Rosbergs Sieg in Abu Dhabi Eine Frage der Einstellung

Zum Saisonabschluss hat Nico Rosberg drei Rennen in Folge gewonnen. Weltmeister Lewis Hamilton hatte das Nachsehen und zeigte erste Schwächen. Was hat sich bei Mercedes geändert?

Aus Abu Dhabi berichtet Karin Sturm

Getty Images

Es ist die Frage, die sich alle stellen: Was hat sich verändert, seit Lewis Hamilton in Austin Weltmeister wurde? Seit jenem Rennen mit der umstrittenen Situation, in der sich Nico Rosberg von seinem Teamkollegen am Start zum zweiten Mal unfair von der Strecke gedrängt fühlte?

Rosberg war schon als ewige Nummer zwei abgeschrieben, und plötzlich gewinnt er wieder. Der alte und neue Champion Hamilton sah gegen Rosberg keinen Stich mehr. Auch beim Saisonfinale in Abu Dhabi hatte der Deutsche die Nase vorn und gewann seinen dritten Grand Prix in Serie.

Ist Rosberg ohne den Druck so viel stärker geworden, weil er lockerer ist und zugleich aggressiver fährt? Hat Hamilton nachgelassen, nachdem er sein Ziel erreicht hatte? Und was ist dran, an den Klagen des Engländers, die neue Richtung der technischen Entwicklung bei Mercedes seit Singapur begünstige Rosberg? Es ist "von allem ein bisschen, vor allem im menschlichen, im mentalen Bereich", sagt Mercedes-Sportchef Toto Wolff. Eine technische Erklärung sieht er nur bedingt.

Hamilton gibt der Technik die Schuld

Hamilton wiederholte nach dem Großen Preis von Abu Dhabi massiv seine alte Behauptung: Eine Änderung am Auto, die man bei Mercedes nach dem Problemwochenende von Silverstone eingeführt hat, habe dazu geführt, dass er sich im Auto nicht mehr ganz so wohlfühle. "Seitdem wir dieses neue Teil haben, hat meine Seite der Box verloren, die andere gewonnen." Dieses "Teil" ist ein Dämpfer, der andere Set-up-Einstellungen ermöglicht. Wolff sagte, es könne schon sein, dass eine leicht veränderte Charakteristik einem Fahrer nicht so angenehm sei, selbst wenn sie objektiv das Auto schneller gemacht habe. Aber es sei halt auch die Frage, wie man damit umgehe.

Was der Sportchef eigentlich meint: Bei der Suche nach einer Erklärung für die gegenwärtige Situation versteift sich Hamilton darauf, in der Technik das Problem zu sehen. Er flüchtet sich immer mehr in diese Theorie, die die meisten eher für eine Ausrede halten. Sein eigenes Kopfproblem vergrößert Hamilton damit nur, denn er muss ja davon ausgehen, dass diese Entwicklungsrichtung auch für die neue Saison 2016 gelten wird.

Entscheidend ist, "wer als erster aus der Kurve kommt"

Rosberg kann das nur Recht sein. Er will den Schwung des Saisonfinales über den Winter mitnehmen bis zum Start 2016. Im vergangenen Jahr hatte er das Finale in Abu Dhabi verloren. "Der Winter 2014/15 war hart. Diesmal ist das anders. Ich kann sicher einiges mitnehmen, auch von dem, was ich selbst verändert, verbessert, gelernt habe", sagte Rosberg. Vor allem nimmt er mit, in den Qualifyings wieder vorn zu sein, denn: "Das ist letztlich der entscheidende Unterschied, wenn es so knapp ist wie zwischen uns: Wer als erster aus der ersten Kurve kommt."

Über die Gemütsverfassung seines Teamkollegen will Rosberg nicht spekulieren: "Aber zumindest heute auf dem Podium hat er keinen so glücklichen Eindruck gemacht." Auf der Pressekonferenz danach im Übrigen auch nicht. Da feuerte er mal wieder eine Verbalattacke gegen Rosberg: "Ich gehe glücklich in die Winterpause. Weltmeister klingt schließlich immer noch besser als Rennsieger." Was allerdings eher nach trotzigem Kind als nach echter Überzeugung klang.

