Reifendebatte in der Formel 1: Ein bisschen Frieden

Vom Nürburgring berichtet

Ecclestone (l.), Hembery: "Keine Albträume" Zur Großansicht
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Ecclestone (l.), Hembery: "Keine Albträume"

Nach den dramatischen Vorfällen in Silverstone hat Pirelli überarbeitete Reifen mit zum Nürburgring gebracht. Die Kritik am italienischen Hersteller überdeckt die Tatsache: Die Probleme mit den Gummis sind von der Formel-1-Führung heraufbeschworen worden.

Alpträume? Nein, so schlimm sei es dann doch nicht, versichert Paul Hembery mit einem Lächeln. Der Engländer sitzt im Pressezentrum am Nürburgring, wo am Sonntag der Große Preis von Deutschland stattfindet (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky). Vor ihm lauern wieder einmal dutzende Pressevertreter.

Hembery ist Motorsportchef von Pirelli und derzeit die wohl meistgefragte Person in der Formel 1.

Der Stand in der WM-Wertung? Fast schon Nebensache, alles dreht sich nur noch um die Reifen - und Hembery muss seit Wochen massive Kritik für die vom italienischen Hersteller gelieferten Pneus einstecken.

Erst für zu weiche, dann für platzende Reifen. Der vorläufige Tiefpunkt war erreicht, als die Fahrer am Donnerstag mit Streik drohten. Der ist bislang ausgeblieben, weil sich im Training am Freitag keine weiteren Reifen in ihre Einzelteile auflösten. Endlich ein bisschen Frieden im Fahrerlager und Ruhe für Hembery, der in der ganzen Angelegenheit die ärmste Sau ist.

Weniger Boxenstopps gleich weniger Spannung

Um die Rolle von Pirelli, und damit von Hembery, zu verstehen, muss man in die vergangene Formel-1-Saison zurückblicken. Damals lieferten die Italiener einen Reifen, mit dem alle zufrieden waren - nur die Formel-1-Verantwortlichen nicht. Die Pneus waren derart zuverlässig, dass in manchen Rennen nur ein Boxenstopp nötig war, manchmal waren es auch zwei. Weniger Boxenstopps bedeuten weniger Führungswechsel und das bedeut weniger Spannung.

Daher lautete zu dieser Saison der Auftrag von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone an Pirelli: Macht die Reifen weicher und weniger haltbar. Das Problem ist also von der Formel-1-Führung heraufbeschworen worden.

Die Teams fluchten, weil kaum eines von ihnen eine vernünftige Abstimmung zwischen Auto und Reifen hinbekam. Mal hielten die Reifen, mal nicht. Red Bull fuhr, trotz aller Beschwerden des Teams um Weltmeister Sebastian Vettel, in den ersten sieben Rennen gute Ergebnisse ein, Lotus auch, Ferraris Platzierungen waren ebenfalls okay. Am lautesten schimpfte Mercedes, weil die Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton trotz sehr guter Qualifying-Ergebnisse zu selten aufs Podium fuhren - die Hinterreifen nutzten im Rennen zu schnell ab.

Reifenteile flogen knapp an Alonsos Kopf vorbei

Bis zum Großen Preis von Großbritannien beschränkte sich der Reifenstreit auf den Kampf um WM-Punkte, in Silverstone wurde daraus ein Kampf ums Überleben. Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten Fernando Alonso im Ferrari die Reifenteile des vor ihm fahrenden McLaren-Piloten Sergio Pérez getroffen, anstatt wenige Zentimeter am Kopf des Spaniers vorbeizufliegen. "Wenn du hinter einem Wagen mit 300 Stundenkilometern bist, Teile durch die Luft fliegen und deinen Helm treffen, sind die wie Geschosse. Die killen dich wahrscheinlich", hatte Alonso nach dem Rennen in England gesagt.

Aber die Formel-1-Bosse sind nicht die Alleinschuldigen, und hier kommt Alonsos Ferrari-Team ins Spiel. Die Italiener haben im Verbund mit Lotus und Force India die Einführung neuer Reifen verhindert. Denn eigentlich wollte Pirelli schon für den Großen Preis von Kanada Anfang Juni überarbeitete, länger haltende Pneus liefern. Die Einführung neuer Reifen während der Saison ist laut Reglement jedoch nur möglich, wenn alle elf Rennställe zustimmen.

Die drei besagten Teams lehnten ab, weil sie eine gute Abstimmung zwischen Wagen und Reifen gefunden hatten, sich also im Vorteil wähnten. Daher blieb es zunächst bei den alten, schnell abbauenden Gummis. Erst nach dem Rennen in Silverstone lenkten Ferrari, Lotus und Force India ein.

Auf dem Nürburgring kommen jetzt hinten am Auto genau diejenigen Reifen zum Einsatz, die Pirelli in Kanada zur Verfügung stellen wollte. Angesprochen auf die Pneus sagte Vettel nach dem Training am Freitag: "Sehr positiv, wir hatten keine Probleme. Und mit 'wir' meine ich alle Fahrer." Rosberg glaubt jedoch, dass die Reifen "Auswirkungen auf die Leistung in Qualifying und Rennen haben. Möglich, dass alles ein bisschen durcheinandergewirbelt wird."

Im Training war davon nichts zu sehen: Vettel war Schnellster vor Rosberg und seinem Teamkollegen Mark Webber. Vor einer Woche in England hieß die Reihenfolge am Freitag Rosberg, Webber, Vettel. Die Besten sind die Altbekannten, nur die Reifen sind neu. Wenn sie halten, wird Hembery auch keine Fragen mehr nach seinem Schlaf beantworten müssen.

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Großer Preis von Großbritannien: Geplatzte Reifen, geplatzte Träume

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