F-1-Team Mercedes: Der ungeliebte Nachbar

Vom Nürburgring berichtet

Red-Bull-Pilot Vettel (l.), Hamilton, Rosberg: WM ist wieder spannend Zur Großansicht
AFP

Red-Bull-Pilot Vettel (l.), Hamilton, Rosberg: WM ist wieder spannend

Mercedes ist die neue zweite Macht in der Formel 1 neben Red Bull und sorgt für Aufsehen. Der Silberpfeil ist plötzlich ein Siegerauto, Motorsportchef Toto Wolff provoziert, wo er nur kann. Doch der sportliche Erfolg des Teams hat ein Geschmäckle.

Man kennt das ja von zu Hause. Es gibt Nachbarn, mit denen versteht man sich gut, mit anderen nicht so, oder man hat schlicht keinen Kontakt. Und dann gibt es noch die Sorte, die man überhaupt nicht leiden kann. Genau diese Abneigung ist derzeit in der Formel 1 zu beobachten.

Im Fahrerlager am Nürburgring, wo am Sonntag der Große Preis von Deutschland stattfindet (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky), stehen die Motorhomes von Red Bull und Mercedes direkt nebeneinander. Doch die Stimmung zwischen den Nachbarn ist mies.

Red Bull, dreimal in Folge Einzel- und Konstrukteursweltmeister, hegt im Moment keine großen Ambitionen, das Verhältnis zu seinem aufmüpfigen Nachbarn aufzubessern. Mercedes attackiert den Platzhirsch auf und neben der Strecke und macht sich geradezu einen Spaß daraus, den österreichischen Rennstall zu piesacken. Beispiele gefällig?

Fotostrecke

10  Bilder
Warm-up: Very british!
"Unser Auto ist im Moment das schnellste", tönt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Der Österreicher gab nach dem Rennen in Malaysia unumwunden zu, er habe gehofft, "dass sich die beiden Red Bull in die Karre fahren". Und unlängst posaunte er: "Auf Dauer ist es nicht akzeptabel, dass ein Brausehersteller 100.000 Mercedes-Mitarbeitern vor der Nase herumfährt."

Das war Red Bull, gegründet vom Brause-Milliardär Dietrich Mateschitz, endgültig zu viel. "Jetzt ist er zu weit gegangen, das Tischtuch ist zerschnitten", stellte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko anschließend klar.

Die Silberpfeile waren eher graue Mäuse

Bei Mercedes lösen solche Reaktionen fast so etwas wie Freude aus. "Die anderen reagieren immer allergischer auf uns", sagt Pilot Nico Rosberg amüsiert. Mercedes wird endlich wahrgenommen. Und das darf man durchaus als eine Art Anerkennung werten, denn dies ist neu für das Team.

Zur Saison 2010 war Mercedes in die Formel 1 zurückgekehrt. Doch in den ersten drei Jahren waren die Silberpfeile eher graue Mäuse. Wäre nicht Rekordweltmeister Michael Schumacher für das Team gefahren, die Zahl der Schlagzeilen wäre wohl überschaubar geblieben. 58 Rennen absolvierte das Duo Schumacher/Rosberg zwischen 2010 und 2012 für Mercedes. Heraus kamen ein erster Platz (Rosberg 2012 in China), vier dritte Plätze und eine Pole-Position. Eine miserable Ausbeute für ein Team, das binnen dreier Jahre ein WM-Kandidat werden wollte - und es nun plötzlich ist. Der große Konkurrent von Red Bull heißt nicht mehr Ferrari, sondern Mercedes. Der Stuttgarter Rennstall hat jüngst Platz zwei in der Konstrukteurswertung übernommen.

Acht Rennen, zwei Siege und drei dritte Plätze haben Rosberg und sein neuer Teamkollege Lewis Hamilton bislang geholt und sind damit besser als der Rennstall in den gesamten vergangenen drei Jahren. Wie stark Mercedes ist, zeigt sich vor allem im Qualifying: In neun Rennen stand sechsmal ein Mercedes auf Startplatz eins. Auf dem Nürburgring war Hamilton Schnellster in der Qualifikation. Der Engländer lobt den Wagen als "wunderbar ausbalanciert". Und sein Teamkollege Rosberg, der sich im Qualifying verzockte und nur Elfter wurde, hatte bei der Ankunft in der Eifel gesagt: "Ein ganz neues Gefühl, mit so einem Hammerauto zum Rennwochenende zu kommen."

Neues Auto und neues Personal für diese Saison

Nach den drei erfolglosen Jahren gab Mercedes seinem Teamchef Ross Brawn, der als technischer Direktor maßgeblichen Anteil an Schumachers sieben WM-Titeln hatte, und seinem Stab die nötige Zeit, ein ganz neues Auto zu entwickeln. Dafür kaufte man neue Ingenieure ein und nahm schlechte Ergebnisse in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison in Kauf.

Der Umbruch setzte sich beim Personal fort: Hamilton ersetzte Schumacher, Wolff kam für Mercedes-Urgestein Norbert Haug. Rosberg und Hamilton sorgten mit dem neuen Wagen für sehr gute Ergebnisse auf der Piste. Wolff mit seinen selbstbewussten, teils aggressiven, teils schnoddrigen Aussagen brachte das Team unabhängig von den Rennen in die Schlagzeilen.

Allerdings bleibt bei allem sportlichen Erfolg ein Geschmäckle. Weil Mercedes umstrittene Testfahrten in Barcelona absolvierte, für die das Team verurteilt wurde. Der Rennstall behauptete stets, er habe nur im Auftrag von Reifenhersteller Pirelli getestet und keine Erkenntnisse für die Fahrzeugabstimmung gewonnen. Das aber glaubt die Konkurrenz nicht. "Wie viele Rennen in diesem Jahr haben sie vor dem Test denn gewonnen", fragt Red-Bull-Teamchef Christian Horner.

Hintergrund: Seit den umstrittenen Tests soll Mercedes sein Problem mit den Hinterreifen in den Griff bekommen haben. Die hatten zuvor in den Rennen immer sehr schnell abgenutzt. Angeblich der Hauptgrund, warum das Team in den kurzen Qualifyings glänzen, in den langen Rennen aber nicht gewinnen konnte. Die beiden Siege in Monaco und Silverstone feierte Rosberg nach den Testfahrten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Formel 1
RSS
alles zum Thema Formel 1
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Formel 1: Rennkalender 2013
Rennen Datum Großer Preis von (Ort)
1 17.03. Australien (Melbourne)
2 24.03. Malaysia (Sepang)
3 14.04. China (Shanghai)
4 21.04. Bahrain (Manama)
5 12.05. Spanien (Barcelona)
6 26.05. Monaco (Monte Carlo)
7 09.06. Kanada (Montreal)
8 30.06. Großbritannien (Silverstone)
9 07.07. Deutschland (Nürburgring)
10 28.07. Ungarn (Budapest)
11 25.08. Belgien (Spa-Francorchamps)
12 08.09. Italien (Monza)
13 22.09. Singapur (Singapur)
14 06.10. Südkorea (Yeongam)
15 13.10. Japan (Suzuka)
16 27.10. Indien (Neu-Delhi)
17 03.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
18 17.11. USA (Austin)
19 24.11. Brasilien (São Paulo)