Mercedes-Motorsportchef Wolff "Ein Schuss Paranoia ist wichtig"

Mercedes dominiert die Formel 1, nach dem Gewinn der Team-WM soll nun der Fahrertitel her. Hier spricht Sportchef Toto Wolff über die Angst vor dem Verlieren, die künftige Teamorder und eine fragwürdige neue Regel.

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Ein Interview von


ZUR PERSON
Torger Christian Wolff, Rufname Toto, ist Teamchef des Formel-1-Rennstalls von Mercedes. Der Österreicher, 1972 in Wien geboren, war einst selbst in verschiedenen Rennsportserien aktiv, allerdings nie in der Formel 1. Wolff investierte seit 1998 in verschiedene Automobilprojekte und erwarb 2009 Anteile am Formel-1-Team Williams. Im Januar 2013 wurde er Nachfolger von Norbert Haug als Motorsportchef bei Mercedes. Im Oktober 2011 heiratete Wolff die schottische Rennfahrerin Susie Stoddart. Aus einer früheren Ehe hat er zwei Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wolff, unter Ihrer Führung hat Mercedes erstmals die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft gewonnen. Haben Sie kräftig gefeiert?

Wolff: Das blieb alles im Rahmen. Die Saison ist schließlich noch nicht vorbei, und wir wollen auch den zweiten Titel gewinnen, den es in der Formel 1 zu holen gibt. Am Sonntag beim Rennen in Austin wollen wir den nächsten Schritt dahin machen.

SPIEGEL ONLINE: Die Überlegenheit der Mercedes-Autos in diesem Jahr ist enorm. Wann war Ihnen klar, dass dem Team die Konstrukteurs-WM nicht mehr zu nehmen sein wird?

Wolff: Nach dem Rennen in Suzuka Anfang Oktober.

SPIEGEL ONLINE: Ach kommen Sie! Da hatte Ihr Team schon 190 Punkte Vorsprung auf Red Bull und brauchte nur 25 von damals noch möglichen 215 Punkten, um auch rechnerisch durch zu sein.

Wolff: Ich bin ein Zweckpessimist. Bevor man ein Ziel nicht erreicht hat, darf man sich auch nicht zurücklehnen, es kann immer noch etwas schiefgehen. Ich nenne das den Schuss Paranoia.

SPIEGEL ONLINE: Den was?

Wolff: Den Schuss Paranoia. Der ist wichtig, denn die Angst vor dem Verlieren muss dir jeden Tag im Nacken sitzen. Diese Angst macht dir das Leben nicht angenehmer, aber sie treibt dich an, sie lässt dich nicht ruhen.

SPIEGEL ONLINE: Dann anders gefragt: Welche Saisonphasen waren aus Ihrer Sicht entscheidend?

Wolff: Wichtig war der gute Start mit sechs Siegen zu Saisonbeginn. Und genauso wichtig war, dass wir nach der Sommerpause nicht nachgelassen, sondern vier von fünf Rennen gewonnen haben. In den Jahren zuvor haben wir nach dem Sommer immer einen Dämpfer bekommen und wurden zurückgeworfen. In diesem Jahr haben wie bewiesen, dass wir unseren Vorsprung nicht nur halten, sondern sogar ausbauen können.

SPIEGEL ONLINE: Das erste Rennen nach der Sommerpause in Spa lief alles andere als gut. Nico Rosberg fuhr Lewis Hamilton schon in der zweiten Runde ins Auto, die Aufregung war riesengroß.

Wolff: Das war fraglos ein schlimmer Sonntag für uns. Wir hatten unglaublich viel Aufwand betrieben, um die Autos nach dem Sommer noch besser zu machen, hatten dafür in Spa extra neue Teile an den Wagen montiert. Dann ohne Not dieses Rennen nach zwei Runden wegzuwerfen, wenn man an Position eins und zwei liegt, das war ein ziemlicher Schlag. In diesem Moment hatten wir den Eindruck, dass nicht jeder respektiert, was das Team für einen Aufwand für den Erfolg betreibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom Unfallverursacher Rosberg?

Wolff: Ich spreche davon, dass es notwendig war, sich zusammenzusetzen und einmal alles auszumisten. Wir haben das intern geklärt, seitdem ist Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Noch in Spa sagten sie, so etwas dürfe sich keinesfalls wiederholen, um nicht den Gewinn der Team-WM zu gefährden. Das Thema ist nun durch. Dürfen ihre beiden Piloten in den drei ausstehenden Rennen also frei von jeder Teamorder fahren, wie sie wollen?

Wolff: Nein, definitiv nicht. Es gibt nämlich noch eine Fahrerwertung, die medial viel relevanter ist als die Team-WM. Die Fahrer-WM ist das, was die Leute wirklich interessiert. Und der Vorsprung von Lewis und Nico auf den Klassement-Dritten Daniel Ricciardo ist noch nicht so groß, dass wir unsere beiden Piloten komplett von der Leine lassen können, ohne Rücksicht auf Verluste.

