Von Ralf Bach
Adrian Newey hat keine Zeit zum Feiern. Red Bulls Cheftechniker, der als Konstrukteur des Siegerautos maßgeblich an den beiden WM-Titeln von Formel-1-Pilot Sebastian Vettel beteiligt war, hat Besseres zu tun. Er verbringt seine Zeit längst in der Red-Bull-Fabrik. "Ich muss mich um das Auto für 2012 kümmern", sagt er.
Branchenprimus Red Bull ist nicht das einzige Team, das jetzt schon an die kommende Saison denkt. McLaren, Ferrari und Mercedes entwickeln längst neue Autos, die sie zurück auf die Überholspur bringen sollen. Doch einfach ist das nicht. "Denn", so spekuliert Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger, "auch 2012 wird Red Bull wieder das Team sein, das es zu schlagen gilt."
Den Titelverteidigern kommt zugute, dass es für die nächste Saison kaum maßgebliche Regeländerungen gibt. "Red Bull kann deshalb auf dem besten Auto aufbauen, während die anderen Teams größere Schritte einplanen und damit für die neuen Autos größere Risiken eingehen müssen", sagt Berger. Das sieht Ferrari-Technikchef Pat Fry ebenso: "Wir müssen ein Auto bauen, das von Anfang an fähig ist, aus eigener Kraft Siege einzufahren. Das ist uns 2011 leider nicht gelungen."
Panik bei Ferrari
Die Wahrheit ist: Bei Ferrari herrscht Panik. Das Saisonziel wurde weit verfehlt. Nur ein Sieg in Silverstone durch Fernando Alonso kommt den Forderungen von Luca di Montezemolo nicht einmal nahe. Der Ferrari-Präsident macht jetzt entsprechend Druck. Technikchef Aldo Costa war das erste Opfer. Er musste vor dem Großen Preis von Kanada gehen. Weitere Ingenieure sollen folgen, andere wollen freiwillig gehen und bieten sich bei anderen Teams an.
Immerhin: Ein erstes Modell des vermeintlichen Heilsbringers für 2012 existiert schon in der Ferrari-Fabrik in Maranello. Revolution statt Evolution hat di Montezemolo für die Wiederbelebung des italienischen Mythos gefordert. Fry windet sich aber bei diesem Thema: "Das Auto ist von Grund auf neu, aber von einer Revolution will ich noch nicht reden." Optimismus klingt anders.
McLaren geht das Projekt Weltmeisterschaft nüchterner an. Man hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. "Es darf uns nicht mehr passieren, dass wir beim ersten Test feststellen, dass unser Auto zwei Sekunden hinter der Spitze herfährt", sagt Chefingenieur Paddy Lowe. Das war McLaren Anfang des Jahres widerfahren.
Die Ingenieure mussten wegen des Versäumnisses reagieren und das Auto für den Saisonstart komplett umbauen. Den entscheidenden Rückstand zu Red Bull zu Saisonbeginn aber, so Lowe, hätte man nie ganz aufholen können. Konfliktpotential gibt es im eigenen Lager. Grund ist Pilot Lewis Hamilton, der sich vom Wunderkind zum starrköpfigen Crashpiloten entwickelt hat. Nach dem verkorksten Freien Training von Indien sagte er: "Das ist meine schlimmste Saison in der Formel 1". Die Mechaniker verdrehen nur noch die Augen, wenn sie den Namen des Briten hören. Teamkollege Jenson Button ist nicht nur Liebling im Team, er hat auch die sportliche Führung übernommen. Das Auto für 2012 wird hauptsächlich nach Buttons Wünschen entwickelt.
Hamilton weiß das: "Jenson hat ein fantastisches Jahr. Er und seine Ingenieure haben einen super Job gemacht. Sie haben gute Entscheidungen getroffen und Jenson ist weltklasse gefahren. Ich muss an mir arbeiten." Allein: Der Zug für Hamilton scheint längst abgefahren. Selbst Teamchef Martin Whitmarsh äußert mittlerweile Kritik an Hamiltons Verhalten.
Druck für Mercedes
Bei Mercedes ist der Druck gewaltig. Auch wenn Motorsportchef Norbert Haug immer wieder beteuert, dass man schwäbisch effizient arbeite und der Vorstand hinter dem Formel-1-Projekt steht: 2012, spätestens aber 2013, müssen Siege her. Falls Mercedes wieder hinterherfährt, droht der Ausstieg. Deshalb gibt Mercedes jetzt richtig Gas und setzt auf Quantität. Mit Ross Brawn (Ferrari), Bob Bell (Renault), Loic Bigois (Prost), Geoff Willis (HRT) und Aldo Costa (Ferrari) arbeiten mittlerweile fünf ehemalige Technikchefs für Mercedes. Auch die Probleme mit den beiden Piloten Michael Schumacher und Nico Rosberg sind nicht einfach zu lösen.
Macht man Konzernbotschafter Schumacher (42 Jahre) auf Kosten des schnelleren Rosberg (26) zu stark, könnte dieser 2013 zu McLaren oder Ferrari flüchten. Teamchef Ross Brawn muss bei Technikern und Fahrern die richtige Balance finden. "Wir haben aus unseren Fehlern der Vergangenheit gelernt", sagt Brawn. Der neue "Silberpfeil" wurde dementsprechend korrigiert. Er wird einen längeren Radstand haben als der aktuelle Wagen. Das soll die Reifen länger haltbar machen. Die schnelle Abnutzung der Pirelli-Pneus besonders an den Hinterrädern wurde als Hauptschwäche diese Saison ausgemacht.
Schwächen zeigte Red Bull auch in diesem Jahr kaum. Für 2012 wird bereits getestet. Motorsportchef Helmut Marko erklärt den Grund: "Im nächsten Jahr wird nur der angeblasene Diffusor abgeschafft. Weil wir die Teile jetzt schon testen und verbessern können, ist das ein großer Vorteil in Sachen Zuverlässigkeit." Die wenigen Schwachstellen sollen behoben werden. "Kers ist bei uns 2010 ein Schwachpunkt gewesen, ganz klar. Und deshalb wird auf diesem Gebiet ganz intensiv weiterentwickelt", sagt Marko.
Designer Adrian Newey, der seine neuen Ideen stets bestens hütet, sagt immerhin: "Wir bauen jetzt schon vor. Alles, was ich sagen kann: Unser neues Auto ist wieder blau." Die Wahrheit aber ist: Es gibt in seinem Büro schon ein fertiges Modell des RB8, das Woche für Woche verfeinert wird. Keine guten Nachrichten für die Konkurrenz.
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