Sieg am Nürburgring: Vettel stürmt die Festung

Vom Nürburgring berichtet

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Sieger Vettel: "Der Druck war unheimlich hoch"

Ein umherfliegender Reifen, ein führerloses Auto auf der Strecke und ein Sieger, der erstmals in seiner Heimat gewinnen konnte: Der Große Preis von Deutschland war ein aufregendes Rennen - und am Ende triumphierte Sebastian Vettel. Jetzt wartet der nächste Fluch auf ihn.

Vor knapp 900 Jahren ließ das Adelsgeschlecht der Grafen von Are inmitten der Eifel eine Festung errichten, die Nürburg. Sie ist Namensgeber für die legendäre Rennstrecke am Fuße des Berges, auf dem die Ruine steht, den Nürburgring.

Für Sebastian Vettel war dieser Rundkurs, um im Bild zu bleiben, eine bislang uneinnehmbare Festung, ein weißer Fleck auf seiner ansonsten fast vollständigen Karte gewonnener Formel-1-Rennen. Nach seinem knappen Sieg kann er nun auch hinter dem Namen Nürburgring einen Haken machen.

Das Wort Fluch machte im Vorfeld des Großen Preises von Deutschland schon inflationär die Runde, weil Vettel noch nie in der Eifel gewonnen hatte - der Nürburgring-Fluch. Auch, weil der 26-Jährige weder hier noch am Hockenheimring jemals auf Platz eins gefahren war, der Deutschland-Fluch. Und schließlich der Europa-Fluch, weil Vettel dort fast zwei Jahre auf einen Erfolg warten musste, zuletzt hatte er im September 2011 im italienischen Monza triumphiert. Mit einem Schlag sind all diese Flüche besiegt.

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Formel 1: Vettels erster Heimsieg
"Endlich hat es hier geklappt. Es ist unglaublich, in Deutschland zu gewinnen", sagte Vettel nach dem Rennen, in dem er und sein Red-Bull-Team eine Meisterleistung abgeliefert hatten. Fahrerisch und auch taktisch.

Den ersten Coup verbuchte Vettel unmittelbar nach dem Start, als er deutlich besser wegkam als Qualifying-Sieger Lewis Hamilton und diesen noch vor der ersten Kurve überholte. Der Brite hatte in den folgenden 60 Runden arg mit den Reifen zu kämpfen, die Pneus nutzten sich am zuletzt so starken Mercedes deutlich schneller ab als bei den Konkurrenten. Daher hatte Hamilton auch zu keiner Zeit etwas mit dem Sieg zu tun, wurde am Ende lediglich Fünfter.

Webbers Hinterreifen trifft Kameramann

Teamkollege Mark Webber konnte Vettel auch keine Hilfe sein, weil das Team einen Reifenwechsel des Australiers in Runde neun verbockte. Als Webber wieder losfuhr, löste sich sein rechter Hinterreifen, flog durch die Boxengasse und traf einen Kameramann. Eine lebensgefährliche Situation, für die Red Bull 30.000 Euro Strafe zahlen muss, die aber wohl noch halbwegs glimpflich endete. Der Mann soll nach ersten Meldungen "nur" eine Gehirnerschütterung und Knochenbrüche erlitten haben.

Als sich das Feld nach diversen weiteren Boxenstopps sortiert hatte, ereignete sich etwas, von dem selbst langjährige Formel-1-Beobachter sagten, so etwas hätten sie noch nie erlebt: ein Wagen ohne Fahrer auf der Strecke. Schuld an diesem Missgeschick war Marussia-Pilot Jules Bianchi, der in Runde 24 mit einem Motorschaden ausfiel, seinen Wagen am Streckenrand parkte und ausstieg. Dumm nur, dass der Bolide anschließend im Leerlauf den Hügel herunter- und wieder auf die Strecke rollte. Der Zwischenfall hätte schlimme Folgen haben können, wenn in diesem Moment Fahrer um die Kurve gerast wären; doch es kam keiner.

Räikkönen und Grosjean jagen Vettel

Das Feld wurde durch die anschließende Safety-Car-Phase wieder zusammengeschoben, nach dem Re-Start begann dann die 30 Runden dauernde Jagd auf Spitzenreiter Vettel. Seine Jäger hießen Romain Grosjean und Kimi Räikkönen. Was der Weltmeister auch versuchte, die beiden Lotus-Piloten ließen sich nicht abschütteln. Der englische Rennstall hatte eine Abstimmung zwischen Auto und Reifen gefunden, bei der die Pneus nicht zu schnell abbauten. Lotus blieb an Red Bull dran.

"Der Druck war unheimlich hoch", sagte Vettel später. Grosjean war stets nur rund eine Sekunde hinter ihm, Räikkönen knapp drei Sekunden. Es war klar, dass alle drei noch einmal an die Box mussten - nur wann? Das Pokerspiel begann.

Grosjean kam in Runde 40 rein, Red Bull reagierte prompt - und glänzend. Damit der Franzose mit neuen Reifen nicht aufholen konnte, holte sich Vettel eine Runde später auch neue Reifen. Räikkönen folgte neun Runden später, hatte allerdings einen Vorteil: Der Finne hatte im Gegensatz zu Vettel und Grosjean noch einen Satz weiche, also schnellere Reifen. Als er mit diesen auf die Strecke zurückkehrte, waren noch zehn Runden zu absolvieren.

