Formel 1 Titelkampf Was für Vettel spricht - und was gegen ihn

Plötzlich ein Dreikampf: Neben Lewis Hamilton und Sebastian Vettel fährt nun auch Valtteri Bottas um die WM mit. Was spricht für Ferrari, was für die Silberpfeile? Die Analyse.

Sebastian Vettel, Valtteri Bottas und Lewis Hamilton (v.l.n.r.)
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Sebastian Vettel, Valtteri Bottas und Lewis Hamilton (v.l.n.r.)

Aus Spielberg berichtet Karin Sturm


20 Punkte Vorsprung in der Gesamtwertung nimmt Sebastian Vettel aus Spielberg mit nach Silverstone, zum Heimrennen von Lewis Hamilton. 20 Punkte - das klingt nach einer ganzen Menge, ist aber in Wahrheit nicht allzu viel im Titel-Duell, das Valtteri Bottas mit seinem Sieg in Österreich zum Titel-Dreikampf gemacht hat. Wer aus diesem Trio hat die besten Chancen auf den WM-Triumph?

Faktor 1: der Druck

Als Fahrer nehmen sich Vettel und Hamilton sehr wenig. Es entscheiden kleine Details, die Tagesform - und manchmal vielleicht auch ein bisschen das Glück. Vettel muss allerdings den psychologischen Nachteil wegstecken, nach der Baku-Affäre unter besonderer Beobachtung zu stehen und sich keine Fehltritte mehr leisten zu können.

Dass er Druck spürt, zeigt sich auch daran, dass er Zweifel im Fall Bottas sehr deutlich machte. Der Finne hatte beim Rennen in Spielberg so schnell Gas gegeben, nachdem die Ampel auf grün gesprungen war, nämlich nach 0,2 Sekunden, dass lange untersucht wurde, ob es als Fehlstart zu werten sei. Doch Bottas entging einer Strafe. "Bottas hat gegambelt, die Kupplung schon losgelassen, als noch Rot war - und Riesenglück gehabt, dass Charlie Whiting genau in dem Moment auf den Knopf gedrückt hat", analysierte ORF-TV-Experte Alexander Wurz die Szene. Darüber kann Vettel sich ärgern, mehr aber auch nicht.

Für Hamilton hingegen kommt der Druck aus einer ganz anderen Richtung: Er muss 20 Punkte aufholen - bei der Konstanz von Vettel und Ferrari nicht einfach. Und da ist auf einmal auch noch Bottas, der nach einigen guten Rennen nur noch 15 Punkte hinter Hamilton liegt. Viele Experten schätzen den Finnen aber so ein, dass es ihm ein kleines bisschen an Speed und Durchsetzungsvermögen mangelt, sollte es hart auf hart zugehen. Dazu kommt: Dem Finnen fehlt bislang jegliche Erfahrung in einem WM-Titelkampf.

Faktor 2: das Team

Hier könnte Vettel vielleicht seinen größten Vorteil haben: Sein Ferrari-Teamkollege Kimi Räikkönen hat gerade einmal halb so viele Punkte wie er und ist inzwischen eine klare Nummer zwei. In Spielberg versuchte Ferrari relativ ungeschminkt, Räikkönen strategisch zu positionieren. Er sollte Bottas nach dessen Boxenstopp einbremsen, um Vettel wieder näher an diesen heranzubringen. Was allerdings nicht funktionierte - weil Räikkönen einen Fehler machte, sodass der Silberpfeilpilot schnell vorbeikam.

Aber zumindest theoretisch kann Vettel sicher eher auf Räikkönens Hilfe bauen als Hamilton auf die von Bottas. Denn bei Mercedes wird man sich in der momentanen Situation schwertun, eine klare Teamorder zugunsten des Briten auszusprechen. 15 Punkte Vorsprung sind nicht viel - ein einziger Ausfall von Hamilton und der Finne könnte sogar der besser platzierte Mercedes-Fahrer sein. Dieser sieht sich auch selbst als WM-Kandidat: "Ich glaube daran - und das Team auch."

Faktor 3: das Auto

Nach dem Qualifying in Spielberg war Vettel sichtlich erleichtert, dass der Abstand zu Mercedes, der sich an den letzten beiden Rennwochenenden auf eine komplette Runde hochgerechnet doch als ziemlich groß erwies, wieder auf vier Hundertstel geschrumpft war. Dass Bottas ihm aber in der ersten Rennhälfte auf den Ultra-Soft-Reifen relativ locker wegfahren konnte, dürfte Ferrari doch wieder einige Sorgen bereitet haben. Offenbar hatte man da auch das Reifenfenster nicht optimal getroffen - sonst ja eine Stärke der Roten. Mit dem Super-Soft-Reifen passte dann wieder alles.

In den Kurven, wo es stärker auf das Chassis ankommt, ist Ferrari besser. In einer Woche in Silverstone soll Vettel ein neues Motoren-Update bekommen - die Frage ist nur, ob nicht auch Mercedes ein bisschen nachlegen kann. Außerdem muss Vettel früher mit Motor-Strafen rechnen: Er hat schon mehr der limitierten Komponenten verbraucht als Hamilton.

In Sachen Entwicklungsgeschwindigkeit nahmen sich beide Teams seit Saisonbeginn nicht viel. Bei Mercedes glaubt man aber, noch mehr Potenzial zu haben. Auch deshalb, weil man die Reifen immer besser kennenlernt, was zu Saisonbeginn eine eindeutige Schwäche darstellte. Und da ist ja auch noch die Motorleistung. Experten vermuten, dass Mercedes da noch nachlegen kann. Wenn dem so ist, sollten sie schleunigst damit anfangen. Am besten schon in Silverstone.



insgesamt 15 Beiträge
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vhn 09.07.2017
1. Momentan spricht alles für...
... Vettel. Er ist durch einige Krisen gegangen und hat seinen Vorsprung weiter ausgebaut. Und das obwohl der Ferrari eigentlich ein wenig unterlegen ist. Hamilton dagegen weiß, dass er im besseren Auto sitzt und konnte dies mehrfach nicht umsetzen. Weiterhin hat er meiner Meinung nach auch den Druck vom letzten Jahr. Sitzt im besten Auto und trotzdem nicht Weltmeister. Ferrari dagegen ist das Überraschungsteam des Jahres. Bei Mercedes dagegen haben alle vor der Saison mit dem Titel gerechnet...
totalmayhem 09.07.2017
2.
Hamilton ist immer noch die klare Nr. 1 bei AMG-Mercedes. Eine Stallorder haette nur wenig Sinn ergeben in den letzten beiden Rennen, da hatte Hamilton einfach nur Pech.
marialeidenberg 09.07.2017
3. Auch wenn viele es nicht wahr haben wollen:
Vettel kann Auto fahren.
j-man 09.07.2017
4. @marialeidenberg
Sie sind aber ein aufmerksamer Beobachter und ein richtiger Experte. Bitte mehr davon!
power.piefke 09.07.2017
5. schlecht für hamilton:
Vettel hat ein Auto, dass einigermaßen gleichwertig ist.
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