Streit in der Formel 1: Test gegen den Rest

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F1-Team Mercedes: Die Heimlich-Tester Fotos
AFP

Alle gegen Mercedes - vor dem Großen Preis von Kanada spitzt sich die Testfahrtaffäre zu. Die Frage lautet: Haben sich die Stuttgarter mit ihren heimlichen Prüffahrten in der Saison einen Vorteil verschafft? Von Freispruch bis zum Rennausschluss ist alles möglich.

Wer holt am Samstag die Pole beim Großen Preis von Kanada? Wer siegt beim Rennen am Sonntag? Es ist erstaunlich, aber vor dem Kräftemessen der Formel 1 auf dem Circuit Gilles Villeneuve scheinen diese Fragen in den Hintergrund zu treten. Das bestimmende Thema in Montreal ist die schwelende Testaffäre um Mercedes und Pirelli.

Der Fall liegt nun beim Internationalen Tribunal, dem höchsten Gericht des Internationalen Automobilverbands Fia. Das zwölfköpfige Gremium muss entscheiden: Waren die Tests zulässig, oder widersprechen sie dem Reglement?

"Für mich ist es unverständlich, dass dieser Test stattgefunden hat. Denn testen mit einem aktuellen Auto während der Saison ist ganz klar gegen die Regeln", sagt Peter Sauber, Besitzer des gleichnamigen Rennstalls, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und mit dieser Meinung ist der Schweizer nicht allein, im Gegenteil: Abgesehen von Mercedes und Pirelli gibt es kaum jemanden, der diese Testfahrten positiv sieht. Aber worum geht es eigentlich? Was sagt das Reglement, was die Beteiligten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist passiert?

Vom 15. bis 17. Mai hat Mercedes auf dem Circuit de Catalunya nahe Barcelona auf Einladung von Pirelli, Reifenlieferant aller Formel-1-Teams, Testfahrten durchgeführt, insgesamt 1000 Kilometer. Dabei seien laut Pirelli zu 90 Prozent Reifen für die kommende Saison zum Einsatz gekommen. Die anderen neuen Reifen sollten erstmals für den anstehenden Großen Preis von Kanada am Sonntag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky) geliefert werden. Wegen der massiven Kritik ist die Einführung nun aber erst zum übernächsten Rennen in England (30. Juni) geplant. Mercedes testete in Barcelona mit seinem aktuellen Auto. Teamchef Ross Brawn gab zu: "Es war meine Entscheidung, das ist ein Fakt. Jetzt schauen wir mal, was vor Gericht passiert." Auf die Frage, ob Mercedes einen Hinweis von der Fia bekommen habe, dass man mit einem aktuellen Auto testen dürfe, sagte er: "Ich denke, wir hätten den Pirelli-Test nicht gemacht, wenn wir geglaubt hätten, dass wir es nicht dürfen. Wenn wir vor dem Tribunal stehen, werden Sie ihre Antworten bekommen."

Was sagt das Reglement?

Testfahrten mit dem aktuellen Auto wie in Barcelona, wo Runde um Runde gefahren wird, sind während der Saison tabu, klipp und klar, das besagt Paragraf 22 des Formel-1-Reglements. Ausnahmen sind nur bei PR-Terminen möglich, oder wenn im Zuge von Aerodynamik-Tests nur geradeaus gefahren wird.

Warum wurde dennoch getestet?

Pirelli beruft sich auf eine Vereinbarung mit der Fia, die angeblich besagt: Der Reifenlieferant dürfe in jeder Saison mit jedem Team bis zu 1000 Testkilometer absolvieren. Der Internationale Automobilverband hat jedoch klargestellt, dass dazu alle Teams eingeladen werden müssten. Und das war offensichtlich nicht der Fall. Peter Sauber erklärte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, dass sein Team keine Einladung bekommen habe. Auch andere Rennställe beklagten, sie hätten deswegen nie Post von Pirelli bekommen.

Wer war eingeladen?

