Vettel-Aus in Singapur Abgerechnet wird zum Schluss

Sebastian Vettel wollte die Führung im WM-Klassement ausbauen. Doch sein Teamkollege kam ihm in die Quere. Dass der Deutsche weiter an den Titel glaubt, liegt an seinem Rennstall - und dem eigenen Erfahrungsschatz.

Sebastian Vettel  (Archivbild )
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Sebastian Vettel (Archivbild)

Aus Singapur berichtet Karin Sturm


Viele andere wären in der Situation am Boden zerstört gewesen: Beim Grand Prix von Singapur, wo Sebastian Vettel unter normalen Umständen alle Chancen gehabt hätte, sich die WM-Führung von Lewis Hamilton zurückzuholen, errang der Brite am Ende den Sieg. Währenddessen war der Deutsche selbst schon am Start in einen Crash involviert: Sein Ferrari-Teamkollege Kimi Räikkönen knallte ihm ins Auto, nachdem er zuvor mit Max Verstappen kollidiert war.

Vettel stellte sich eine halbe Stunde später enttäuscht, aber gefasst vor die TV-Kameras. Schuldzuweisungen wollte er keine abgeben: "Ich hatte einen durchschnittlichen Start und habe gesehen, dass Max am Anfang ein bisschen Boden auf mich gutmacht. Dann wollte ich die Linie zur ersten Kurve hin ein bisschen zu machen. Dann hat's auch schon geknallt - da war auf einmal Kimi." DTM-Pilot und RTL-Experte Timo Glock sagte: "Sebastian hat seine Linie verteidigt. Das darf er. Er sieht nicht, was hinter ihm passiert.

Sebastian Vettel (l.) kollidiert mit Teamkollege Kimi Räikkönen
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Sebastian Vettel (l.) kollidiert mit Teamkollege Kimi Räikkönen

Verstappen war im Sandwich. Dass Räikkönen da außen durchsticht, damit konnte keiner rechnen." Auch die Sportkommissare der FIA, die den Zwischenfall nach dem Rennen untersuchten, kamen zum selben Ergebnis: Rennunfall, niemand trägt die Hauptschuld, "no further action", wie das im Rennsport-Englisch so schön heißt.

Ferraris Extraschichten zahlen sich aus

Vettel hätte in seiner Situation im WM-Duell nicht so viel riskieren dürfen, meinten hingegen einige, von Verstappen über Niki Lauda bis zu Jacques Villeneuve, der eigentlich eher als Vettel-Freund gilt. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff gab zu bedenken: "Vettel konnte nur Verstappen sehen - Kimi dagegen nicht." Und wäre da nur der Niederländer gewesen, hätte der Platz ja ausgereicht. Das Recht, die eigene Linie zu verteidigen, hatte Vettel - er lag zu dem Zeitpunkt knapp vorne. Dass es in diesem Fall trotzdem besser gewesen wäre, zurückzustecken, lässt sich erst im Nachhinein sagen. Im Bruchteil einer Sekunde, in dem eine solche Entscheidung getroffen wird, kann sich der Fahrer nur auf seinen Eindruck verlassen. Und in dem Fall spielte in Vettels Entscheidungsfindung wohl auch das Wissen hinein: Wenn Verstappen erst mal vorbei ist, wird es sehr schwer, noch einmal an ihm vorbei zu kommen...

So oder so - Vettel vergab eine Riesenchance, die er sich mit einer fantastischen Leistung im Qualifying erarbeitet hatte: Da holte er sich mit mehr als drei Zehnteln Vorsprung die 49. Poleposition seiner Karriere - vor den Red Bull-Piloten, die bis zum dritten Teil des Qualifyings alle vorherigen Trainingssessions beherrscht hatten. Nach einem holprigen Start ins Wochenende mit vielen Problemen hatte Ferrari die Nacht über durchgearbeitet. An der Strecke legten die Mechaniker, die erst um sieben Uhr morgens zurück ins Hotel kamen, Sonderschichten ein. Aber auch von zu Hause in Italien aus, wo Ferrari-Nachwuchsfahrer Charles Leclerc im Simulator parallel ein umfangreiches Programm abspulte, wurde beim Feintuning geholfen. Alles vergeblich - in der WM hat Vettel nun 28 Punkte Rückstand auf Hamilton.