Wer als Verlierer Psychokrieg betreiben will, macht selten eine gute Figur. Das musste Rosberg in der Vergangenheit auch mehr als einmal erfahren.

Es bleibt ein Duell der Silberpfeile

Im Prinzip muss Rosberg damit rechnen, dass es auch 2016 wieder auf ein WM-Titelkampf einzig und allein mit Hamilton hinauslaufen wird. Auch wenn Toto Wolff gern die Gegner ein bisschen stark redet. Er betont, Ferrari könnte noch einen weiteren großen Schritt machen und herankommen und auch Red Bull werde sicher alles versuchen, um wieder konkurrenzfähiger zu sein.

Dennoch: Der Vorsprung der Silberpfeile ist in Wahrheit ja meistens größer als es die reinen Zahlen ausdrücken - weil mal die Technik gar nicht bis zum Ende ausreizen muss. Und auch bei Mercedes werden bereits viele neue Entwicklungen vorbereitet, die das Team weitere Schritte nach vorn bringen wird. Wie sagte Technikchef Paddy Lowe kürzlich ironisch: "Klar, alle anderen werden wie verrückt weiter entwickeln, nur wir werden den ganzen Winter am Strand liegen und nichts tun."

Entscheidend könnten gleich die ersten Rennen 2016 werden: Gelingt es Rosberg dort, die Erfolgsserie fortzusetzen, dieses entscheidende Zehntel schneller zu sein und dann auch vorn zu bleiben, dann hat er eine Chance, den Überflieger Hamilton im Titelrennen doch noch einmal zu besiegen. Denn der zeigte jetzt im Saisonfinale, dass er verwundbar ist. Auch mental. Und das könnte für Rosberg mittelfristig die wichtigste Erkenntnis sein. Er muss sie jetzt nur ausnutzen.

Formel-1-Saison 2015
Die Teams und Fahrer
Mercedes
Lewis Hamilton und Nico Rosberg
Red Bull
Daniel Ricciardo und Daniil Kwjat
Williams
Felipe Massa und Valtteri Bottas
Ferrari
Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen
McLaren Honda
Fernando Alonso und Jenson Button
Force India
Nico Hülkenberg und Sergio Pérez
Toro Rosso
Max Verstappen und Carlos Sainz jr.
Lotus
Romain Grosjean und Pastor Maldonado
Sauber
Marcus Ericsson und Felipe Nasr
Manor Marussia
Will Stevens und Roberto Merhi
Der Rennkalender
Die Rekorde
Die meisten WM-Titel
Michael Schumacher (7)
Die meisten Grand-Prix-Siege
Michael Schumacher (91)
Die meisten Siege in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 13)
Die meisten Start-Ziel-Siege
Ayrton Senna (19)
Die meisten Podestplätze
Michael Schumacher (155)
Die meisten Podestplätze in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 17)
Die meisten Pole-Positions
Michael Schumacher (68)
Die meisten Pole-Positions in einer Saison
Sebastian Vettel (15)
Die schnellsten Rennrunden
Michael Schumacher (77)
Die meisten Grand-Prix-Starts
Rubens Barrichello (323)

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
spon_3064063 29.11.2015
1. Alles abgesprochen!
Langeweile!Wen interessierts noch?
SirWolfALot 29.11.2015
2.
Als ob Hamilton schwächen zeigt. Ihn interessiert das überhaupt nicht mehr ob er gewinnt oder nur zweiter wird. Mercedes lässt rosberg gewinnen damit es nicht noch mehr stunk im Team gibt.
dimaco 29.11.2015
3.
Ich habs bis vor 3 Jahren angesehen und dann habe ich das Interesse verloren. Und das finde ich gut.
trifids 29.11.2015
4. Ja wenn's denn schon...
in der ersten Kurve entschieden ist, warum kreiseln die denn noch 70 Runden in ferngesteuerten Autos?
vij 29.11.2015
5. naiv
Rosberg glaubt doch im ernst, daß er gewinnt, weil er besser drauf ist... Wann wacht er auf, er gewinnt, weil Hamilton ihn gewinnen lässt
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