Formel 1 Die Revolution fällt aus

Als das US-Unternehmen Liberty Media vor zwei Jahren die Formel 1 übernahm, waren spätestens bis 2021 einschneidende Veränderungen geplant. Inzwischen zeigt sich: Viele der Ansätze sind nicht durchsetzbar.

Ferrari (Archiv)
Getty Images

Ferrari (Archiv)

Von Karin Sturm


Die Motoren

Nach der letzten Sitzung der Strategiegruppe vor knapp zwei Wochen ist endgültig klar: Es wird kein neues Motorenkonzept geben, es bleibt bei den aktuellen 1,6-Liter-V6-Hybrid-Turbos. Sogar die umstrittene, weil komplizierte und teure Energierückgewinnungseinheit M-GUH wird bleiben. Herumgebastelt wird nur an Details, die die Leistung weiter steigern sollen - über 1000 PS dürften dann bald der Normalfall sein.

Die geplante Motorrevolution wird verschoben - wahrscheinlich auf 2023 oder 2024, wenn sie überhaupt je kommt. Der Grund: Die aktuellen Hersteller werden sich nicht einig, die neun potenziellen Neueinsteiger sind längst wieder abgesprungen. Ihnen sind die Motoren zu komplex, zu teuer und zu wenig rennfreundlich.

Die Autos

Das Überholproblem will die Formel 1 unbedingt angehen. Zwölf Monate arbeiteten zehn Ingenieure an einem Konzept, das Sportdirektor Ross Brawn in Singapur der Öffentlichkeit präsentierte. Ein Ingenieur hatte dabei die Aufgabe, auf eine ansprechende Optik zu achten. Brawn: "Die Ästhetik ist uns wichtig. Wir wollen Autos, die sich junge Menschen als Poster an die Wand hängen."

Vor allem soll aber das Überholen erleichtert werden. Die Simulationen mit Konzeptautos haben ergeben, dass sie beim Hinterherfahren nur noch 20 statt 50 Prozent Grip verlieren.

Dass DRS würde Brawn am liebsten abschaffen. Damit würde er auch einen Wunsch von Sebastian Vettel erfüllen, der von der künstlichen Überholhilfe noch nie viel hielt. Aber noch sind die Autos nur Konzepte. Und die Praktiker haben jetzt schon Zweifel, dass das so alles je funktionieren wird. Force-India-Technikchef Andy Green meint: "Wir werden nie ein Auto bauen, das perfekt im Verkehr ist. Wir bauen unser Auto unter der Annahme, dass wir vorne fahren. Es wird nie funktionieren, dass definierte Regelvorgaben zu einem gewünschten Design führen."

Die Budgetobergrenze

Liberty Media hat massive Probleme damit, dass in den letzten 111 Rennen nur drei Teams einen Grand Prix gewinnen konnten - da ist man aus den amerikanischen Rennserien eine ganz andere Vielfalt gewöhnt. Um die Chancen für Mittelfeldteams zu erhöhen, soll eine Budgetobergrenze eingeführt werden. Geplant waren 150 Millionen Dollar (130 Millionen Euro) für 2021. Inzwischen wurde der Plan deutlich aufgeweicht: Im ersten Schritt wird das Budget 2021 auf 200 Millionen Dollar (rund 173 Millionen Euro) gedeckelt, 2022 dürfen die Teams dann nur noch je 175 Millionen Dollar (151 Millionen Euro) ausgeben, 2023 im letzten Schritt noch 150 Millionen Dollar (130 Millionen Euro). Ausgenommen sind Fahrergehälter, der Lohn für den bestbezahlten Mitarbeiter sowie Marketing- und Hospitality-Ausgaben. Noch unklar ist zum Beispiel, welche Strafe es bei Missachtung geben soll.

Die Geldverteilung

Die Geldverteilung in der Formel 1 ist derzeit höchst ungleich geregelt. Ferrari streicht für die Saison 2017 stolze 166 Millionen Euro ein, Sauber aber nur 39 Millionen. Allein der Bonus für Ferrari (93 Millionen) ist höher als die Einnahmen, die Sauber, Force India oder Haas im Falle eines WM-Titels (82 Millionen) einnehmen würden. Das hat mit den Privilegien der Großen und Etablierten zu tun, die sich einst diese Vorteile ins Concorde-Abkommen haben schreiben lassen. Doch bisher gibt es immer noch keinerlei Details, wie die Geldverteilung 2021 nach dem Ablauf der bisherigen Vereinbarung aussehen wird.

