Riskanter Fahrstil von Vettel "Das ist mein Verständnis von Rennfahren"

Lewis Hamilton fährt in der Saison 2018 nicht nur schneller als Sebastian Vettel, sondern risikoscheuer - und cleverer. Im Titelkampf spielt der Kopf eine ebenso große Rolle wie der Gasfuß.

Sebastian Vettel
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Sebastian Vettel

Aus Austin berichtet Christian Menath


"Offense wins games, defense wins championships" - das weiß auch Lewis Hamilton. Der Führende der WM-Wertung hat die alte US-Sportweisheit auf die Formel 1 übertragen: "Meisterschaften werden nicht mit dummen Fehler in Zweikämpfen gewonnen", sagte der Mercedes-Pilot nach dem Großen Preis der USA in Austin.

Dabei könnte sich Hamilton beim derzeitigen Stand in der Weltmeisterschaft das Risiko leisten. Schon vor dem Rennen in Texas war der Titel praktisch entschieden, es geht nur noch um den Zeitpunkt, an dem Sebastian Vettel auch rechnerisch keine Chance mehr hat. Beim Rennen in Mexiko, das schon in einer Woche stattfindet, braucht Hamilton nur fünf Punkte, um seinen fünften WM-Titel perfekt zu machen.

Dennoch schmerzte es Hamilton, dass er ausgerechnet "seinen" GP nicht gewinnen konnte. Amerika, das ist inzwischen seine zweite Heimat, der Circuit of the Americas in Austin seine Strecke. Bis auf einen Erfolg von Sebastian Vettel gingen seit dem Debüt 2012 alle Siege an Hamilton.

"Du hättest mich ruhig abdrängen können"

Doch am Sonntag wurde Hamilton nur Dritter. In einem strategisch schwierigen Rennen fiel er nicht nur hinter Kimi Räikkönen im Ferrari, sondern auch hinter Red-Bull-Pilot Max Verstappen zurück. Wenige Runden vor Rennende kam er mit großem Geschwindigkeitsüberschuss an beide herangerauscht.

Doch Hamilton wartete ab, legte sich Verstappen zurecht. Als er zupacken wollte, gab Verstappen nicht auf. Hamilton zog lieber zurück und begnügte sich mit Platz drei. "Du hättest mich ruhig noch ein wenig abdrängen können", sagte Verstappen später zu Hamilton. "Bei dir weiß man nie", sagte der Brite. Max Verstappen ist für seinen rabiaten Fahrstil bekannt.

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Formel 1: Räikkönen jubelt wieder, Hamilton (noch) nicht

Sebastian Vettel hatte sich vor zwei Wochen in Japan anders entschieden. Im Zweikampf mit dem jungen Niederländer riskierte Vettel zu viel und drehte sich. In Austin wurde Vettel einmal mehr Opfer seiner eigenen Ungeduld. Schon in der ersten Runde drehte er sich im Zweikampf mit Verstappens Teamkollegen Daniel Ricciardo. Der Ferrari-Pilot fiel dabei weit zurück, verlor jegliche Chancen auf den Rennsieg. Es war bereits sein dritter Dreher in den vergangenen fünf Rennen. "Es gehört schon zum Schema", sagte Vettel.

Hamilton hat einen anderen Fahrstil

Was der Deutsche nach der längst verlorenen Weltmeisterschaft mit Galgenhumor nehmen kann, war über weite Strecken der Saison ein ernsthaftes Problem. In Aserbaidschan wollte Vettel zu viel, verbremste sich und verlor Plätze. In Frankreich riskierte er am Start zu viel und kollidierte mit Hamiltons Teamkollegen. In Deutschland rutschte Vettel in Führung liegend ins Kiesbett, weil Hamilton im Fernduell Druck ausübte.

Und nun der nächste Dreher in Austin. Während Hamilton das Risiko das gesamte Jahr über wie der Teufel das Weihwasser scheute, suchte Vettel die Auseinandersetzungen regelrecht. "Aber dadurch haben wir auch schon Rennen gewonnen, die wir vielleicht anders nicht gewonnen hätten", sagte Vettel. "Das ist mein Verständnis von Rennfahren."