Bislang sind drei Teams bekannt, die von Pirelli kontaktiert wurden: Mercedes, Red Bull und Ferrari. Die Italiener haben ebenfalls getestet, allerdings mit dem Auto von 2011. Deswegen erwartet die Scuderia kein Verfahren. Red Bull hat, im Gegensatz zu Mercedes, das Testangebot abgelehnt. Der österreichische Rennstall fürchtete nach eigener Aussage genau das, was Mercedes nun droht: eine Strafe.

Was sagen Pirelli und Mercedes?

Beide beteuern, Mercedes habe keinen Vorteil von den Testfahrten gehabt. Weil das Team nicht wusste, mit welchen Reifen es unterwegs war. In diesem Punkt gibt es auch kaum Widerspruch anderer Rennställe.

Warum dann die Proteste?

Weil solche Tests immer auch Daten liefern, die der Fahrzeugabstimmung dienen. "Jeder Testkilometer bringt etwas", sagte Weltmeister Sebastian Vettel der "Süddeutschen Zeitung". Die Kritiker sind überzeugt: In Barcelona wurden auch andere Dinge getestet. Dem Vernehmen nach soll Mercedes die Fahrten unter anderem dazu genutzt haben, um die Aerodynamik zu verbessern. Nach den Tests fand der Große Preis von Monaco statt, es siegte Nico Rosberg - im Mercedes.

Was droht Mercedes?

Von Freispruch bis Punkteabzug oder Ausschluss von einem Rennen ist für Mercedes alles möglich. Das Problem ist, dass es in der Formel 1 keinen festen Strafenkatalog gibt. So wurde McLaren-Mercedes 2007 wegen des Spionageskandals zur willkürlich gewählten Rekordstrafe in Höhe von 100 Millionen Dollar verurteilt.

Wird es Folgen für Pirelli geben?

