Von Ralf Bach
Adrian Newey gilt als Genie. Als einer, der immer weiter tüftelt, nie zufrieden ist. Es verwundert daher kaum, dass der Chefdesigner des Formel-1-Rennstalls Red Bull nach den ersten Testfahrten in diesem Jahr noch Verbesserungspotential sieht. Doch seine kritischen Aussagen sind Meckern auf ganz hohem Niveau.
Die Analysen der ersten Fahrten im spanischen Jerez zeigen eines ganz klar: Allen unterschiedlichen Spritmengen und Reifenmischungen zum Trotz gilt der neue Red Bull (RB8) schon jetzt, knapp einen Monat vor dem ersten Rennen in Australien, wieder als Messlatte für die anderen Formel-1-Teams. Eine Sekunde pro Runde, so haben Computeranalysen der Konkurrenten ergeben, sei der RB8 im Durchschnitt schneller als der Rest.
Das ist insofern überraschend, als es eine wichtige Regeländerung gab - sie schien eher dem vermeintlichen Hauptkonkurrenten McLaren zu helfen und Red Bull den größten Joker des vergangenen Jahres zu nehmen: nämlich das Verbot eines Verfahrens, das im Fachjargon als kaltes Anblasen des Diffusors bezeichnet wird. Dabei nutzten die Ingenieure die Abgase des Motors zur Verbesserung der Bodenhaftung, indem sie die Abgase unter den Unterboden des Autos leiteten, selbst wenn der Fahrer vom Gas ging.
Daneben gibt es eine zweite Neuerung, die auch von außen deutlich sichtbar ist: der sogenannte Höcker, der die Nase fast aller Wagen schmückt - oder besser verschandelt. Hintergrund ist, dass die Nase nach jetzigem Reglement stärker abfallen muss.
"Je höher die Nase, desto größer die Gefahr"
"Die größte Aufgabe für uns Ingenieure bestand darin, den bestmöglichen Kompromiss zwischen Sicherheit und aerodynamischer Effizienz zu finden", sagt Sauber-Chefkonstrukteur Matt Morris. Ein abruptes Abfallen der Nase soll dabei am besten geeignet sein. "Damit soll das Risiko verringert werden, wenn ein Auto ein anderes von der Seite trifft", sagt Morris. "Je höher die Nase, desto größer die Gefahr, dass der Fahrer im querstehenden Auto verletzt wird."
Während fast alle Teams die Nasen-Regel per Höcker gelöst haben, mussten die Teams beim kalten Anblasen des Diffusors unterschiedlich vorgehen. Red Bull etwa hatte das System perfektioniert - jetzt muss das Vettel-Team darauf verzichten.
Darüber regt sich Newey auf: "Unseren letztjährigen RB7 hatten wir speziell für dieses Auspuffsystem konzipiert. Wir mussten nun wieder ein, zwei Jahre zurückgehen und schauen, wie wir das Auto damals mit den seitlichen Auspuff-Enden entwickelt hatten."
McLaren und Ferrari sind noch zu langsam
Doch wie auch immer: Allem Anschein nach hat Newey die "Restriktionen per Reglement" wieder einmal am besten genutzt. Während sein Red Bull auch ohne angeblasenen Diffusor sehr gut fährt, müssen sich McLaren und Ferrari eingestehen, dass ihre Autos noch zu langsam sind. Selbst die Mittelfeldteams von Force India, Toro Rosso und Sauber machen bisher einen besseren Eindruck als die beiden vermeintlichen Top-Teams.
Besonders Ferrari hat noch viel zu tun bis zum Saisonauftakt in Melbourne am 18. März (7 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Während der Testtage in Barcelona müssen die Italiener ihren mit vielen Vorschusslorbeeren belegten F2012 zum Siegerauto machen. Dass das gelingt, scheint in dieser kurzen Zeit aber zweifelhaft. Wer nach den ersten Tests mit Ferrari-Ingenieuren und -Mechanikern sprach, spürte deren Panik.
Felipe Massa fehlten Anfang Februar am ersten Tag in Jerez 2,4 Sekunden auf Red Bull. Noch schlimmer als die Testzeiten war das Urteil der Experten. Ex-Ferrari-Pilot Mika Salo sagte: "Das Fahrverhalten des Ferrari in den Kurven war schrecklich." Der Verdacht liegt nahe: Der Weg, den die Ferrari-Macher mit dem riskanten Design des F2012 eingingen, ist der falsche.
Das Problem könnte die Vorderrad-Aufhängung sein. Ferrari zog die sogenannte Zugstangen-Variante der Schubstreben-Variante vor, die beispielsweise Newey benutzt hat. Ferrari ist das einzige Top-Team mit einer solchen Vorderrad-Aufhängung, die aerodynamische Vorteile bringen soll. Sie wieder zu ändern, ist zeitaufwendig. Schon jetzt ist es kaum mehr zu schaffen, den Rückstand auf Red Bull aufzuholen.
Ein großes Fragezeichen steht noch hinter Mercedes. Der neue W03 war schon Anfang Februar fertig, trotzdem wurde in Jerez nicht getestet. Der Grund: Mercedes wollte seine Entwicklung so spät wie möglich zeigen, weil das Team ein neues System im Bereich des Frontflügels erarbeitet hat, das man vor der Konkurrenz nicht zu schnell offenlegen wollte. Allerdings weiß das Team selbst nicht, ob dies nun der große Entwicklungssprung ist, um näher an Red Bull heranzukommen. Der neue Dienstwagen von Nico Rosberg und Michael Schumacher wurde erst spät im Februar in Barcelona präsentiert.
Trotz aller Tüftelei der Konkurrenz steht schon jetzt fest: Sebastian Vettel ist auch 2012 der Favorit auf den Titel. "Vettel wird noch mal besser sein als 2011, als er schon fahrerische Extraklasse war", sagt der ehemalige Formel-1-Pilot Gerhard Berger. "Die anderen müssen für ihre Piloten ein wesentlich besseres Auto bauen als den Red Bull. Nur etwas schneller reicht nicht mehr." Aber genau das scheint Ferrari, McLaren und Co. nicht zu gelingen.
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