Vettels Formel-1-Endspurt: Harter Kampf mit weichen Reifen

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Muss Sebastian Vettel den WM-Titel abschreiben? Der Deutsche liegt sieben Rennen vor Saisonende deutlich hinter Ferrari-Konkurrent Fernando Alonso. Doch der Red-Bull-Pilot ist angriffslustig. In den kommenden Wochen bekommt er genau die Reifen, die sein Bolide braucht.

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Red-Bull-Pilot Vettel: "Immer noch sehr, sehr gute Chancen"

Der Kampfgeist zumindest stimmt: Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz stand in Monza lächelnd vor seinem Motorhome und beruhigte jene Experten, die den WM-Titel für Sebastian Vettel schon nach dem Großen Preis von Italien abschreiben wollten. Trotz eines 39-Punkte-Vorsprungs von Ferrari-Pilot Fernando Alonso sagte der Österreicher sieben Rennen vor Saisonende: "Solange wir auf dem Papier noch eine Chance haben, stecken wir den Kopf nicht in den Sand."

Vettel selbst erklärte vor dem Flutlicht-Rennen von Singapur am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE): "Wir haben immer noch sehr, sehr gute Chancen. Weitaus größere als 2010 zwei Rennen vor Schluss. Damals musste ich pro Rennen 12,5 Punkte aufholen. Diesmal weniger als sechs."

Ist das Zweckoptimismus oder eine realistische Einschätzung?

Es gibt zwei Dinge, die im letzten Saisondrittel für Vettel und sein Team sprechen: "Jetzt kommen nur noch Red-Bull-Strecken. Kurse, die viel Abtrieb brauchen", sagt Vettels Ex-Teamkollege bei Toro Rosso, Tonio Liuzzi. Hinzu kommt, dass Reifenhersteller Pirelli zu den nächsten Rennen jene Mischungen an die Rennstrecke bringen wird, mit denen Red Bull in dieser Saison am besten klar kam.

Vier verschiedene Mischungen bietet Pirelli in dieser Saison an. Superweich, weich, medium und hart. In Malaysia und bei den Rennen in Spa und Monza brachte Pirelli die Variante medium und hart. Damit kamen die Red Bulls im Qualifying nicht zurecht. Vettel startete jeweils von so weit hinten, dass seine Siegchancen nur minimal waren.

Problematische Lichtmaschine

Bei den nächsten drei Rennen liefert Pirelli jeweils die weichen Reifen, mit denen Red Bull optimal harmoniert. Mit dieser Mischung gewann Vettel in Bahrain und stand in Valencia auf der Pole Position. Sein Teamkollege Mark Webber dominierte damit jeweils Training und Rennen in Monaco und Silverstone. Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko ist deshalb voller Hoffnung: "Alleine wegen dieser Reifenauswahl müsste unsere Qualifying-Schwäche der letzten Rennen schon in Zukunft abgestellt sein."

Bleibt noch das Problem mit der Lichtmaschine. Das muss Renault zusammen mit Zulieferer Magneti Marelli in den Griff kriegen. Siebenmal in dieser Saison versagte das Teil aus Italien bereits den Dienst. Viermal bei Red Bull, dreimal bei Lotus - alle werden von Renault-Aggregaten angetrieben. Ferrari und Sauber, beide ebenfalls von Magneti Marelli beliefert, hatten hingegen nie Probleme mit dem Aggregat.

Vettel fordert, der Zulieferer müsse das Problem lösen. Vielmehr scheint es allerdings ein Renault-Problem zu geben. Formel-1-Experte Marc Surer erklärt: "Alles deutet darauf hin, dass Renault die Lichtmaschine eventuell falsch platziert hat. An einer Stelle, wo sie nicht genügend Kühlung bekommt und deshalb zu heiß wird." Renault will dieses Problem ab dem Großen Preis von Singapur gelöst haben.

Keine Lust auf Stallorder

Neben Fernando Alonso, der in dieser Saison fähig zu sein scheint, das Maximale aus seinem Ferrari herauszuholen, spricht noch etwas gegen Vettel: Red Bull wird kaum eine Stallorder aussprechen. Das schließt Red-Bull-Besitzer Mateschitz aus: "Ich will das nicht!" Das könnte für Vettel ein Problem werden.

Grund: Bei Ferrari fährt Felipe Massa im Ernstfall eher ins Kiesbett, als seinem Teamkollegen Alonso Punkte wegzunehmen. In Monza ließ er ihn widerstandslos überholen, statt zwölf Zähler kassierte der Spanier deshalb am Ende deren 15. McLaren wird früher oder später Jenson Button bitten, Rücksicht auf Lewis Hamilton zu nehmen.

