Interview mit Lewis Hamilton "Wir hatten eine Schrottkiste"

Den dreifachen Weltmeister Lewis Hamilton kennen viele. Aber was zeichnet den Menschen Hamilton aus? Im Interview spricht der Engländer über seinen Umgang mit dem Tod, seine Kindheit und den "absoluten 'King'": Nelson Mandela.

AFP

Von Karin Sturm


Zur Person
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    Lewis Hamilton wurde dreimal Formel-1-Weltmeister. 2008 gewann der damals erst 23-jährige Engländer den Titel für McLaren. Zwei weitere Triumphe folgten 2014 und 2015 mit Mercedes.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir mal nicht nur über Rennsport: Was motiviert den Menschen Lewis Hamilton? Was treibt Sie an, welche Werte, welche Ziele? Nicht nur auf der Strecke, sondern auch im Leben.

Lewis Hamilton: Um Werte geht es da weniger. Werte sind etwas, das man mitbekommen hat, die trage ich in mir. Was mich aber vor allem antreibt im Leben, ist die Tatsache, dass das Leben kurz und wertvoll ist. Viele von uns, vielleicht sogar alle, sehen das Leben als etwas Normales an, als etwas, was garantiert da ist. Aber das ist es nicht. Plötzlich wird jemand dann zum Beispiel krank - und dann fängt er auf einmal an, die Dinge ernst zu nehmen. Ich versuche, es von Anfang an ernst zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie zu dieser Erkenntnis gebracht? Das Risiko, mit dem Sie im Rennsport konfrontiert sind?

Hamilton: Mein entscheidendes Erlebnis war, dass vor etwa vier Jahren meine Tante gestorben ist. Ich war in den letzten zwei Wochen ihres Lebens fast die ganze Zeit bei ihr. Und an ihrem letzten Tag hat sie sich noch einmal aufgesetzt und gesagt, ich kann es nicht glauben, dass ich die ganze Zeit in einem Nine-to-five-Job gearbeitet habe, immer alles für später aufgespart habe, für die Dinge, die ich vielleicht noch einmal machen wollte. Sie habe immer gedacht, sie habe noch so viel Zeit - und dann hatte sie auf einmal keine mehr. Dieses Gespräch hat bei mir bewirkt, dass ich versuche, wirklich jeden Tag so intensiv wie möglich zu nutzen und zu schätzen. Keine Zeit zu verschwenden. Und vor allem all das hoch zu schätzen, wofür meine Familie immer gearbeitet hat, was sie investiert hat, damit ich meinen Weg gehen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Verstärkt Ihr Background, Ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen, diese Gefühle noch?

Hamilton: Schwer zu sagen - ich weiß ja nicht wirklich, wie das ist, wenn man anders groß geworden ist. Der Vorteil dessen, wo ich herkomme, ist, dass ich jetzt beide Enden des kompletten Spektrums erfahren habe. Ich weiß, wie es ist, irgendwo auf einer Couch zu schlafen - oder auch mal am Boden. Und jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich eigentlich alles haben kann, was mein Herz begehrt.

Aber das, was mir aus der Zeit meiner Jugend bis heute geblieben ist, ist dieser hundertprozentige Hunger auf Erfolg. Und das wirkt sich auch heute noch auf meine Fahrweise aus. Ich bin damals gegen Kinder Kart gefahren, die alles hatten, bis zum Luxus eines komfortablen Motorhomes und die besten Karts. Und wir hatten eine Schrottkiste. Aber wir haben damit gewonnen. Mit dem gleichen Hunger kämpfe ich heute noch auf der Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben diesen grandiosen Aufstieg geschafft - planen Sie, in Zukunft etwas zurückzugeben, anderen zu helfen?

Hamilton: Eine Stiftung, wie sie so viele andere Prominente haben, das ist irgendwie nichts für mich. Auch wenn es sicher ganz viele gibt, die gute Arbeit machen. Aber der Rennsport hat mir so viel gegeben - mit Sicherheit möchte ich etwas zurückgeben. Nur auf welche Weise, das habe ich noch nicht entschieden. Aber was mich am meisten interessiert, sind Kinder, Bildung.

Ich war ja schon in Indien, auf den Philippinen, habe dort viele unterprivilegierte Kinder getroffen, auch junge Frauen, die kaum für ihre Kinder sorgen konnten, die keine medizinische Versorgung hatten. Der Plan ist, mich in der Zukunft da noch viel mehr zu engagieren. Im Moment stecke ich noch zu 95 Prozent im Rennsport, aber nach dem Ende meiner Karriere wird das dann eher umgekehrt sein.

