Hamiltons Triumph in Ungarn Auf gute Geister verlassen

Regen war ein entscheidender Faktor in den vergangenen Formel-1-Rennen - auch in Ungarn spielte er erneut Lewis Hamilton in die Karten. Trotz seines Comebacks in der WM-Wertung fürchtet er die Stärke der Ferrari.

Lewis Hamilton
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Lewis Hamilton

Vom Hungaroring berichtet Karin Sturm


Lewis Hamilton hat zuletzt immer wieder seine spirituelle Ader betont, er fühle sich mit höheren Mächten im Bunde. Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve ätzte bereits: "Der glaubt wohl, er sei Jesus." Hamilton hat in den vergangenen drei Rennen starke Leistungen gezeigt, doch man konnte dabei fast den Eindruck gewinnen, der Weltmeister habe dabei Hilfe bekommen.

In Silverstone war es das durch den Crash von Marcus Ericsson ausgelöste Safety Car, das Hamilton Platz zwei statt Platz fünf bescherte. In Hockenheim hätte ohne den 15 Runden vor Schluss einsetzenden Regen wahrscheinlich Sebastian Vettel gewonnen. Der rutschte jedoch in die Bande und der Brite kletterte vom fünften auf den ersten Platz.

Und jetzt, auf dem Hungaroring, war der Wettergott im Qualifying entscheidend gewesen: 30 Minuten Gewitterregen an einem sonst knallheißen Wochenende reichten, um Sebastian Vettel um eine bessere Position zu bringen. Denn die braucht es auf dem winkligen Hungaroring, auf dem Überholen nahezu unmöglich ist.

Lewis Hamilton
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Im Trockenen hätte Mercedes sicher hinter Ferrari gelegen, vielleicht sogar mit Red Bull kämpfen müssen. Aber mit den Regenreifen funktioniert der Ferrari nicht so gut wie der Mercedes. So nutzte Hamilton die unerwartete Chance, sein Auto zu Rennbeginn auf den ersten Startplatz zu stellen. Im Rennen zeigte er dann seine unbestrittene Klasse.

Mercedes kann Regen

Warum aber ist der Mercedes auf diesem Reifen so viel besser als der Rest? Der Silberpfeil verliert bei dem größeren Durchmesser, dem speziellen Walkverhalten der Regengummis und der höheren Bodenfreiheit weniger Abtrieb. Die Wagen von Ferrari und ganz speziell Red Bull sind stärker nach hinten angestellt. Abtrieb ist übersetzt auch Reifentemperatur. Die passte deshalb bei den Mercedes-Piloten, während die Konkurrenz Probleme hatte.

Max Verstappen im Red Bull, oft als Regenkönig gepriesen, fehlten im Qualifying 30 Grad Reifentemperatur, er fuhr mit nur 50 statt der optimalen 80 Grad. Das Ergebnis war Startplatz sieben. Vettel schaffte immerhin noch Platz vier. Zu wenig, um den von der Pole startenden Hamilton auf dem Hungaroring zu gefährden.

Ferrari setzte daher auf eine alternative Strategie, um das direkte Überholen zu umgehen: Man schickte Vettel mit dem länger haltenden Softreifen ins Rennen, statt wie die Mercedes mit den Ultrasoft loszufahren. Eine Taktik, die vielleicht hätte aufgehen können - wäre nicht beim Stopp in der 40. Runde, als sich Vettel die schnelleren Ultrasofts holte, etwas schiefgegangen. Eine zwei Sekunden längere Standzeit als normal, weil vorne ein Rad klemmte, bedeutete, dass er hinter Bottas zurückfiel. Es fehlte eine halbe Sekunde.

Bottas vor den Ferrari
AFP

Bottas vor den Ferrari

Der Finne spielte in der Folge den perfekten Helfer für Hamilton. Er hielt Vettel auf Distanz zum Teamkollegen. Kimi Räikkönen, der freie Fahrt hatte, fuhr zur gleichen Zeit auf dem gleichen Reifen pro Runde schneller.

Zu diesem Zeitpunkt betrug Vettels Rückstand auf Hamilton nur etwas über acht Sekunden. "Heranfahren und Druck auf Lewis machen, das wäre sicher gegangen", sagte Vettel, "ob ich vorbeigekommen wäre, ist noch einmal eine ganz andere Frage." Fünf Runden vor Schluss quetschte sich Vettel dann doch noch an Bottas vorbei. Es kam sogar zu einer leichten Berührung, als Bottas noch einmal einen ziemlich aussichtslosen Konter versuchte, bei dem sich der Finne aber nur selbst den Flügel kaputt fuhr.