Und Lotus hat längst auf Kimi Räikkönen als Teamleader gesetzt und wird es genauso handhaben wie Ferrari in Monza: Wenn Romain Grosjean vor Raikkönen liegt, wird man eine Möglichkeit finden, die Plätze zu tauschen. Schön ist sie sicher nicht, die Stallorder, aber sie ist erlaubt. Und am Ende steht in der Formel 1 immer noch Erfolg über Ethik.

Bleibt Red Bull bei seiner Linie, hat Vettel im WM-Kampf keine Chancengleichheit. Alonso, Hamilton und Raikkönen haben einen Gegner weniger, da der Deutsche erst seinen Teamkollegen hinter sich lassen muss. Das kann Zeit, Nerven und Moral kosten. Und vor allem Punkte.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Titel abschreiben?
Stelzi 21.09.2012
Die Frage ist ziemlich blöd, denn es sind ja noch 175 Punkte zu vergeben - wie schnell das hin und her gehen kann, hat man ja die letzten drei Rennen gesehen...
2. RedBull-Taktik
helmutderschmidt 21.09.2012
Zitat von StelziDie Frage ist ziemlich blöd, denn es sind ja noch 175 Punkte zu vergeben - wie schnell das hin und her gehen kann, hat man ja die letzten drei Rennen gesehen...
Nur... in dieser Saison geht es für Sebastian Vettel nur hin!!! Und das scheint dieses Jahr RedBull-Taktik zu sein.
3. optional
Merkelfan 21.09.2012
Vettel ist der beste Racer im Feld. Logisch gesehen wird er Weltmeister, wenn alles normal läuft. Sehe da keinen der mithalten kann. Die letzten Rennen wurde Vettel nur durch Ausfälle oder schlechte Autoteile gestoppt. Wenn die Mechanics das switchen können, ist der 3. Titel nur Makulatur.
4.
z_beeblebrox 21.09.2012
---Zitat von SPON--- Bleibt noch das Problem mit der Lichtmaschine. Das muss Renault zusammen mit Zulieferer Magneti Marelli in den Griff kriegen. Siebenmal in dieser Saison versagte das Teil aus Italien bereits den Dienst. Viermal bei Red Bull, dreimal bei Lotus - alle werden von Renault-Aggregaten angetrieben. Ferrari und Sauber, beide ebenfalls von Magneti Marelli beliefert, hatten hingegen nie Probleme mit dem Aggregat. ---Zitatende--- Magneti Marelli gehört zur Fiat Gruppe. Ferrari gehört zur Fiat Gruppe. Bei Renault / RB funktionieren die nicht - bei Ferrari schon. Welch ein Zufall ;)
5.
derflieger 21.09.2012
Nun, der Formel 1 könnte nicht viel Schlimmeres passieren, als das Vettel zum dritten Mal hintereinander den Titel gewinnt. Nichts ist öder als Seriensieger. Und das sage ich als (ehemaliger) Schumacher-Fan. Außerdem hätte der Heppenheimer den Titel nach dem bisherigen Saisonverlauf und seinen nur selten Champion-würdigen Auftritten auch nicht verdient. Da müßte sich seine und die Leistung seines bisweilen arroganten Teams stark verbessern, und danach sieht es nach Expertenmeinung nicht aus. Mann der Saison, und zwar aufgrund von eigener Leistung und nicht aufgrund von überlegenem Auto oder Glück, ist Alonso, da gibt es nichts zu rütteln. Ich drücke ihm die Daumen. Keiner hat den Titel so verdient wie er.
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  • Ralf Bach berichtet bereits viele Jahre über die Formel 1, vorwiegend für "Sport Bild". Seit der Saison 2011 ist er auch für SPIEGEL ONLINE tätig und analysiert die Ereignisse in der wichtigsten Motorsportserie der Welt.

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Rennkalender 2012
Rennen Datum Großer Preis von (Ort)
1 18.03. Australien (Melbourne)
2 25.03. Malaysia (Sepang)
3 15.04. China (Shanghai)
4 22.04. Bahrain (Sachir)
5 13.05. Spanien (Barcelona)
6 27.05. Monaco (Monte Carlo)
7 10.06. Kanada (Montreal)
8 24.06. Europa (Valencia)
9 08.07. Großbritannien (Silverstone)
10 22.07. Deutschland (Hockenheim)
11 29.07. Ungarn (Budapest)
12 02.09. Belgien (Spa-Francorchamps)
13 09.09. Italien (Monza)
14 23.09. Singapur (Singapur)
15 07.10. Japan (Suzuka)
16 14.10. Südkorea (Yeongam)
17 28.10. Indien (Neu Delhi)
18 04.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
19 18.11. USA (Austin)
20 25.11. Brasilien (São Paulo)