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Ein Verständnis, das auch Hauptkonkurrent Lewis Hamilton lange Zeit hatte. Der Brite war jahrelang für seinen kompromisslosen Fahrstil bekannt. "Man lernt ganz natürlich dazu", sagte Hamilton SPIEGEL ONLINE nach dem Rennen. "Ich weiß nicht, wie lange, aber ich treffe nun schon eine ganze Zeit lang gute Entscheidungen."

Wer hinten liegt, muss mehr Risiko eingehen

Hamilton schätzt das Risiko mittlerweile anders an. "Es gibt einen Teil in mir, der das Risiko eingehen will, um zu gewinnen. Aber dann gibt es die andere Seite in mir, die den Job erledigen will", sagte Hamilton. "Wenn ich gegen Max aggressiv gewesen wäre, hätte Sebastian Zweiter oder Dritter werden können und ich hätte Punkte verloren." Wenn er im Zweikampf mit Vettel gewesen wäre, hätte er mehr Aggressivität gezeigt. "Aber so gab es keinen Grund."

Die Konkurrenz beobachte das Geschehen mit Staunen. "Unter Druck passierten beiden Seiten, Vettel und Ferrari, immer wieder Fehler. Es ist schade, denn das Auto wäre WM-tauglich gewesen", sagt Dr. Helmut Marko. Der Red-Bull-Motorsportberater kennt Vettel wie kaum ein anderer. Marko feierte mit dem Deutschen zwischen 2010 und 2013 vier Weltmeisterschaften in Folge.

Den Hauptgrund für die Chancenlosigkeit im WM-Kampf sieht Vettel jedoch woanders: "Das Entscheidende war, dass wir einen großen Teil der Saison nicht den Speed hatten. Und dann kam das andere dazu, das nicht geholfen hat." Vettels Problem: Da er so weit zurück liegt, muss er besonders aggressiv fahren. Doch in diese Position hat er sich teilweise selbst gebracht - nicht nur, weil der Speed des Autos fehlte.

insgesamt 47 Beiträge
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TS_Alien 22.10.2018
1.
Vettel wird als Rennfahrer überschätzt. Er hat nur Glück, dass er einige Jahre in Autos fahren kann, die den meisten anderen Autos überlegen sind. Sonst würde er ständig Unfälle bauen.
Leser161 22.10.2018
2. Ja
Auch wenn ich Vettel nicht mag, er bringt mehr Kurzweil als Hamilton. Ansonsten ist es eigentlich egal ob Vettel oder Hamilton, der Titel wird eh nach Monaco gehen.
Wolfgang Porcher 22.10.2018
3. Vettels grosses Problem
Er hat sich selbst nicht im Griff und Einsicht zeigen, das fehlt ihm völlig. Man sah das auch bei Siegen mit Kollegenhilfe von Kimi. Entweder kein Dankeschön oder sichtbar herzlos abwertend. Das sagt schon alles.
Nutzer ohne Namen 22.10.2018
4. windschatten monza
damit fing doch alles an. bottas als "wingman" gibt hamilton windschatten. -> er steht auf pole. vettel soll dem gekündigten räikkönen windschatten geben. er steht im sandwich zwischen beiden. also versucht er alles (zu viel). der Anfang vom Ende. er fällt in der WM immer weiter zurück, er versucht mehr als geht (er/das auto kann), das ganze Team ist verunsichert. wenn es bei ham nicht läuft, ikann er sich auf seinen wingman verlassen.
Minster 22.10.2018
5.
Vettel merkt man an, dass er es nicht mehr gewohnt ist mit anderen zu racen und das er es nicht mag "von hinten" aufzuräumen - es klappt zwar meists ohne Probleme, aber gerade in der Anfangsphase des Rennens ist er zu ungestüm und dann passiert ihn 2 mal der selbe Fehler - völlig unnötig. Sehr schade für die WM. Sie ist schon eher gelaufen, es ist ja nur noch eine Frage der Zeit (Dann eben in Mexico). Was bleibt ist die Konkurrenzlosigkeit der anderen Teams. Hätte ja RB der Nutznießer sein können. Mal schauen wie sich das in der neuen Saison entwickelt. Ich bin übrigens nach den Dreher im Rennen eingeschlafen....
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