Keine Vorentscheidung in der WM

So geriet Hamilton gar nicht in Gefahr und brachte seinen fünften Saisonsieg souverän nach Hause. Dass er trotz 24 Punkten Vorsprung vor der Sommerpause noch überhaupt nicht von einer Trendwende oder Vorentscheidung in der WM reden will, könnte dafür sprechen, dass er um sein Glück in den vergangenen Rennen weiß. Und dass Ferrari mit der neu gefundenen Motorleistung auf den zwei nächsten Strecken, den Powerkursen von Spa und Monza, eigentlich Favorit sein müsste.

Lewis Hamilton
AFP

Lewis Hamilton

Einen Ungarn-Sieg hatte Sebastian Vettel vermutlich eingeplant, dennoch wird er nicht resignieren. Würde er denn an Statistiken glauben, dann könnte er diese bemühen: Seit Michael Schumacher 2004 wurde kein Hungaroring-Sieger im gleichen Jahr auch Weltmeister. Was ihm wahrscheinlich aber eher Mut macht: Seine eigene Fähigkeit, Rückstände aufzuholen. 2012 lag er nach dem Ungarn-GP 42 Punkte hinter Fernando Alonso - und holte am Ende trotzdem noch den Titel.



insgesamt 3 Beiträge
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roman199 29.07.2018
1.
Wenn Vettel in der letzten zwei Rennen so grandios gefahren wäre wie Hamilton, dann würde er wahrscheinlich von dem Redakteur als der beste Fahrer aller Zeiten ausgerufen. Bei Hamilton ist das Fortune und die Hand Gottes im Spiel. Echt lächerlich.
oli1893 30.07.2018
2. Hockenheim
In Hockenheim hat es für alle Fahrer geregnet. Vettel baut auf nasser Strecke den Unfall, Hamilton nicht. Das hat jetzt nur wenig mit "Hilfe von oben" zu tun. Warum es aber noch immer so viele Strecken im Formel 1-Zirkus gibt, auf denen Überholen fast unmöglich ist, verstehe ich nicht. Warum soll ich mir ein Rennen anschauen, bei dem die Temperatur der Reifen im Qualifying ausschlaggebend ist, und nicht das Überholmanöver im Rennen. Ich bin gespannt, wann die Formel 1 Macher endlich aufwachen.
Referendumm 30.07.2018
3.
Zitat von roman199Wenn Vettel in der letzten zwei Rennen so grandios gefahren wäre wie Hamilton, dann würde er wahrscheinlich von dem Redakteur als der beste Fahrer aller Zeiten ausgerufen. Bei Hamilton ist das Fortune und die Hand Gottes im Spiel. Echt lächerlich.
Kommt in dieser News wohl nicht so richtig herüber: Hamilton, der bekanntlich in den sogenannten Social-Media-Kanälen sehr intensiv und massiv unterwegs ist, hat in zahlreichen Instagram-Postings von seiner göttlichen Berufung und von *seinem* Jesus, der ihn voll unterstützt (á la Hand Gottes etc.) herumgequatscht. Das war so intensiv und lächerlich, dass sich Jacques Villeneuve eben zu solchen Äußerungen hinreißen ließ. Manche F1-Fans - nicht nur die Hamilton-Fans, aber die auch - diskutierten inzwischen ernsthaft darüber, ob das schon krankhaft bei Hamilton wäre und man sich Sorgen machen müsste. Es fallen sogar Vergleiche zu Amy Winehouse & Co.. Und das wird ernsthaft diskutiert, ohne Ironie o.ä.. Ach ja, und Hamilton hatte diverse englischsprachige F1-Moderatoren (u.a. Martin Brudnle) massiv angegriffen, weil sie ihn beim GP in Hockenheim nicht überschwenglicher gelobt hätte. Und bei diesen Angriffen hatte er mehrmals massiv nachgelegt. Viele sprechen daher (ironischerweise) nur noch vom Renngott Hamilton. Hamiltons Bodenhaftung ist defintiv verloren gegangen. Liegt selbstverständlich auch an die ständigen überbordenden Lobs eines T. Wolff oder eines N. Lauda (übrigens, gute Besserung Niki).
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