Vettels Triumph in Monaco Stallregie oder Speed?

Sebastian Vettel hat in Monaco gewonnen - wo man kaum überholen kann. Ein Boxenstopp brachte ihn am Teamkollegen Kimi Räikkönen vorbei. Der war sauer, aber vielleicht auch einfach zu langsam.

Kimi Raikkönen vor Sebastian Vettel
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Kimi Raikkönen vor Sebastian Vettel

Aus Monaco berichtet Karin Sturm


Nico Rosberg, der Weltmeister, der in Monaco die Siegerinterviews führte, konnte den Frust von Kimi Räikkönen nachvollziehen: "Ich kenne das Gefühl, wie es ist, gegen seinen Teamkollegen zu verlieren." Der Finne hatte beim Grand Prix von Monaco trotz anfänglicher Führung gegen Sebastian Vettel den Kürzeren gezogen und setzte nun eine Leichenbittermiene auf. Fühlte Räikkönen sich ungerecht behandelt? Oder hatte er sich die Niederlage gegen seinen Teamkollegen selbst zuzuschreiben und war deshalb so sauer?

Am Samstag hatte sich Sebastian Vettel noch darüber geärgert, die Poleposition um 43 Tausendstel an Räikkönen verloren zu haben: "Weil da wesentlich mehr drin war, weil es an mir lag, meine Runde einfach nicht gut war. Ich wollte zu viel, hab's übertrieben, und das ging schief." Er wusste, dass es nicht einfach werden würde, an dem Finnen vorbeizukommen - Überholen ist auf der Strecke in Monaco so gut wie unmöglich.

Woraufhin die Diskussionen entbrannten: Würde Ferrari zugunsten seines Titelkandidaten Nummer 1 eine Stallorder ausgeben? Verwunderlich wäre es nicht gewesen. Es ist nicht verboten und schließlich hatte Mercedes in dieser Saison schon zweimal (in Bahrain und in Barcelona) Valtteri Bottas dazu veranlasst, Lewis Hamilton Schützenhilfe zu leisten. Bei einem engen Titelkampf, und das dürfte er auch weiter bleiben, auch wenn Hamilton in Monaco 19 Punkte auf seinen Rivalen verlor, können sieben Punkte mehr oder weniger, der Unterschied zwischen Platz eins und zwei, entscheidend sein.

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Vettel hatte im Vorfeld erklärt, dass er davon nichts halte. Das Rennen wurde dann über die Boxenstopps entschieden - aber eine klare Stallregie war nicht für alle Beobachter zu erkennen. Der führende Räikkönen fuhr in der 33. Runde zum Reifenwechsel an die Box. Das entsprach grundsätzlich dem normalen Vorgehen: "Der, der vorn liegt, hat Priorität, weil das normalerweise die schnellere Strategie ist", sagte Vettel.

Räikkönen war auf den alten Reifen langsam unterwegs, von hinten kamen Bottas und Max Verstappen, die bereits gestoppt hatten, deutlich näher. Vettel konnte ab dem Moment, ab dem er freie Fahrt hatte, extrem aufdrehen: Er fuhr auf einmal 1:15er-Zeiten, eine 1:15,2 als beste: "Die Runden waren besser als die im Qualifying!"

Räikkönen war mit den alten Pneus im 1:17er-Bereich unterwegs gewesen. Und hatte dann auch mit den neuen Supersoft-Reifen Probleme, Vettels Tempo zu gehen, blieb auch noch einmal im Verkehr hängen, während Marcus Ericsson im Sauber dem Deutschen den Gefallen tat, gerade rechtzeitig in die Box abzubiegen.

"Ich kann verstehen, dass Kimi nicht happy ist"

Der Führungswechsel war die Konsequenz, anschließend ließ Vettel seinen Teamkollegen innerhalb von zehn Runden um zehn Sekunden hinter sich. "Ich habe mit den alten Reifen wirklich alles gegeben, das war der Schlüsselmoment. Aber ich war am Ende selbst ein bisschen überrascht, dass ich vor Kimi rauskam", sagte er: "Ich hatte zwar vorher schon immer das Gefühl, dass wir ein bisschen schneller fahren hätten können. Aber dass so viel mehr ging, hat mich selbst gewundert. Ich kann verstehen, dass Kimi nicht happy ist, das wäre umgekehrt genauso gewesen."

Tatsache ist: An diesem Sonntag funktionierte in Monaco der "Overcut", also ein späterer Stopp, besser, im Gegensatz zu den meisten anderen Strecken, wo der "Undercut", der frühere Stopp, das Mittel der Wahl ist. Das bewies auch Red Bull: Dort brachte man mit genau dieser Taktik Daniel Ricciardo von Rang fünf auf Platz drei nach vorne, noch vor dem ersten Silberpfeil von Bottas, und auch vor Verstappen, der als Erster der Spitzengruppe gestoppt hatte - und danach mindestens genauso sauer war wie Räikkönen. Auch bei Mercedes funktionierte das Spielchen, um für Hamilton noch Schadensbegrenzung zu betreiben und den Briten von Startplatz 13 noch auf Rang sieben zu bringen.

Räikkönen war trotzdem nicht zufrieden: "Ich habe heute das schlechte Ende der Geschichte abbekommen", sagte er. "Es ist immer noch der zweite Platz, aber das bedeutet mir nicht viel."



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peter_rot 28.05.2017
1. Sehe das genauso
Kimi hatte - so leid es mir für ihn tut - nicht die richtige Performance. Als Bottas an die Box ging musste Ferrari reagieren. Das Vettel dann so viel schneller mit den alten Reifen war - das war ungewöhnlich. Aber hier die beleidigte Leberwurst zu spielen macht für einen Profi keinen Sinn.
Phuket_Fool 28.05.2017
2.
Meiner Meinung nach hatte Vettel Glueck dass in dem Moment, in dem er die Fuehrung uebernahm nach Raikkonen's Boxenstop, der Sauber, welcher von Vettel zu ueberrunden war, zufaellig auch in die Boxen ging und ihm freie Fahrt ermoeglichte. Also, es sei denn dass Ferrari die Strategie von Sauber beinflusst hat oder eventuell das wusste dass Vettel diese "Freie Bahn" kriegen wuerde, sehe ich da keine Stallregie.
black-mamba 29.05.2017
3.
Ich könnte mir vorstellen, dass Kimi Raikönen dieses Rennen und den Sieg gern seinem Neugeborenen gewidmet hätte. Und Ferrari und besonders auch Vettel hätten ihm das ruhig gönnen gekonnt. Kimi Raikönen ist ein dermaßen fairer Teamplayer. Man hätte das echt mal würdigen können.
briancornway 29.05.2017
4. Klingt fair
Aber auch mit einem Undercut mit Vettel als erstem Reifenwechsler wären die üblichen Gemauschel-Vorwürfe nicht zu bremsen gewesen. Man sollte sie einfach ignorieren. Anscheinend hat Vettel als Zweiter seine Reifen und Nerven besser geschont und dann mit freier Fahrt nochmal richtig aufdrehen können. Sonst wäre er auch wieder als Zweiter auf die Strecke gekommen und Kimi hätte gewonnen. Der wird aber auch noch seine Siege holen, und das wünsche ich ihm.
Zeus Weinstein 29.05.2017
5. Der Krimi
spielte ja auch auf der Nordschleife des Nürburgrings. 24 Stunden Rennen. Spannend bis zur letzten Minute. SPON hat's verpennt?
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