Formel 1: "Rennfahrer sind besonders sensible Wesen"

McLaren-Mercedes ist wieder da. Vor dem Grand Prix in Barcelona führen die beiden Silberpfeile die Formel-1-Wertung an. Motorsport-Chef Haug spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über selbstgemachten Druck, den Umgang mit seinen Fahrern und das Karriereende.

SPIEGEL ONLINE: Herr Haug, Sie beschäftigen neben Fernando Alonso als amtierendem Weltmeister auch den Formel-1-Neuling Lewis Hamilton. Trotzdem verzichten Sie auf eine klare Hierarchie. Warum?

Motorsportchef Haug: "Wichtig ist Vertrauen"

Motorsportchef Haug: "Wichtig ist Vertrauen"

Norbert Haug: Wir haben nicht nur zwei Fahrer im Team, sondern auch zwei Mannschaften, die die Autos betreuen und einsetzen. Wir wollen fair mit allen Mitarbeitern umgehen, zuvorderst den Fahrern, und allen die beste Chance für größten Erfolg geben. Das schafft einen positiven Wettbewerb. Eine Bevorteiligung einer Mannschaft kommt für uns nicht in Frage.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Erfahrung?

Haug: Eine große. Fernando Alonso ist 25, hat 20 Jahre Rennerfahrung. Lewis Hamilton ist 22 und fährt seit 17 Jahren Rennen. Die Formel 1 ist ihre Meisterprüfung, die Fernando als Weltmeister schon zweimal mit Bravour bestanden hat. Ihre Lehrzeit davor konnten beide vergleichsweise unbeobachtet absolvieren, wenngleich auch überaus erfolgreich.

SPIEGEL ONLINE: Hamilton wird nach seinem grandiosen Formel-1-Einstieg schon jetzt großer Respekt zuteil. Hatten Sie je einen talentierteren Fahrer in Ihren Reihen?

Haug: Lewis gehört zu den großen Talenten, kein Zweifel. Jetzt aber mit Superlativen um sich zu werfen ist nicht unsere Art. Das macht keinen Sinn und steigert auch nicht seine Leistungsfähigkeit. Lewis weiß, was er kann, wir wissen es, und er hat mit Fernando den derzeit wohl komplettesten Formel-1-Fahrer an seiner Seite. Ein gutes Auto und der bestmögliche fahrerische Maßstab im Team sind ideale Voraussetzungen für Spitzenleistungen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hat heute noch der Fahrer in dieser technisierten Formel 1 - selbst wenn er brillant ist?

Haug: Wenn ein Fahrer zum Beispiel zwei Zehntel pro Runde schneller fahren kann als sein Teamkollege, liegt er am Ende eines Grand Prix über 70 Runden 14 Sekunden vorn. Das kann heute über den Sieg oder einen Platz außerhalb der Punkteränge entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen enger privater Kontakt zu Ihren Fahrern? Alonso hat Sie in einem Interview als "guten Typen" beschrieben.

Haug: Wichtig ist Vertrauen. Der Fahrer und alle Teammitglieder bringen nur dann volle Leistung, wenn sie wissen, dass sie voll respektiert werden und keinerlei Benachteiligungen haben. Fahrer sind in der Regel besonders sensible Wesen - wie ja auch viele Spitzenkönner in anderen Branchen. Wenn man so eng zusammenarbeitet wie in einem Formel-1-Team, ist gegenseitiger Respekt besonders wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wird der diesjährige WM-Titel ausschließlich zwischen Ferrari und Mercedes ausgefahren?

Haug: Als Prophet bin ich ziemlich untauglich - und die meisten, die meinen, heute zu wissen, was morgen in der Formel 1 passiert, täuschen sich oft gewaltig. Ich denke, dass sich mehrere Teams weiter steigern werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie rechnen neben BMW auch noch mit Renault?

Haug: Auch nach Rückschlägen erholen sich die Spitzenmannschaften stets wieder, durch immer noch härtere Arbeit - so wie wir 2004, als wir in der ersten Saisonhälfte nicht gerade stark waren. Im Jahr darauf gewannen wir dann 10 von 18 Rennen. Ferrari gewann 2005 gar nichts außer dem Grand Prix in den USA mit nur zwei bis dato punktelosen Teams als Gegner und war ein Jahr später trotzdem wieder stark und fähig, die WM zu gewinnen – genauso wie in diesem Jahr.

SPIEGEL ONLINE: DaimlerChrysler-Vorstandschef Dieter Zetsche hat gefordert: "Mercedes muss vorne stehen." Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Haug: Nichts anderes hat unsere Rennmannschaft je gewollt. Dafür arbeiten wir alle Tag und Nacht. Der selbstgemachte Druck ist der wertvollste und ist so wichtig wie das Benzin im Tank zum Zünden des Motors.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft müsste Mercedes Weltmeister werden, damit Sie sagen: Ich höre auf, jetzt kann nichts mehr kommen, ich habe alles erreicht?

Haug: Gerne von jetzt an bis zu meiner Rente.

Interview: Frieder Pfeiffer

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