Verstappens Ausfall in Spa Maximale Enttäuschung

80.000 niederländische Fans waren wegen ihm an der Strecke, aber Max Verstappen schied früh aus. Mal wieder. Das Wunderkind der Formel 1 steckt in der ersten Krise - und denkt über einen Teamwechsel nach.

Max Verstappen
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Max Verstappen

Aus Spa-Francorchamps berichtet


Immer wieder schüttelte Max Verstappen den Kopf. Der Helm, extra für sein Rennen in den belgischen Ardennen, unweit seiner niederländischen Heimat, in der Landesfarbe Orange bemalt, bewegte sich beständig hin und her. "Unglaublich", stammelte der Red-Bull-Pilot dazu in den Boxenfunk. "Ich kann das einfach nicht fassen." Gerade mal acht Runden durfte er auf dem Circuit de Spa-Francorchamps mitfahren.

Beim Sieg von Lewis Hamilton, der seinen Rückstand auf Sebastian Vettel in der WM-Wertung auf sieben Punkte verkürzen konnte, schied Verstappen zum sechsten Mal in dieser Saison vorzeitig aus. Mal wieder streikte der Renault-Motor, "no power" hatte er wenige Sekunden vor seinem Parkmanöver ins Mikrofon gerufen.

Verstappen stellte seinen Wagen am Rande der Kemmel-Geraden ab, wo besonders viele niederländische Fans auf der Tribüne saßen. "Bei einem Top-Team dürfen solche Sachen nicht passieren", sagte er nach dem Rennen und wollte keine Entschuldigung gelten lassen: "Das ist kein Pech mehr, das ist einfach nur schlecht."

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Verstappen-Fans in Belgien: Spa erstrahlt in Orange

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber am Renntag sollen bis zu 80.000 Zuschauer aus den Niederlanden nach Belgien gepilgert sein. Die zahlreichen Campingplätze waren schon seit Donnerstag fest in Oranje-Hand. Wer an diesem Sonntag zur Strecke wollte, musste ab der Autobahnausfahrt mehrere Stunden einplanen. Die Euphorie um Verstappen hat in den Niederlanden eine Dimension erreicht, die an die Begeisterung um Michael Schumacher im Deutschland der Neunzigerjahre erinnert.

65 Punkte hinter Teamkollege Ricciardo

Umso enttäuschender ist der bisherige Saisonverlauf für Verstappen. Red Bull bietet, in Kombination mit dem Motor von Renault, kein Auto, mit dem er oder Teamkollege Daniel Ricciardo um den WM-Titel fahren könnten. Das war schon nach den ersten Testfahrten in Barcelona klar, aber dass Verstappen jetzt, nach dem zwölften Saisonrennen, 65 WM-Punkte hinter Ricciardo liegt, bildet die eigentlichen Kräfteverhältnisse innerhalb des Teams nicht ab.

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Formel 1 in Belgien: Hamilton-Show in Spa

Vor mehr als einem Jahr war Verstappen vom Schwesterrennstall Toro Rosso zu Red Bull gewechselt - und gewann sofort das erste Rennen in Barcelona. Jüngster Grand-Prix-Sieger der Geschichte, der mittlerweile 19-Jährige gilt völlig berechtigt als ein Ausnahmetalent. Vom eher erfolglosen Rennfahrer-Vater Jos Verstappen war er früh auf eine solche Karriere vorbereitet worden. Siege sind da eingeplant, aber nach dem Debüterfolg erklang in den folgenden 29 Rennen kein weiteres Mal die niederländische Hymne.

Stattdessen fiel er immer wieder durch eine besonders riskante Fahrweise und eine kaum vorhandene Einsicht auf, wenn es darum ging, Fehler einzugestehen. Genau das macht aber auch die Faszination für seine Fans aus. Dieser unangepasste Instinktfahrer braucht noch keine Siege oder WM-Titel, wenn er denn immer mal wieder solch außergewöhnliche Rennen wie im Regen von Brasilien 2016 zeigt.

Was bedeutet die Misere für Verstappens Zukunft?

Man könnte meinen, Verstappen müsste doch ähnlich denken. Immerhin ist klar, dass er für die vielen Ausfälle dieser Saison wenig konnte, dass er mit unterlegenem Material fährt und dass er noch viele Jahre in der Formel 1 vor sich hat. Aber weit gefehlt, Verstappen beginnt, sich nach einer Alternative zu Red Bull umzuschauen. "Wenn ich ein konkurrenzfähiges Auto habe, gibt es keinen Grund zu wechseln", sagt Verstappen. "Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir konkurrenzfähig werden."