Die Rennen

Zu den Fans, hin in die Städte - das war das Konzept, das Liberty Media für neue Rennen hatte. Jetzt muss man feststellen, dass das alles in der Praxis wesentlich schwieriger ist, als nur ein Streckenkonzept auf ein Blatt Papier zu malen. Von Kopenhagen kam jüngst eine Absage, weil die Stadtpolitiker nicht bereit sind, das Unterfangen zu finanzieren. Aber auch die Realisierung des Standortes Miami klappte schon für 2019 nicht und steht auch weiterhin auf der Kippe. Dort rebellieren die gut situierten Anwohner. Nur eines von vielen Problemen, dem sich Liberty Media und die Formel 1 stellen muss.



insgesamt 7 Beiträge
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MatthiasPetersbach 06.10.2018
1. ...also NORMALERWEISE....
...mietet der Veranstalter eines Events das Gelände. Und lässt sich nicht seinen Zirkus fremdbezahlen. Aus irgendwelchen (welchen?) Gründen macht das aber die Formel 1. Oder versuchts. Das kann über kurz oder lang nicht klappen - oder sollte nicht klappen. Nicht in Gegenden der Erde, wo der Bürger noch was zu sagen hat.
karlhans 06.10.2018
2. Gähn, Formel was?
Ich habe mich schon lange von der Formel Eins verabschiedet. Wenn Autorennen dann DTM.
0900 06.10.2018
3. Hmm
Irgendwie sehe ich an der aktuellen Situation eigentlich kein Problem. Schaut man mal über einen längeren Zeitraum zurück, haben immer einzelne Teams über wenige Jahre dominiert. McLaren (Honda), Williams, Benetton (Renault) etc. waren es mal, heute halt Mercedes, Redbull und immer wieder Ferrari und oben genannte hinken aktuell hinterher. So what? Das sieht bald wieder anders aus. vgl. aktuell die Sprünge bei Sauber (Leclerc) oder Racing Point Force India Anfang der Saison. Für mich macht immernoch dieser Mix aus Fahrer-, Team-, Strategie- und Innovations-/Technikleistung wie auch Managemententscheidungen den Reiz an F1 aus. Es ist halt kein und wird nie ein MotoGP/Moto2/Moto3, muss man halt mal merken.
ExigeCup260 06.10.2018
4.
"... "Die Ästhetik ist uns wichtig. Wir wollen Autos, die sich junge Menschen als Poster an die Wand hängen." ..." Junge Menschen, die sich für die Formel1 interessieren, sind technikaffin und hängen sich die erfolgreichsten Wagen an die Wand, oder solche, die durch irgendwelche technischen Finessen auffallen. Das nennt man inhärente Affinittät, und die Zuneigung zur Formel1 ist in dem der Formel1 ureigenen Zweck, der Findung bester, radikaler Lösungen, begründet. Dann braucht man keine Designer, die den sogenannten Mainstreamgeschmack abbilden - das führt nur zu langeweiligen, weil beliebeigen Lösungen (siehe aktuelles Fahrzeugdesign im Serienautomobilbau). Die Formel1-Fans haben ein Gespür für so etwas, ob etwas nur deswegen gemacht wird, ihnen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, oder ob es einem einzigen Zweck dient: Der bestmöglichen technischen Lösung.
Referendumm 06.10.2018
5. Riesen Führungsproblem
Die Formel 1 hat ein riesengroßes Führungsproblem. Das US-Unternehmen Liberty Media hat einen Haufen Kohle für die F1 hingelegt und lässt sich so etwas gefallen: "Die geplante Motorrevolution wird verschoben - wahrscheinlich auf 2023 oder 2024, wenn sie überhaupt je kommt. Der Grund: Die aktuellen Hersteller werden sich nicht einig," ? Das ist doch absolut peinlich. Und komme mir jetzt keiner mit ner Piratenserie. DAS möchte ich mal sehen, wenn Ferrari, Mercedes und eventuell Renault / RBR ne Piratenserie aufmachen - ich lache mich tot. Die drei / vier kriegen doch heute schon nix in Sachen F1-Organisation gemeinsam gebacken und wollen ne Piratenserie aufmachen? Vielleicht werden es dann drei / vier F1-Piratenserien: F1-Pirat mit Ferrari, F1-Pirat mit Mercedes und F1-Pirat mit Renault .... dann gewinnt wenigstens immer der richtige die WM. ;) "Um die Chancen für Mittelfeldteams zu erhöhen, soll eine Budgetobergrenze eingeführt werden. Geplant waren 150 Millionen Dollar (130 Millionen Euro) für 2021. Inzwischen wurde der Plan deutlich aufgeweicht: Im ersten Schritt wird das Budget 2021 auf 200 Millionen Dollar (rund 173 Millionen Euro) gedeckelt, ..." Unisono heißt es immer, es sei nicht zu kontrollieren. DAS erzählen u.a. auch Fahrzeughersteller wie Ferrari, Mercedes und Renault. Jou mei, haben die jemals bei sich zu Hause nachgeschaut, wie die Automobilindustrie mit ihren Zulieferen umgeht bzw. umspringt? Da kennen die Automobilibauer von ihren Zulieferen nicht nur jede gelieferte Schraube und jede gelieferte Dichtung und was die bei der Herstellung kostet, sondern die kennen auch sämtliche Buchhaltungsbücher etc.. Wer diese Offenlegung ablehnt, ja, der bekommt dann halt keinen Auftrag eines Automobilibauers. So wird das gemacht und so könnte es Liberty Media oder die FIA auch handhaben. Aber, da sind wir eben wieder ganz am Anfang: Die Formel 1 hat ein riesengroßes Führungsproblem!
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