Von Ralf Bach
Die Memory-Karten sind weggepackt, die Fahrräder wieder im Schuppen - für die Formel-1-Piloten gibt es ab sofort wieder nur ein Thema: Rennen fahren. Wenn die Startampel am Sonntag im belgischen Spa auf grün springt und das 11. Saisonrennen beginnt (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), dann ist für gleich fünf Fahrer der Endspurt um die WM-Krone eröffnet.
An der Spitze steht derzeit Fernando Alonso. Der Ferrari-Pilot hat zwar einen komfortablen 40-Punkte-Vorsprung auf den Zweitplatzierten Mark Webber, 42 gar auf den aktuellen Weltmeister Sebastian Vettel - doch der Spanier weiß: Es kann noch eng werden. "Wenn wir in puncto Weiterentwicklung nicht nachlegen, ist der Vorsprung schnell dahin", sagt Alonso: "Vettel sehe ich als meinen Hauptgegner an, ganz klar."
In den verbleibenden Rennen muss Vettel im Durchschnitt nur fünf Punkte mehr machen als Alonso, dann wäre der Deutsche schon vorbeigezogen. Unmöglich ist das nicht: Für einen Sieg (25 Punkte) gibt es sieben Zähler mehr als für einen zweiten Platz. Alonso glaubt, mit seinem Ferrari realistisch um Platz Fünf mitfahren zu können. Würde dies tatsächlich der Fall sein, reichte Vettel durchschnittlich ein dritter Platz. Und Alonso weiß: "Der Trend spricht für Red Bull."
Noch sind 225 Punkte zu vergeben
Der Rennstall scheint die Sommerpause genutzt zu haben: Vettel fuhr im Simulator in der Red-Bull-Fabrik in Milton Keynes neue Teile ein, die sein Bolide bereits beim Rennen in den Ardennen bekommen wird. "Mein Ziel hat sich nicht geändert. Ich will den Titel", sagt der Deutsche optimistisch: "Alonso führt zwar die WM an. Doch in den letzten neun Rennen sind noch 225 Punkte zu vergeben. Wichtig ist, immer in die Punkte zu fahren."
Zudem hat das letzte Rennen vor der Sommerpause in Ungarn gezeigt, wie sehr der Ferrari-Bolide vom Wetter abhängig ist. In Budapest herrschten normale Bedingungen, Alonso wurde im Training lediglich Sechster und im Rennen Fünfter. McLaren und Red Bull waren klar schneller. Bei den Qualifyings in Silverstone und Hockenheim zuvor, die beide bei Regen stattfanden, fuhr der Spanier jeweils auf die Pole-Position. "Herrscht normales Wetter, wird es ganz, ganz hart werden", gibt Alonso zu.
Raikkönens Konstanz macht ihn zum Geheimfavoriten
Auch die anderen Teams waren während der fünfwöchigen Sommerpause - in der allerdings nur drei Wochen gearbeitet werden durfte - nicht untätig. Alonso und Vettel werden sich keinen Zweikampf um die WM-Krone liefern. Auch Webber, McLaren-Pilot Lewis Hamilton und Lotus-Frontmann Kimi Raikkönen werden um den Titel mitreden wollen. Hamilton liegt fünf Punkte hinter Vettel, der Finne sechs. Hamilton gewann knapp vor Raikkönen das letzte Rennen vor der Sommerpause in Ungarn.
Besonders Raikkönen schätzen die Experten als Geheimfavoriten ein. Fünfmal fuhr er in den vergangenen acht Rennen auf das Podium - davon dreimal in den letzten vier Rennen vor der Pause. In Budapest war er klar schneller als WM-Leader Alonso. Räikkönen zeigt eine unheimliche Konstanz. Egal ob es regnet, ob es trocken ist, ob sein Auto untersteuert, ob das Heck ausbricht: Raikkönen fährt immer am Limit, macht dabei so gut wie keine Fehler.
Gerade im Rennen wird das deutlich: Während sein junger Teamkollege Romain Grosjean in sieben von elf Zeittrainings schneller war als Raikkönen, hatte der Franzose im Rennen klar das Nachsehen. 40 Punkte mehr hat der Finne auf seinem Konto.
Und jetzt kommt Spa, Raikkönens Lieblingsstrecke. Dort gilt er sogar als Favorit. Sein Team scheint für den ersten Saisonsieg bereit: In Belgien wird Lotus eine Neuentwicklung präsentieren, ein doppeltes DRS-System. Damit, so die Hoffnung, wird man auf den Geraden noch schneller, ohne Speed in den Kurven zu verlieren. In Spa ein großer Vorteil: Etwa 24 Sekunden lang werden die Piloten, so errechneten die Simulationscomputer, von Ausgang der Spitzkehre La Source bis zur Schikane Les Combes Vollgas fahren. Die berühmte Eau Rouge, eine superschnelle Bergaufkurve, wird dabei mit durchgetretenem Gaspedal gefahren.
Lotus will aber nicht nur in Spa überzeugen, sondern auch in der restlichen Saison. "Wir werden in der zweiten Saisonhälfte noch stärker werden", sagt Technikchef James Alison: "Wir wissen genau, in welchen Bereichen wir uns verbessern müssen und werden daran arbeiten." Ferrari, Red Bull und McLaren sollten gewarnt sein.
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