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Fahrerrangliste in der Formel 1: Rambos, Anfänger, Lokalmatadoren

An der nahen Zukunft werden er und Manager-Vater Jos nichts ändern können. Verstappens Vertrag bei Red Bull läuft noch bis zum Ende des kommenden Jahres. Aber zur Saison 2019 dürfte es Bewegung auf dem Fahrermarkt geben. Nach der Vertragsverlängerung von Sebastian Vettel ist dann, Stand jetzt, nur ein Cockpit bei den drei Top-Teams besetzt.

Welche Optionen hat Verstappen dann? Selbstverständlich haben Mercedes und Ferrari grundsätzlich Interesse an einem solchen Top-Talent. Ein Wechsel zu den Italienern ist aber nur schwer vorstellbar, Vettel duldet keinen Ausnahmefahrer neben sich. Also Mercedes, aber da könnte Hamilton noch ein paar Jahre dranhängen.

Verstappens Aufstieg ist ins Stocken geraten - und das könnte vorerst so bleiben.



insgesamt 5 Beiträge
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GyrosPita 27.08.2017
1.
Eins muss man diesem Jüngelchen lassen Selbstbewusstsein: hat es. Man könnte meinen da macht ein mehrfacher Weltmeister sein Team rund und nicht ein Nachwuchsfahrer der bisher gerade ein einziges Rennen gewonnen hat. Wirklich großer Fahrer wie Schumacher leisten Entwicklungsarbeit an ihrem Auto und bringen ihr Team voran anstatt bei der ersten Krise in großes Wehklagen zu verfallen und sich nach einem anderen Team umsehen zu wollen. Entweder lernt das Jüngelchen Demut und bringt sich ein oder in fünf Jahren weiß keiner mehr wer Max Verstappen war da, lege ich mich fest.
crewmitglied27 27.08.2017
2. Solche "Instinktfahrer" wie Verstappen
hat es in der Geschichte der F1 immer schon gegeben. Z.B Pettersson, Gilles Villeneuve, Pironi, Reutemann, u.s.w. Die gewinnen manchmal Rennen, aber nie die WM. Aber häufig genug haben sie Unfälle verursacht, bei denen sie selbst oder andere verletzt wurden oder starben. Es wäre gut, wenn irgend jemand mal beruhigend auf den Jungen einwirken würde. Der ist eine Gefahr für alle anderen Fahrer.
bhang 27.08.2017
3. Na ja, der Junge
ist ein Genie. Deshalb versuchen die ganzen Teamverantwortlichen ihn, trotz der nach der heute gezeigten Frustration von ihm, zu beruhigen bzw. lassen seinen offen ausgesprochenen Frust gewähren, weil sie wissen, was für einen Diamanten sie da in ihren Reihen haben. Der Fehler seitens Verstappen wurde 2014 begangen: sich statt für Mercedes für RedBull zu entscheiden. Dabei sah man doch, da die Saison 2014 in vollem Gange war, dass nach der großen Regeländerung, Mercedes am Dominieren war. Und da statistisch gesehen die Dominanz eines Teams nie sehr viel länger als vier, fünf Jahre am Stück geht (vgl. Williams 1992-1997, McLaren 1988-1991, Ferrari 2001-2004, RedBull 2009-2013 und danach oft für mehrere Jahre geradezu Seuchenjahre an der Tagesordnung stehen, wie bei McLaren 1992-1997 oder Williams 1998-2000, RedBull 2014-?), war seine Entscheidung pro RedBull womöglich ein Kardinalfehler, was seine Karriere angeht.
bhang 28.08.2017
4. [Zitat] Solche "Instinktfahrer" wie Verstappen hat es in der
Geschichte der F1 immer schon gegeben. Z.B Pettersson, Gilles Villeneuve, Pironi, Reutemann, u.s.w. [/Zitat] Verstappen ist nicht einer von denen. Er wird eher mit Senna verglichen. Sagen auch Leute, die es wissen müssen (z.B. Gerhard Berger).
haifasuper 28.08.2017
5.
Sie schon wieder...Leben und leben lassen. Normalerweise jucken mich solche Kommentare nicht, aber manchmal ist es zum erbrechen!
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