes Fehler. Ein Fehler ist nicht nur, wenn man aus "Dummheit" etwas falsch macht, sondern auch, völlig wertfrei, wenn man etwas macht, was dem Ziel, also möglichst weit vorne anzukommen, entgegen wirkt. Und da der Fehler nicht etwa war einen Teller fallen zu lassen, sondern taktischer Natur war, ist es eben ein taktischer Fehler. https://de.wikipedia.org/wiki/Fehler
uzsjgb 09.04.2017
5.
Zitat von valtrantorFerrari hat natürlich ein gewisses Risiko in Kauf genommen mit dem Wechsel unter VSC, andererseits hätte der Giovi-Crash nur eine Runde später stattgefunden und vielleicht nicht gerade auf Start Ziel, dann wäre Vettel als Führender auf den gleichen Reifen wie die Konkurrenz rausgekommen. Insofern kann man nicht von einem taktischen Fehler sprechen, eher von einem Plan, der eben nicht 100% aufging. Insgesamt scheint die Rennpace von Ferrari aber sehr ok, und der Wagen funktioniert offenbar auch im direkten Windschatten recht gut (zumindest in der Abstimmung wie Vettel sie fuhr hatte der Ferrari ja keine großen Schwierigkeiten mit direkter Verfolgung, ähnlich auch wie Ric bei RBR sehr gut an Verstappen dranbleiben konnte). Ich hoffe sehr, dass wir in Bahrein Vettel direkt hinter LH oder direkt vor LH sehen, und es vielleicht mal zu einem 1 gegen 1 der beiden kommt. Die wenigen Überholmanöver heute waren aus meiner Sicht wesentlich spannender als die vielen immer gleichen "DRS-auf, vorbei am Gegner" Manöver der letzten Jahre. Auch wenn man sicher noch ein wenig optimieren könnte am generellen Konzept (noch mehr mechanischer Grip, weniger Aerodynamik) geht das eigentlich schon in die richtige Richtung. Auf eine spannende Saison, und hoffentlich einen 5-fach WM am Ende .. ;)
Die Formel 1 hat heute (mal wieder) eine deutliche Antwort darauf bekommen, wie man die Rennen spannender macht: 1. Weniger Training, so dass die Ingenieure keine optimale Taktik ausrechnen können. 2. Weniger Grip, damit die Fahrer eine größere Rolle spielen und es so zu echten Überholmanövern kommt. 3. Startpositionen, die nicht der Geschwindigkeit der Autos entsprechen.
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