"Es war ein unglaubliches Rennen. Und es schien ewig zu dauern", sagte Vettel später, der seinen Vorsprung verteidigte. Vielleicht hätte Lotus den Deutschen sogar noch überholen können, wenn es gleich nach Räikkönens Reifenwechsel eine Teamorder gegeben hätte. So aber fuhr der Finne noch fünf Runden hinter Grosjean her, ehe dieser seinen Teamkollegen vorbeilassen musste. Räikkönen holte bei freier Fahrt eine Zehntelsekunde nach der anderen auf, doch am Ende reichte es nicht. Im Ziel hatte er 1,008 Sekunden Rückstand auf Vettel.

In der Gesamtwertung hat der Titelverteidiger nun 157 Punkte und damit 34 Zähler mehr als Ferrari-Pilot Fernando Alonso (123), der auf dem Nürburgring Vierter wurde. Eine Vorentscheidung im WM-Kampf? Mitnichten! Weil Pirelli für das kommende Rennen Ende Juli komplett überarbeitete Reifen liefert und die Teams wieder einmal eine neue Abstimmung finden müssen. Und weil dann der Große Preis von Ungarn ansteht. Dort hat Vettel bei sechs Starts noch nie gewonnen. Der Budapest-Fluch.

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1.
Stäffelesrutscher 07.07.2013
Zitat von sysopGetty ImagesEin umherfliegender Reifen, ein führerloses Auto auf der Strecke und ein Sieger, der erstmals in seiner Heimat gewinnen konnte: Der Große Preis von Deutschland war ein aufregendes Rennen - und am Ende triumphierte Sebastian Vettel. Jetzt wartet der nächste Fluch auf ihn. http://www.spiegel.de/sport/formel1/formel-1-vettel-besiegt-den-nuerburgring-fluch-a-909902.html
*Räusper* Legendär sind nicht die gut 5 km heutige Piste, sondern die rund 23 km der Nordschleife.
2.
statussymbol 07.07.2013
Zitat von Stäffelesrutscher*Räusper* Legendär sind nicht die gut 5 km heutige Piste, sondern die rund 23 km der Nordschleife.
Nordschleife und Gran Prix Strecke zählen beide zum Nürburgring. Dass der Nürburgring insgesamt ein weltweit bekannter Name ist (selbst japanische Autohersteller wie Nissan stimmen und testen den GTR dort ab!) und nach der Nürburg benannt ist, ist völlig korrekt. Daran ändert auch die Tatsache dass die Nordschleife der bekannteste und beliebteste Part des Nürburgrings ist nichts.
3. Bestimmt...
unifersahlscheni 07.07.2013
Zitat von sysopGetty ImagesEin umherfliegender Reifen, ein führerloses Auto auf der Strecke und ein Sieger, der erstmals in seiner Heimat gewinnen konnte: Der Große Preis von Deutschland war ein aufregendes Rennen - und am Ende triumphierte Sebastian Vettel. Jetzt wartet der nächste Fluch auf ihn. http://www.spiegel.de/sport/formel1/formel-1-vettel-besiegt-den-nuerburgring-fluch-a-909902.html
...wird es wieder irgendeinen geben, der mokiert dass Vettel nicht die Festung "stürmt", sondern ganz normal mit einer Leiter "eingenommen" hat...! ;O)
4. Hptsache es BRUMMMMT
systemfeind 07.07.2013
Zitat von sysopGetty ImagesEin umherfliegender Reifen, ein führerloses Auto auf der Strecke und ein Sieger, der erstmals in seiner Heimat gewinnen konnte: Der Große Preis von Deutschland war ein aufregendes Rennen - und am Ende triumphierte Sebastian Vettel. Jetzt wartet der nächste Fluch auf ihn. http://www.spiegel.de/sport/formel1/formel-1-vettel-besiegt-den-nuerburgring-fluch-a-909902.html
F1 läuft rund um die Uhr - und es geht mir echt auf den Geist . Bitte nur Wirtschaft und Politik , etwas Forschung und ab und an Porno .
5. Ich verstehe nicht.....
Aufgewacht! 07.07.2013
.....warum er so viel Wert darauf legt in Deutschland zu siegen. Jedenfalls legt er keinen Wert darauf seinen Beitrag für die Deutsche Gesellschaft zu leisten, da geht er dann lieber in die Schweiz und überlässt es seinen treuen deutschen Fans die Steuern für das Sozialwesen in Deutschland zu zahlen. Ein tolles Vorbild.
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Formel 1: Rennkalender 2013
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1 17.03. Australien (Melbourne)
2 24.03. Malaysia (Sepang)
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4 21.04. Bahrain (Manama)
5 12.05. Spanien (Barcelona)
6 26.05. Monaco (Monte Carlo)
7 09.06. Kanada (Montreal)
8 30.06. Großbritannien (Silverstone)
9 07.07. Deutschland (Nürburgring)
10 28.07. Ungarn (Budapest)
11 25.08. Belgien (Spa-Francorchamps)
12 08.09. Italien (Monza)
13 22.09. Singapur (Singapur)
14 06.10. Südkorea (Yeongam)
15 13.10. Japan (Suzuka)
16 27.10. Indien (Neu-Delhi)
17 03.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
18 17.11. USA (Austin)
19 24.11. Brasilien (São Paulo)
Formel 1: Teams und Fahrer 2013
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McLaren Jenson Button Sergio Pérez
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Marussia Max Chilton Jules Bianchi