Formel-1-Testfahrtaffäre: Tag der Entscheidung für Mercedes und Pirelli

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Mercedes-Motorsportchef Wolff (r,), Teamchef Brawn: Schuldig oder nicht? Zur Großansicht
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Mercedes-Motorsportchef Wolff (r,), Teamchef Brawn: Schuldig oder nicht?

Mit Spannung blickt die Formel 1 nach Paris. Dort müssen sich Mercedes und Reifenlieferant Pirelli vor dem obersten Fia-Gericht für die Testfahrtaffäre verantworten. Eine Bestrafung für beide scheint unausweichlich, allzu hart dürfte sie aber kaum ausfallen.

Paris - Schuldig oder nicht? Und wenn ja: Was wird die Strafe sein? Das sind die beiden zentralen Fragen, wenn am Donnerstagvormittag in Paris das Internationale Tribunal des Motorsport-Weltverbands Fia zusammenkommt. Das Gericht muss sich mit der Testfahrtaffäre um das Formel-1-Team von Mercedes und Reifenlieferant Pirelli auseinandersetzen. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff sagt vor der Anhörung: "Unsere Überzeugung ist, nichts Falsches getan zu haben."

Was ist passiert? Vom 15. bis 17. Mai hat Mercedes auf dem Circuit de Catalunya nahe Barcelona auf Einladung von Pirelli, Reifenlieferant aller Formel-1-Teams, Testfahrten durchgeführt, insgesamt 1000 Kilometer. Dabei seien laut Pirelli zu 90 Prozent Reifen für die kommende Saison zum Einsatz gekommen, der Rest soll im Laufe dieses Jahres eingeführt werden. Mercedes testete in Barcelona mit seinem aktuellen Auto.

Der letzte Satz ist wichtig, denn damit hat Mercedes gegen Paragraf 22 des Formel-1-Reglements verstoßen. Daher wird es spannend sein, was Mercedes zu seiner Entlastung vorzubringen hat. Vor allem, weil Teamchef Ross Brawn sagt: "Wir hätten den Pirelli-Test nicht durchgeführt, wenn wir nicht gedacht hätten, dass wir es dürfen." Und Mercedes-Aufsichtsratschef Niki Lauda tönt: "Beim Tribunal wird sich zeigen, wer Recht hat." Es gibt zwei mögliche Wege, wie Mercedes sich möglicherweise verteidigen wird.

Zum einen gibt es angeblich eine ominöse E-Mail. Unter anderem der "Guardian" hatte berichtet, dass Mercedes die Erlaubnis für die Tests von höchster Stelle bekommen habe - nämlich per E-Mail von Fia-Renndirektor Charlie Whiting. "Wir haben unsere Unterlagen aufbereitet", sagt Wolff. Sollte es die E-Mail - oder eine anderweitige Erlaubnis - geben, hätte das Fia-Gericht ein Problem, sollte einer der ranghöchsten Fia-Leute sein Okay gegeben haben.

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F1-Team Mercedes: Die Heimlich-Tester
Sollte es keine Erlaubnis gegeben haben, könnte Mercedes womöglich eine Grauzone im Reglement nutzen. Auffällig häufig fiel aus dem Mund der Mercedes-Offiziellen zuletzt das Wort "Pirelli-Test". Und diese Deutung könnte einen wichtigen Teil der Strategie bilden. Artikel 22.1 des Fia-Reglements definiert nämlich verbotene Tests als Fahrten, "durchgeführt von einem Wettbewerber der Meisterschaft". Mercedes könnte also argumentieren, nicht der Rennstall selbst habe die Testfahrten durchgeführt, sondern Pirelli nur Material und Fahrer zur Verfügung gestellt.

Was kaum ziehen dürfte vor Gericht, ist Pirellis Hinweis, der Reifenlieferant dürfe laut einer Vereinbarung mit der Fia in jeder Saison mit jedem Team bis zu 1000 Testkilometer absolvieren. Der internationale Automobilverband hat nämlich klargestellt, dass dazu alle Teams eingeladen werden müssten. Und das war offensichtlich nicht der Fall. Peter Sauber erklärte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, dass sein Team keine Einladung bekommen habe. Auch andere Rennställe beklagten, sie hätten deswegen nie Post von Pirelli bekommen.

