Mercedes-Motorsportchef Wolff "Es geht um den Kampf Mann gegen Mann"

Für Mercedes-Boss Toto Wolff macht in der Formel 1 das Auto 70 Prozent des Erfolgs aus. Trotzdem gehe es nicht ohne Gefahr und direkte Duelle. Die neuen Besitzer setzt er nach einem Jahr "Honeymoon" unter Druck.

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Ein Interview von Karin Sturm


SPIEGEL ONLINE: Braucht die Formel 1 nicht mal wieder einen anderen Weltmeister als Mercedes?

Toto Wolff: Ich kann schon verstehen, dass viele Fans so denken. Man will die Abwechslung und ist auch eher für den Underdog als für den, der schon drei- oder viermal gewonnen hat. Aber ich bin nunmal für die Weiterentwicklung des Erfolgs von Mercedes in der Formel 1 verantwortlich. Also: nein.

Zur Person
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    Toto Wolff ist seit 2013 Motorsportchef bei Mercedes. Unter seiner Führung gewannen die Silberpfeile seit 2014 vier Fahrer- und Konstrukteurs-Titel in Serie. Der Österreicher Wolff war in den Neunziger- und Nullerjahren selbst als Rennfahrer aktiv. Er ist mit der ehemaligen schottischen Rennfahrerin Susie Wolff, geborene Stoddart, verheiratet.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn in dieser Saison den von den Fans herbeigesehnten Dreikampf zwischen Mercedes, Ferrari und Red Bull an der Spitze?

Wolff: Jedes der Top-Teams nennt den anderen als vermeintlichen Favoriten. In Wahrheit muss man mit vielen Variablen kalkulieren.

SPIEGEL ONLINE: Die da wären?

Wolff: Keiner weiß genau, wie viel Sprit bei den Testfahrten jeweils in den Autos war oder wie viel der möglichen Motorenleistung schon abgerufen wurde. In manchen Hochrechnungen sind wir mit Ferrari und Red Bull auf einem Niveau, in anderen liegen wir zwei Zehntel vorne oder hinten. Wenn man nur mal zehn Liter Sprit rein- oder rausrechnet, dann verändert sich das schon sehr stark.

SPIEGEL ONLINE: Wem trauen Sie denn mehr zu, Ferrari oder Red Bull?

Wolff: Wenn man mich vergangenes Jahr gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich Red Bull gesagt - aber dann kam Ferrari 2017 mit einem sehr starken Auto. Insofern bin ich da vorsichtig mit einer Aussage. Beide Teams haben sehr gute Ressourcen, in beiden Autos sitzen starke Fahrer. Ich würde sie im Moment auf gleicher Ebene einschätzen, mit leichten Vorteilen für den einen oder anderen je nach Rennstrecke.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel macht überhaupt noch der Fahrer aus und wie viel das Auto?

Wolff: Das ist eine schwierige Frage. Der beste Fahrer kann in einem Auto, das nicht konkurrenzfähig ist, nichts gewinnen. Wenn es ganz knapp ist, wenn zwei Teams ein ähnliches Paket auf die Strecke gestellt haben, dann kann der Fahrer den Unterschied machen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt immer noch ein bisschen vage, trauen Sie sich eine Prozentangabe zu?

Wolff: Schwierig. 70 Prozent Auto, 30 Prozent Fahrer.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist es Ihnen, für die deutsche Marke Mercedes-Benz einen deutschen Piloten zu haben?

Wolff: Wir sind ein deutsches Team, aber genauso wie die Marke Mercedes sind wir auch sehr international. Und letztlich zählt bei uns nun mal der Erfolg. Deswegen schauen wir nicht in erster Linie auf die Nationalität des Fahrers, sondern darauf, was er zu diesem Erfolg beitragen kann. Wenn ein Deutscher sich auf diesem Niveau empfehlen würde, den Charakter und den Speed hat, die Marke zu vertreten, dann würden wir das natürlich sehr wohlwollend betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht genau so einen Fahrer in Pascal Wehrlein?

Wolff: Das sehe ich bei ihm noch nicht. Pascal hat eine sehr starke Junior-Karriere gehabt und die DTM in beeindruckender Weise gewonnen, schnell und kaltschnäuzig. Er hat in der Formel 1 zwei Chancen gehabt, aber irgendwie ist der Funke nicht übergesprungen. Das liegt nicht an Pascals Talent, das ist sicherlich vorhanden.