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Von einer Vorentscheidung im Titelkampf will der Deutsche aber nichts wissen. Stattdessen gab sich Vettel kämpferisch: "Es ist kein Weltuntergang. Natürlich hilft es nicht, aber es ist jetzt so. Es wird sicher noch mehr Gelegenheiten geben. Es gibt keinen Frust zu bewältigen." Woher er seine Stärke und Zuversicht nimmt? Erstens bestreitet Vettel, die folgenden sechs Strecken kämen alle Mercedes entgegen, "vor allem, weil ich auch weiß, was bei uns noch alles an Entwicklung kommt." Zweitens geht er davon aus, dass das Pech eines Ausfalls ja auch Hamilton noch ereilen kann. Und drittens hat er ja Erfahrung darin, in scheinbar aussichtslosen Situationen eine Weltmeisterschaft doch noch umzubiegen.

Vettels Erfahrung mit furiosen Saisonfinals

Rückblick Südkorea 2010: Da platzte Vettel zehn Runden vor Schluss, in Führung liegend, der Motor. Statt der WM-Führung auf einmal Platz vier, 25 Punkte hinter Spitzenreiter Fernando Alonso, damals noch hinter Hamilton und Felipe Massa. Und das bei nur zwei ausstehenden Rennen. Vettel resignierte nicht, kämpfte entschlossen weiter - und erfüllte die Prognose, die damals sein Freund und Förderer Gerhard Berger sofort nach dem Grand Prix gestellt hatte: "Ich traue es Sebastian zu, dass er es trotzdem noch schafft." Mit zwei Siegen in Brasilien und Abu Dhabi holte er sich damals tatsächlich noch seinen ersten WM-Titel. Auch, weil Ferrari und Alonso beim Finale Fehler machten, die Vettel gnadenlos ausnutzen konnte.

"Die WM ist noch lange nicht gelaufen", sagt daher jetzt auch Villeneuve. Ausgerechnet Konkurrent Mercedes will von einer Vorentscheidung ebenfalls noch nichts wissen: "Wir haben hier heute Mittag noch gedacht, dass wir maximal Schadensbegrenzung betreiben können. Und dann ist alles so gekommen, dass es uns in die Hände gespielt hat, wie wir es nie hätten erwarten können. Vom Crash bis zu den Wetter- und Temperaturbedingungen", sagte Toto Wolff. "So etwas kann so schnell gehen. Was aber im Umkehrschluss nur heißt: Das Gleiche, was heute Ferrari passiert ist, kann uns auch einmal passieren."

insgesamt 24 Beiträge
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AllesMüllerOderWas 17.09.2017
1. Und warum erzählen
sie uns diese Vettel Geschichten ? Er fährt ziemlich schnell im Kreia, na und ? Er fährt aber weder für Deutschland noch für mich. Er fährt nur für sein Bankkonto. Aber was geht uns das an ? Ganz ehrlich, dieses ewige Vettel geschreibsel nervt nur !
go-west 18.09.2017
2. Wenn ein B-Fahrer
dem Top-Fahrer nicht Platz macht, muss man sich nicht wundern. Es ist Aufgabe des Teams, die Rollenverteilung von vorne herein eindeutig zu klären und deren Einhaltung einzufordern. Genauso wie dies im Radrennsport der Fall ist, dort können die Superstars ohne die Hilfe der Wasserträger nicht gewinnen.
breguet 18.09.2017
3.
Auch wenn ich das selbst nicht schön finde, die Schuld an dem Unfall hatte Vettel. Darum hält er sich auch mit Schuldzuweisungen zurück. Verstappen hielt seine Linie, Raikönen daneben auch, dann hat Vettel rüber gezogen und es war kein Platz mehr. Einfach selten doof was der da gemacht hat.
Raget 18.09.2017
4. Führung ausbauen?
Vettel hatte drei Punkte Rückstand auf Hamilton. Welche Führung wollte er denn ausbauen?
tommix68 18.09.2017
5. @1: Wenn Sie kein Freund der F1 sind...
... gehen Sie doch einfach weiter zum nächsten Artikel. Dieser Unfall war schon etwas anders als andere. Wär Vettel nicht rüber gezogen, wär er nicht passiert. Auf der anderen Seite konnte er nicht wissen das Räikkönen auf der anderen Seite in gleicher höhe ist, so das Verstappen keine Chance hatte auszuweichen. Er hätte aber durchaus damit rechnen müssen das -irgendwer- neben Verstappen sein kann... es war immerhin die Startphase. Da es Räikkönen war kann man eigentlich nur sagen „Tja, Ferrari, schlecht gemanaged, das ganze“. Verstappen ist da komplett raus, trifft gar keine Schuld. Bin aber froh das HAM (Mercedes) seinen Vorsprung ausbauen konnte ;)
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