Von Ralf Bach
Ob sich die Mercedes-Werbestrategen da nicht selbst ein Bein gestellt haben? Jedenfalls gab ein TV-Spot Anfang des Jahres im Fahrerlager der Formel 1 reichlich Anlass zum Spott. In dem Werbefilm wird Mercedes-GP-Pilot Michael Schumacher auf schneebedeckter Fahrbahn zuerst von Mika Häkkinen überholt, später von Franz Beckenbauer. "Rentner", flachst der 66-jährige "Fußball-Kaiser" dabei amüsiert. Ob Schumacher darüber wirklich lachen kann?
Die Branche jedenfalls zweifelt an dem Altmeister. "Wer seine Interviews liest, die mehr Ausreden sind als Analysen, sieht, wie sehr Schumacher unter Druck steht", sagt Formel-1-Experte Gerhard Berger. Der Grund dafür soll Teamkollege Nico Rosberg sein. "Der ist einfach klar schneller. Im Red Bull würde er ebenso wie Sebastian Vettel Rennen gewinnen", erklärt Berger.
Eine gewagte These ob Vettels derzeitiger Dominanz. Dennoch haben sich die Verantwortlichen aus Untertürkheim ihre Team-Hierarchie sicher anders vorgestellt. Statt dem Rekordweltmeister Michael Schumacher trauen die Experten dem 16 Jahre jüngeren Rosberg in Zukunft Rennsiege und Titel zu. Kein Wunder, dass sich da selbst der Oberboss gemüßigt sieht, einzugreifen. Bei der Internationalen Automobil-Ausstellung im September lobte Daimler-Chef Dieter Zetsche Schumacher, ohne dass er gefragt wurde. "Michael kann das ja selbst nicht sagen, aber er hat einen absoluten Super-Job gemacht. Mit einem Auto, das noch nicht ganz auf dem Niveau der besten Wettbewerber ist, über 20 Runden einen super spannenden Kampf zu liefern, das war Racing pur", sagte Zetsche über Schumachers Duell mit Lewis Hamilton beim Rennen in Monza.
Viel Talent, keine Siege
Dass Zetsche dabei Rosberg vernachlässigte, wird der gut verkraften können. Denn der Marktwert des 26-Jährigen ist in die Höhe geschnellt, seit er regelmäßig Teamkollege Schumacher besiegt. Einen Grand Prix in der Königsklasse konnte Rosberg auch in 102 Rennen zwar nicht gewinnen. Überraschend, dass er dennoch einen dermaßen guten Ruf in der Formel-1-Szene genießt, die ansonsten so viel Wert auf Resultate legt.
Rosberg gilt eben nicht nur als Hoffnungsträger ohne Sieg, er gilt auch als besser als sein "Silberpfeil". Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer erklärt einen der Gründe: "Nico macht schon rein optisch einen Super-Job. Wenn du ihn an der Strecke beobachtest, sieht man, wie blitzsauber er fährt. Und das Runde für Runde. Ohne einen Fehler zu machen." Auch RTL-Kommentator Christian Danner outet sich als Rosberg-Fan: "Nico ist mit der Einzige, der dieses Besondere immer wieder aufblitzen lässt." Sei es, so Danner, durch Bestzeiten in Streckenabschnitten oder durch phänomenale Überholmanöver.
Selbst ehemalige Weggefährten sehen Schumacher im Vergleich zu Rosberg im Nachteil. Flavio Briatore etwa, der als Benetton-Teamchef zusammen mit Schumacher 1994 und 1995 zwei WM-Titel einfuhr, sagte: "Das ist für mich ganz klar eine Frage der Motivation und des Alters."
Schumachers ehemaliger Teamkollege bei Ferrari, Eddie Irvine, ist ebenfalls von dem jungen Deutschen überzeugt. "Rosberg ist ein fantastischer Fahrer, der meiner Meinung nach in die Gruppe der Allerbesten gehört", so der Ire, "Schumacher hat gegen Rosberg keine Chance mehr. Nico braucht aber endlich ein Top-Auto. Ich würde ihn deshalb gerne bei Red Bull oder Ferrari sehen."
Bleibt am Ende die Frage: Ist Rosbergs Image so gut, weil er Formel-1-Ikone Schumacher schlägt, oder weil er einfach ein klasse Fahrer ist? Das einzige, was Rosberg zur Beantwortung dieser Frage fehlt, ist der Beweis. Auch für sich selbst. "Denn", so Surer, "du ahnst zwar, zu was du fähig bist, aber du weißt es erst nach dem ersten Sieg." Der Schweizer erinnert an Sebastian Vettel. "Er gewann sein erstes Rennen mit einem Toro Rosso, machte damit quasi Unmögliches wahr. Genau das muss Nico Rosberg jetzt auch bald mal schaffen." Damit wäre der letzte Zweifel beseitigt, dass er zu den Top-Fahrern der Formel 1 gehört.
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