SPIEGEL ONLINE: Woran denn dann?

Wolff: Um es in der Formel 1 ins richtige Auto zu schaffen, muss vieles zusammenkommen. Das hat sich halt noch nicht ergeben - und bei uns würden wir auch keinen anderen mit erst ein oder zwei Jahren Erfahrung in den Silberpfeil setzen. Wir sind der Meinung, dass der Druck, die Marke Mercedes zu vertreten, der Druck, sich gegen Lewis Hamilton zu beweisen, sehr hoch ist und wir einen stabilen zweiten Mann brauchen. Außerdem wollen wir eine Kampfsituation wie zwischen Lewis und Nico Rosberg vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Seit einem Jahr fährt die Formel 1 nicht mehr unter dem Boss Bernie Ecclestone, sondern unter dem neuen Besitzer Liberty Media. Was ist ihr Fazit?

Wolff: Ich würde die erste Saison als eine Art "Honeymoon" bewerten, wo man noch Fehler verzeiht. Der Aufbau einer professionellen Vermarktungsstruktur anstelle der früheren One-Man-Show unter Bernie Ecclestone ist zu einem gewissen Grad richtig. Jetzt geht es darum, dass Entscheidungen getroffen werden, die die Formel 1 wirklich weiterbringen.

SPIEGEL ONLINE: Und die wären?

Wolff: Alles, was dazu führt, dass die Formel 1 weiterhin als attraktive, globale Rennserie wahrgenommen wird. Dazu gehören attraktive Rennstrecken, vielleicht tatsächlich Stadtrennen in den USA, in Miami, New York oder San Francisco. Der TV-Markt bietet unheimlich große Chancen, im Zuge der Digitalisierung neue Vermarktungswege zu finden. Also all die Ideen der vergangenen zwölf Monate umzusetzen in echten Gewinn und auch in den Zuwachs des sportlichen Entertainment-Faktors. Aber in der Reihenfolge Sport vor Entertainment. Es geht um spannende Rennen, es geht um die Gefahr, es geht um den Kampf Mann gegen Mann. Der Zuschauer soll schon noch das Risiko wahrnehmen, dass die Jungs eingehen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie zum Cockpitschutz Halo?

Wolff: Ich habe dieses Jahr schon gesagt: Wenn man mir eine Kettensäge in die Hand gäbe, würde ich ihn absägen. Und diese Meinung habe ich auch nicht geändert. Natürlich muss man den Piloten schützen und die Sicherheit verbessern. Die Fia hatte wahrscheinlich auch keine andere Möglichkeit, als den Halo jetzt einzuführen, nachdem er ja schon einmal um ein Jahr verschoben wurde. Aber man hat auch eine Verantwortung gegenüber der DNA der Formel 1. Da kann man nicht einfach so ein Teil draufschrauben, das den Fans den Blick auf den Fahrer erschwert und das das Auto einfach nicht mehr so attraktiv sein lässt. Da müssen alle Verantwortlichen, auch wir als Team, noch einmal zusammenarbeiten und mit einer anderen technischen Lösung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Formel 1 überhaupt noch zeitgemäß?

Wolff: Es verändert sich alles. Wir sind in einem gesellschaftlichen Umbruch. Wenn man die Chefs der Automobilunternehmen heute fragt, wie die automobile Welt in zehn Jahren aussehen wird, dann bekommt man sehr viele verschiedene Antworten. Weil sich alles so schnell verändert, dass es niemand so genau weiß. Und das betrifft natürlich auch den Sport. Generell gibt es heute auch einen extremen Überfluss an Angeboten. Früher war am Sonntagnachmittag, wenn man nicht zum Beispiel etwas mit den Kindern unternommen hat, die Alternative Formel 1 im Fernsehen. Heute gibt es einen Informations- und Unterhaltungsüberfluss, auf den verschiedensten Geräten. Wie viele andere Sportarten haben wir es bisher versäumt, diesen Übergang zu schaffen. Das treibt uns um.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als die Frage nach der Zukunft von Verbrennungsmotoren und Hochleistung im Automobil-Bereich generell?