Pikant ist die Affäre deshalb, weil die Konkurrenz, allen voran Red Bull, davon überzeugt ist, dass Mercedes Vorteile durch die Testfahrten hat. Einerseits, weil der Rennstall Reifen testen konnte, wenngleich Pirelli betont, die Pneus waren nicht markiert, womit Mercedes nicht wissen konnte, welche Mischungen aufgezogen waren. Vor allem aber hält sich das Gerücht, dass Mercedes bei dem Test durchaus neue Erkenntnisse bei der Fahrzeugabstimmung, insbesondere im Bereich Aerodynamik, gewonnen haben könnte. Weltmeister Sebastian Vettel sagte der "Süddeutschen Zeitung" in diesem Zusammenhang: "Jeder Testkilometer bringt etwas."

In der Formel-1-Szene wird erwartet, dass das Fia-Gericht die Testfahrten als regelwidrig einstufen und Mercedes bestrafen wird. Weil es in der Formel 1 aber keinen Strafenkatalog gibt, kann man über die Schwere der Bestrafung nur spekulieren. Ein Ausschluss von der WM wäre wohl zu hart, nur eine Geldstrafe zu lasch. Möglicherweise werden Mercedes WM-Punkte gestrichen, was das Team wohl verkraften könnte. Denn weder in der Fahrer- noch in der Konstrukteurswertung hat das Team Chancen auf den WM-Titel. Damit hätte die Strafe nur finanzielle Folgen.

Und Pirelli? Wird wohl nur eine Geldstrafe bekommen. Weil sich die Fia nicht erlauben kann, den einzigen Reifenlieferanten der Formel 1 allzu sehr zu verärgern. Und weil Bridgestone und Hankook bereits abgewunken haben, was ein Engagement in der Formel 1 betrifft. Bliebe allein Michelin als möglicher Pirelli-Ersatz. Sollten beide nicht wollen, stünde die Formel 1 ohne Reifenlieferant da. Aber das wird das Fia-Gericht nicht riskieren.

Mit Material vom sid

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1. optional
fintentisch 20.06.2013
klar, jetzt kann man wieder auf Mercedes einkloppen... wäre Ferrari die Tests gefahren, hätt es keinen interessiert...
2. Michelinmaennchen
krokofarm 20.06.2013
Ich mag das Michelinmaennchen und will dass die F1 wieder mit deren Reifen faehrt. Die Rennen machen keinen Spass mehr drum will ich mich wenigstens am Maennchen erquicken.
3. Hàtte Mercedea Pirelli überwachen
streitross2012 20.06.2013
müssen, ob andere Teams auch zum Test eingeladen wurden? Kann sich die F1 einen Rückzug von Mercedes leisten?
4.
noodles64 20.06.2013
Zitat von fintentischklar, jetzt kann man wieder auf Mercedes einkloppen... wäre Ferrari die Tests gefahren, hätt es keinen interessiert...
Der Unterschied zwischen Ferrari und Mercedes ist der, das Ferrari einen 2 Jahre alten Boliden und Test fahrer eingesetzt hat (was laut Regelwerk legal ist) und Mercedes den aktuellen Boliden mit dem Stammfahrern Rosberg und Hamilton. Die Untersuchung gegen Ferrari wurde eingestellt
5.
Proggy 21.06.2013
Zitat von fintentischklar, jetzt kann man wieder auf Mercedes einkloppen... wäre Ferrari die Tests gefahren, hätt es keinen interessiert...
Wenn ein anderes Team mit aktuellem Boliden, aktuellen Fahrern (mit schwarzen Helmen, damit man sie nicht erkennt) und ohne Informationen an die anderen Teams gefahren, würde man wahrscheinlich alle diesjährigen, eingefahrenen Punkte kassieren. Eventuell noch ein paar Milliönchen kassieren und den anderen Teams die gleichen Möglichkeiten zum Test einräumen. Da es aber Mercedes ist, die ja schon gedroht haben, bei zu harter Bestrafung sich aus der F1 zurückzuziehen - wird es eine Strafe geben, in der Art, wie sie Mercedes vorschwebt....
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