SPIEGEL ONLINE: Interessieren Sie sich sich für Politik?

Hamilton: Sagen wir so: Ich schaue mir die Nachrichten an... Was mir Sorgen macht, ist, dass die Welt von bestimmten Leuten kontrolliert wird - aber da kann ich nichts dagegen tun. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die Welt heute in einem schlimmen Zustand ist, vielleicht im schlimmsten überhaupt, seit ich mich erinnern kann. Was in der heutigen Zeit alles passiert, wie der Terroranschlag von Manchester... Das ist alles unfassbar. Aber es hat mich auch nicht mehr losgelassen, als ich die Bilder von den toten Kindern nach dem Giftgasangriff in Syrien gesehen habe. Wie können Menschen so dumm und so herzlos sein, so etwas zu tun?

SPIEGEL ONLINE: Nun sind Sie sehr bekannt, haben Millionen von Followern in den sozialen Netzwerken. Glauben Sie, dass Sie da etwas bewirken, vielleicht Menschen auch für bestimmte Dinge sensibilisieren können?

Hamilton: Ich kann Menschen nicht verändern, das kann man grundsätzlich nicht. Aber man kann vielleicht den einen oder anderen durch eine Botschaft, die man verbreitet, inspirieren. Wenn ich ein Krisengebiet wie Haiti nach dem Erdbeben besuche, vielleicht werden dann andere, die das sehen, ermutigt, dorthin zu gehen und zu helfen. Darum poste ich solche Dinge, in der Hoffnung, dass es bei manchen einen Punkt berührt, etwas auslöst. Vielleicht auch, dass man eigene kleine Probleme nicht mehr so wichtig nimmt. Aber letztlich ist es wohl nicht viel mehr als ein ganz feines Haar, das man in einen großen Teich wirft...

SPIEGEL ONLINE: Und wer hat Sie beeinflusst?

Hamilton: Ich habe keine echten Helden oder Idole in meinem Leben. Aber Vorbilder, die mich inspiriert haben. Als Fahrer eben Ayrton Senna, dann Muhammad Ali - und Nelson Mandela. Ich bewundere sie, weil sie sich für andere eingesetzt haben, für Menschenrechte, wie sie sich selbst immer treu geblieben sind. Nelson Mandela war für mich menschlich der Größte überhaupt. Ins Gefängnis zu gehen, dann herauszukommen und mit denen, die einen eingekerkert haben, Tee zu trinken... Die meisten würden doch in dem Moment, wo sie wieder frei sind, die Verantworlichen am liebsten umbringen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ihn mal näher kennengelernt?

Hamilton: Ja, wir sind so etwas wie Freunde geworden, er hat mich nach Südafrika eingeladen, ich habe dort eine Woche mit ihm zusammen verbracht. Das war für mich eine der schönsten und wichtigsten Erfahrungen meines Lebens, mit dem absoluten "King" zusammen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Mandela hat für die Freiheit gekämpft - was bedeutet Freiheit für Sie?

Hamilton: Freiheit ist die Chance, zu wachsen. Das ist wie bei einer Blume. Wenn man die mit einem festen Draht umgibt, dann kann sie auch nicht wirklich erblühen...

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insgesamt 3 Beiträge
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multimusicman 26.05.2017
1. Wieder ein sehr gutes Interview, das einen
reflektierten und intelligenten Rennfahrer zeigt. Wer nimmt sich als so erfolgreicher Sportler jeden Tag Zeit für seine sterbenskranke Tante... Hätte ich bei Hamilton so nicht gedacht... Der auch mal sagt er suche noch danach, wie er am besten etwas zurückgeben kann... auch das spricht für ihn. Dabei bescheiden und liebenswürdig als Mensch, als Gegner auf der Rennstrecke sicherlich ein Kämpfer und Egoist, aber so ist die Formel 1. Danke SPON für das Interview.
antares56 26.05.2017
2. Danke Lewis
Einige erstaunliche Aussagen. Er ist eben nicht so oberflächig wie manche dachten.
cindy2009 26.05.2017
3. gut gesprüht
Herzlich willkommen in der Gesellschaft, die keine Ahnung von richtigen Leben hat.
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