Von Ralf Bach
Der Kampfgeist zumindest stimmt: Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz stand in Monza lächelnd vor seinem Motorhome und beruhigte jene Experten, die den WM-Titel für Sebastian Vettel schon nach dem Großen Preis von Italien abschreiben wollten. Trotz eines 39-Punkte-Vorsprungs von Ferrari-Pilot Fernando Alonso sagte der Österreicher sieben Rennen vor Saisonende: "Solange wir auf dem Papier noch eine Chance haben, stecken wir den Kopf nicht in den Sand."
Vettel selbst erklärte vor dem Flutlicht-Rennen von Singapur am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE): "Wir haben immer noch sehr, sehr gute Chancen. Weitaus größere als 2010 zwei Rennen vor Schluss. Damals musste ich pro Rennen 12,5 Punkte aufholen. Diesmal weniger als sechs."
Ist das Zweckoptimismus oder eine realistische Einschätzung?
Es gibt zwei Dinge, die im letzten Saisondrittel für Vettel und sein Team sprechen: "Jetzt kommen nur noch Red-Bull-Strecken. Kurse, die viel Abtrieb brauchen", sagt Vettels Ex-Teamkollege bei Toro Rosso, Tonio Liuzzi. Hinzu kommt, dass Reifenhersteller Pirelli zu den nächsten Rennen jene Mischungen an die Rennstrecke bringen wird, mit denen Red Bull in dieser Saison am besten klar kam.
Vier verschiedene Mischungen bietet Pirelli in dieser Saison an. Superweich, weich, medium und hart. In Malaysia und bei den Rennen in Spa und Monza brachte Pirelli die Variante medium und hart. Damit kamen die Red Bulls im Qualifying nicht zurecht. Vettel startete jeweils von so weit hinten, dass seine Siegchancen nur minimal waren.
Problematische Lichtmaschine
Bei den nächsten drei Rennen liefert Pirelli jeweils die weichen Reifen, mit denen Red Bull optimal harmoniert. Mit dieser Mischung gewann Vettel in Bahrain und stand in Valencia auf der Pole Position. Sein Teamkollege Mark Webber dominierte damit jeweils Training und Rennen in Monaco und Silverstone. Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko ist deshalb voller Hoffnung: "Alleine wegen dieser Reifenauswahl müsste unsere Qualifying-Schwäche der letzten Rennen schon in Zukunft abgestellt sein."
Bleibt noch das Problem mit der Lichtmaschine. Das muss Renault zusammen mit Zulieferer Magneti Marelli in den Griff kriegen. Siebenmal in dieser Saison versagte das Teil aus Italien bereits den Dienst. Viermal bei Red Bull, dreimal bei Lotus - alle werden von Renault-Aggregaten angetrieben. Ferrari und Sauber, beide ebenfalls von Magneti Marelli beliefert, hatten hingegen nie Probleme mit dem Aggregat.
Vettel fordert, der Zulieferer müsse das Problem lösen. Vielmehr scheint es allerdings ein Renault-Problem zu geben. Formel-1-Experte Marc Surer erklärt: "Alles deutet darauf hin, dass Renault die Lichtmaschine eventuell falsch platziert hat. An einer Stelle, wo sie nicht genügend Kühlung bekommt und deshalb zu heiß wird." Renault will dieses Problem ab dem Großen Preis von Singapur gelöst haben.
Keine Lust auf Stallorder
Neben Fernando Alonso, der in dieser Saison fähig zu sein scheint, das Maximale aus seinem Ferrari herauszuholen, spricht noch etwas gegen Vettel: Red Bull wird kaum eine Stallorder aussprechen. Das schließt Red-Bull-Besitzer Mateschitz aus: "Ich will das nicht!" Das könnte für Vettel ein Problem werden.
Grund: Bei Ferrari fährt Felipe Massa im Ernstfall eher ins Kiesbett, als seinem Teamkollegen Alonso Punkte wegzunehmen. In Monza ließ er ihn widerstandslos überholen, statt zwölf Zähler kassierte der Spanier deshalb am Ende deren 15. McLaren wird früher oder später Jenson Button bitten, Rücksicht auf Lewis Hamilton zu nehmen.
Und Lotus hat längst auf Kimi Räikkönen als Teamleader gesetzt und wird es genauso handhaben wie Ferrari in Monza: Wenn Romain Grosjean vor Raikkönen liegt, wird man eine Möglichkeit finden, die Plätze zu tauschen. Schön ist sie sicher nicht, die Stallorder, aber sie ist erlaubt. Und am Ende steht in der Formel 1 immer noch Erfolg über Ethik.
Bleibt Red Bull bei seiner Linie, hat Vettel im WM-Kampf keine Chancengleichheit. Alonso, Hamilton und Raikkönen haben einen Gegner weniger, da der Deutsche erst seinen Teamkollegen hinter sich lassen muss. Das kann Zeit, Nerven und Moral kosten. Und vor allem Punkte.
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