SPIEGEL ONLINE: Ricciardo hat 92 Punkte Rückstand auf den WM-Führenden Hamilton und jeder Fahrer kann nur noch maximal 100 Punkte holen.

Wolff: Das ist halt wieder der Schuss Paranoia. Denn ich habe ehrlich gesagt keine Lust, dass wir am Saisonende zu diesem 50-Punkte-Rennen nach Abu Dhabi fahren und Ricciardo kann uns theoretisch noch den Titel entreißen. Ich hätte gerne vorher Klarheit. Und wenn wir die Luxussituation haben, dass unsere Fahrer wirklich nicht mehr einzuholen sind, können wir gerne nochmal darüber reden, ob sie völlig frei fahren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Abu Dhabi angesprochen, wo es die doppelte Punktzahl gibt. Was halten Sie von dieser neuen Regel?

Wolff: Sportlich gesehen ist das großer Humbug. Das gibt einem einzigen Rennen mehr Wert als den anderen 18. Ich kann verstehen, dass damit die Spannung bis zum Schluss hochgehalten werden soll. Aber ich hoffe auch, dass die Spannung dann in der Frage besteht: Wird Hamilton oder Rosberg Weltmeister?

SPIEGEL ONLINE: Können Sie versprechen, dass die beiden auch im kommenden Jahr das Duo bei Mercedes bilden? Schließlich ist der Fahrermarkt derzeit kräftig in Bewegung: Vettel wird wohl zu Ferrari gehen, angeblich soll Alonso gerne zu Mercedes wollen und Hamilton ist immer wieder bei McLaren im Gespräch.

Wolff: Im Leben ist grundsätzlich nichts hundertprozentig sicher. Aber die Sicherheit, dass Lewis und Nico über die Saison hinaus für uns fahren, liegt bei 99,9 Prozent, schließlich haben sie gültige Verträge für 2015. Und wir wollen gerne noch länger mit ihnen zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssten sich doch eigentlich sehr auf das kommende Jahr freuen, schließlich stehen keine größeren Regeländerungen an. Und die Vergangenheit hat gezeigt: Hat sich ein Team erst einmal einen technischen Vorsprung erarbeitet, dominiert es auch über Jahre, wie Ferrari zwischen 2000 und 2004 oder Red Bull zwischen 2010 und 2013.

Wolff: Da halte ich es mit der Baseball-Legende Babe Ruth: "Yesterday's home runs don't win today's games." Es muss das Ziel sein, dass wir uns immer weiter verbessern und nicht nachlassen. Ansonsten sind die erfolgreichen Zeiten ganz schnell wieder vorbei.

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TICKundTOOF 30.10.2014
1. Ermüdend
Lasst die Fahrer sich bekriegen, die Formel 1 ist so langweilig geworden... Gähn.
ziehenimbein 30.10.2014
2. Der Einzige, der bei Mercedes
noch sagt was er denkt ist Lewis Hamilton und der sollte es besser lassen. Herr Wolff besticht, neben seiner kaum zu toppenden Selbstverliebtheit, vor allem durch seine inhaltsleeren Aussagen. Das Interview hätte man sich komplett schenken können. Ich habe nicht eine einzige Aussage gefunden, an der man den Herren messen könnte! Aber genau das ist wohl die Marschrichtung im Mercedes Team, viel BLA, mal ein BLUBB eingestreut und bloß nicht konkret werden. Ab einem gewissen Jahreseinkommen geht wohl jegliche Bereitschaft zu seinem Tun zu stehen den Bach runter, bzw. wird von der Angst des Arbeitsplatzverlustes und/oder der in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden unterdrückt. Nicki Lauda gehört auch in die Kategorie, wenn meine Freunde ihn auch eher schlicht für senil halten.
Nabob 30.10.2014
3. Erhellend
Unabsichtlich gibt er zu, dass die Fahrer vom Team gesteuert werden, Hamilton soll es machen und wenn der nicht mehr einholbar ist, darf Rosberg für die Kosmetik der Gleichberechtigung auch noch einmal - aber vielleicht doch besser erst 2015. Affentheater von Menschen, die aufgrund ihres Lebensalters besser verantwortliche Tätigkeiten für erwachsene Männer ausüben sollen - als so einen kindlichen Unsinn zu verbreiten.
Dr. Elmo 30.10.2014
4. War da was?
Mal ehrlich: Daß Mercedes die Formel 1 dominiert, ist mir völlig neu. War das nicht mal Ferrari? Ich schaue mir das Rumfahren-im-Kreis offenbar schon viel zu lange nicht mehr an. Gab's da nicht mal einen Deutschen, der in dieser Sportart recht erfolgreich war???
annibertazeh 30.10.2014
5. Paranoia?
Wenn die in dem Job immer zugehörig und wichtig ist, kann die Schlußfolgerung doch nur lauten, dass dann immer extern kühler und wacher Kopf zur Beaufsichtigung unabdingbar ist. Jemand, der/die den/die Paranoiker an die Hand nimmt und führt.
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