Kaum, höchstens eine Geldstrafe. Zwar läuft der Vertrag zwischen der Formel 1 und Pirelli aus. Wenn die Fia aber verfügt, dass die Italiener für die kommende Saison raus sind, steht die Königsklasse des Motorsports womöglich ohne Riefenlieferant da. Bridgestone und Hankook haben bereits abgewinkt, was ein Engagement in der Formel 1 betrifft. Bliebe allein Michelin als möglicher Pirelli-Ersatz. Und dieses Risiko wird die Fia nicht eingehen.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. optional
WhereIsMyMoney 08.06.2013
Ich sehe ganz klar dass hier Mercedes zufrieden gestellt werden sollte. Nach vielen Jahren haben die endlich ein gutes Auto gebaut und dann kommen die Reifen dazwischen. Es bestand vermutlich die Gefahr dass Mercedes aus der Formel 1 austeigt, so gab es eine "Beugung" der Regeln von vielen. Charlie Whiting hat anscheinend höchstpersönlich den Test erlaubt. Pirelli kam die Sache auch sehr gelegen. Und so führte man es eben durch. Wie sehr diese Tests Mercedes geholfen haben, werden wir aber erst an diesem Sonntag sehen. Monaco kann kein Gradmesser für die Reifen sein.
2. Der gute alte Ross
archontas 08.06.2013
--- Teamchef Ross Brawn gab zu: "Es war meine Entscheidung, das ist ein Fakt. --- Hat das schummeln nicht verlernt. Nun Ferrari wird wohl wissen was er sonst noch alles testete. Das haben die gemeinsam ja auch immer so gemacht. Also der Ron musste seinen Stall abgeben....
3. Ja, unbedingt!
saywer,tom 08.06.2013
"Dem Vernehmen nach soll Mercedes die Fahrten unter anderem dazu genutzt haben, um die Aerodynamik zu verbessern. Nach den Tests fand der Große Preis von Monaco statt, es siegte Nico Rosberg - im Mercedes." Schliesslich ist Monaco bekannt dafür, dass die Aerodynamik über Sieg und Niederlage entscheidet.
4. Was für ein Käse!
egon_kallinski 08.06.2013
Zitat von saywer,tom"Dem Vernehmen nach soll Mercedes die Fahrten unter anderem dazu genutzt haben, um die Aerodynamik zu verbessern. Nach den Tests fand der Große Preis von Monaco statt, es siegte Nico Rosberg - im Mercedes." Schliesslich ist Monaco bekannt dafür, dass die Aerodynamik über Sieg und Niederlage entscheidet.
Wenn irgendwo im Rennkalender Aerodynamik keine Rolle spielt, dann in Monaco. Dort könnte man mit einer rollenden Schrankwand gewinnen, Hauptsache sie hätte einen starken Motor und gewänne das Qualy. Das Fahren aufgefädelt wie an einer Perlenschnur zerstört alle aerodynamischen Überlegungen. Und durch die vielen Safetycar-Phasen wurde das Feld mehrmals geschlossen. Gute Aerodynamik trägt Früchte auf schnellen Kursen wie etwa Monza oder auch Kanada wie wir diesen Wochenende sehen werden. Dort wird Mercedes wieder ganz weit vorne stehen und dann im Laufe des Rennens aufgeschnupft werdem.
5.
bauklotzstauner 08.06.2013
Zitat von saywer,tom"Dem Vernehmen nach soll Mercedes die Fahrten unter anderem dazu genutzt haben, um die Aerodynamik zu verbessern. Nach den Tests fand der Große Preis von Monaco statt, es siegte Nico Rosberg - im Mercedes." Schliesslich ist Monaco bekannt dafür, dass die Aerodynamik über Sieg und Niederlage entscheidet.
Nun, in Monaco ist der Startplatz sehr wichtig. Und da sieht Mercedes aufgrund der Tatsache, daß sie die Reifen schnell aufwärmen, seit einigen Rennen gut aus. Im Rennen aber bauen die Reifen dann zu schnell ab. Nicht aber so in Monaco! Die Konkurrenz wunderte sich, ie gut die Reifen da auf einmal hielten - aber eben nur bei Mercedes! Sehr wahrscheinlich haben die Fahrer bei diesen Reifentests wichtige Erfahrungen im Umgang mit den Gummis gemacht, die ihne zugute kamen. Ob das auf anderen Strecken mit Überholmöglichkeiten auch noch funktioniert, bleibt abzuwarten.
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Formel 1: Rennkalender 2013
Rennen Datum Großer Preis von (Ort)
1 17.03. Australien (Melbourne)
2 24.03. Malaysia (Sepang)
3 14.04. China (Shanghai)
4 21.04. Bahrain (Manama)
5 12.05. Spanien (Barcelona)
6 26.05. Monaco (Monte Carlo)
7 09.06. Kanada (Montreal)
8 30.06. Großbritannien (Silverstone)
9 07.07. Deutschland (Nürburgring)
10 28.07. Ungarn (Budapest)
11 25.08. Belgien (Spa-Francorchamps)
12 08.09. Italien (Monza)
13 22.09. Singapur (Singapur)
14 06.10. Südkorea (Yeongam)
15 13.10. Japan (Suzuka)
16 27.10. Indien (Neu-Delhi)
17 03.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
18 17.11. USA (Austin)
19 24.11. Brasilien (São Paulo)
Fotostrecke
F-1-Profis 2013: Crashpiloten, Weltmeister und ein Eismann

Formel 1: Teams und Fahrer 2013
Team Fahrer 1 Fahrer 2
Red Bull Sebastian Vettel Mark Webber
Ferrari Fernando Alonso Felipe Massa
McLaren Jenson Button Sergio Pérez
Lotus Kimi Räikkönen Romain Grosjean
Mercedes Nico Rosberg Lewis Hamilton
Sauber Nico Hülkenberg Esteban Gutiérrez
Force India Paul di Resta Adrian Sutil
Williams Pastor Maldonado Valtteri Bottas
Toro Rosso Daniel Ricciardo Jean-Eric Vergne
Caterham Charles Pic Giedo van der Garde
Marussia Max Chilton Jules Bianchi