Wolff: Die DNA der Formel 1 besteht nicht nur darin, dass die besten Piloten gegeneinander antreten, sondern auch die besten Rennautos mit der modernsten Technik. Die leistungsstärksten Autos werden in ein paar Jahren alle Hybrid- oder sogar Elektromodelle sein.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
thermo_pyle 23.03.2018
1. Langweiliges Reglement...
„Mann gegen Mann“...aha. Gähn ! Das ist Bullshit, und das weiß auch Toto Wolf. „Niemand weiß, wieviel Sprit bei den Testfahrten eingefüllt war.“ Mag sein, aber man hat Erfahrungen und Boxenspione, so what!? Da die Weiterentwicklung derart eingeschränkt, die Motorenentwicklung sogar festgeschrieben...was soll sich denn groß ändern, wie soll Spannung aufkommen ? Indycar, Nascar, da kann man Mann gegen Mann kämpfen...die Strecken haben aber einen ganz anderen Reiz. Müsste ich zwischen Taladega oder Monaco wählen...;-) nun ja...
dersisko 23.03.2018
2. Lauda
Hätte mir eine Frage in Bezug auf die weitere Mitarbeit von Niki Lauda gewünscht. Vielleicht war das aber auch vorher so abgesprochen. Und eine Frage wer aus seiner Sicht in diesem Jahr bei den Underdogs interessant ist. Danke dafür, die wenig zeitgemäße F1 doch noch zu berücksichtigen, ich mag sie einfach.
colinchapman 23.03.2018
3. Talladega
Zitat von thermo_pyle„Mann gegen Mann“...aha. Gähn ! Das ist Bullshit, und das weiß auch Toto Wolf. „Niemand weiß, wieviel Sprit bei den Testfahrten eingefüllt war.“ Mag sein, aber man hat Erfahrungen und Boxenspione, so what!? Da die Weiterentwicklung derart eingeschränkt, die Motorenentwicklung sogar festgeschrieben...was soll sich denn groß ändern, wie soll Spannung aufkommen ? Indycar, Nascar, da kann man Mann gegen Mann kämpfen...die Strecken haben aber einen ganz anderen Reiz. Müsste ich zwischen Taladega oder Monaco wählen...;-) nun ja...
von Talladega kann ich Ihnen die Kurvenfolge verraten: links - links - links - links - links - ahnen Sie wie es weiter geht? DAS ist für Sie Motorsport?
uzsjgb 23.03.2018
4.
Zitat von thermo_pyle„Mann gegen Mann“...aha. Gähn ! Das ist Bullshit, und das weiß auch Toto Wolf. „Niemand weiß, wieviel Sprit bei den Testfahrten eingefüllt war.“ Mag sein, aber man hat Erfahrungen und Boxenspione, so what!? Da die Weiterentwicklung derart eingeschränkt, die Motorenentwicklung sogar festgeschrieben...was soll sich denn groß ändern, wie soll Spannung aufkommen ? Indycar, Nascar, da kann man Mann gegen Mann kämpfen...die Strecken haben aber einen ganz anderen Reiz. Müsste ich zwischen Taladega oder Monaco wählen...;-) nun ja...
Zum Glück ist die Weiterentwicklung eingeschränkt, sonst wäre Mercedes wahrscheinlich noch weiter vorne. Die Teams/Hersteller mit dem meisten Geld und den besten Testmöglichkeiten würden im Laufe der Saison den Abstand zu den Teams ohne Geld immer weiter vergrößern. Die Einschränkung der Weiterentwicklung kommt der Spannung entgegen. Sie widersprechen sich, wenn Sie IndyCar und Nascar erwähnen. Erstens sind das beinah Einheitsformeln, mit nur sehr wenigern Herstellern, zweitens ist dort die Weiterentwicklung während der Saison viel eingeschränkter, als es in der Formel 1 ist. Sie merken also, je eingeschränkter die Weiterentwicklung, desto spannender der Sport.
murksdoc 23.03.2018
5. Gähn 2.0
Ich bib grosser Fan des Motorsports, habe auf bei Formel 1 schon als Notarzt gearbeitet (zu Schumacher/Hill-Zeiten). Seit ich nicht mehr weiss, auf welchem Bezahlsender das läuft und seitdem man das in Ermangelung von Grid-Girls auch nicht mehr ohne Ton anschauen kann, schaue ich keinen Motorsport mehr. "Spannung" gab es in der Formel 1 nach den Schuhmacher/Hill-Duellen sowieso nie wieder.
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