Unberechenbare Formel 1: Reifenpoker macht selbst Sieger Vettel ratlos

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Sebastian Vettels souveräner Sieg beim Großen Preis von Bahrain war beeindruckend. Aber die Formel 1 ist so unberechenbar wie selten zuvor. Im vierten Saisonrennen gab es den vierten Gewinner. Ein Grund für die neue Spannung im Titelkampf sind die Reifen.

Formel 1: Vettel furios im Wüstenstaat Fotos
DPA

Der Sieger war ratlos, wie so viele Protagonisten dieser noch jungen Formel-1-Saison. Sebastian Vettel, der Gewinner des Großen Preis von Bahrain, sagte: "Wir wissen, dass wir nichts wissen", und strahlte. Der Doppelweltmeister meinte damit Fahrer und Techniker, die selten zuvor derart im Dunkeln tappten. "Es ist fast unmöglich, im Voraus zu berechnen, wie sich die verschiedenen Reifenmischungen am Renntag verhalten", sagt Vettel, "man hat eine gewisse Ahnung, aber mehr nicht."

Der Weltmeister ist der vierte Sieger im vierten Rennen dieser Saison und führt die WM-Wertung plötzlich mit 53 Punkten an. Warum ist ihm selbst ein Rätsel. Zumindest, wenn es um den schwächelnden Konkurrenten McLaren geht. Hintergrund: Lewis Hamilton, vor dem umstrittenen Rennen in Bahrain mit drei dritten Plätzen noch an der Spitze der WM-Wertung, landete im Königreich in der Wüste nach zwei verpatzten Boxenstopps und falscher Reifenwahl am Ende nur abgeschlagen auf Platz acht.

Teamkollege Jenson Button erging es noch schlimmer. Der Sieger des Auftaktsrennens in Australien schied kurz vor Schluss mit Motorproblemen aus - mehr als ein sechster Platz wäre auch unter normalen Umständen nicht möglich gewesen. "Am Beispiel McLaren sieht man, wie unberechenbar diese Saison Ergebnisse vorauszusagen sind", sagt Vettel.

Bei McLaren gibt man zu, dass sich die Reifen anders als erwartet verhalten haben. Vettel weiß eigentlich nur, warum es bei ihm in Bahrain so gut lief. "Diesmal haben wir unser Paket besser hinbekommen und schon fuhr ich auf die Pole-Position. Der Start musste optimal klappen, die Boxenstopps mussten klappen und ich musste einigermaßen mit den Reifen klarkommen. Sonst hätte ich gegen die beiden Lotus heute keine Chance gehabt."

Mercedes rüstet nach

Raikkönen war die größte Gefahr für Vettels Sieg. Der Finne präsentierte sich in Bahrain in Bestform - und zeigte sich lernfähig. Weil er beim Rennen in China in den letzten Runden mit alten Reifen völlig einbrach, verzichtete er diesmal sogar gegen den Willen des Teams auf einen besseren Startplatz als Position elf.

So sparte sich der 26-Jährige nicht nur das dritte Qualifying, sondern auch drei Sätze frische Reifen. "Das war der Schlüssel für den zweiten Platz", sagte Raikkönen, "denn der Unterschied zwischen angefahrenen Reifen und brandneuen ist im Rennen immens. Neue Reifen sind in den ersten Runden nicht nur bis zu einer halben Sekunde schneller pro Runde, sondern sie halten auch wesentlich länger."

Die Piloten sind sich nicht einig, ob Reifenhersteller Pirelli mit seinen sensiblen Mischungen einen guten Job gemacht hat. Michael Schumacher kritisiert: "Du darfst nur noch mit 60 Prozent um die Kurven fahren, sonst fliegt dir der Reifen um die Ohren. Ich weiß nicht, ob die Reifen wirklich eine so große Rolle bei einem Rennen spielen sollen." Teamkollege Nico Rosberg sagt hingegen: "Das richtige Haushalten mit den Reifen, das Langsamfahren und damit Schonen der Pneus gehört dazu. Für mich ist es eine Riesenherausforderung."

Mercedes ist ein gutes Beispiel für das extrem enge Temperaturfenster, das bei den Reifen zwischen Erfolg und Misserfolg entscheidet. 25 bis 30 Grad Asphalttemperatur braucht der Silberpfeil, dann ist er mit den Pirelli-Reifen im grünen Bereich. In China waren die äußeren Umstände für Mercedes optimal und Rosberg gewann überlegen. Ist es so wie in Australien oder nass wie in Malaysia, geht gar nichts bei Mercedes.

Webbers vierte Plätze reichen für Rang drei in WM-Wertung

In Bahrain herrschten meist 34 Grad auf der Straße, deshalb musste Rosberg Training und Rennen im Kompromissmodus fahren. Bei den Tests übernächste Woche in Mugello will Mercedes mit neuen Teilen nachrüsten, um das Temperaturfenster zu erweitern - und damit weniger aufs richtige Wetter hoffen zu müssen, um siegfähig zu sein.

Es gibt im Moment nur zwei Konstanten in der Formel 1. Ferrari ist extrem langsam, wenn es keine außergewöhnlichen Umstände gibt, und muss deshalb extrem nachrüsten. Und Vettels Teamkollege Mark Webber ist auf vierte Plätze programmiert. Das vierte Mal im vierten Rennen schrammte er nur knapp am Podium vorbei. Trotzdem liegt er mit 48 Punkten nur fünf Punkte hinter seinem Teamkollegen auf dem dritten Platz der Gesamtwertung. Konstanz zahlt sich aus, besonders in dieser Formel-1-Saison.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Dieser Vettel
sverris 22.04.2012
hätte besser getan, nicht zu starten, unter den Umständen. Amseliger gehts nicht.
2.
baghira1 22.04.2012
Zitat von sverrishätte besser getan, nicht zu starten, unter den Umständen. Amseliger gehts nicht.
Warum? Wenn es um das Regime dort geht, müssten viele Rennen gemieden werden und somit würde eine Weltmeisterschaft in unerreichbar werden. Leider bestimmt Ecclestone wo sein Zirkus startet. Für ihn ist der Profit wichtig. Sonst nicht, Sonst hätte er dieses Rennen gestrichen. Für Vettel und all die anderen Rennfahrer gehts nicht nur um die Kohle, sondern auch ums Rennen fahren.
3.
electricdawn 22.04.2012
...entweder beziehen Sie sie auf alle Piloten oder lassen es bleiben. Die Situation dort unten ist nicht schön, aber das ist sie auch nicht in China gewesen. Trotzdem hat sich niemand darüber aufgeregt, das dort ein F1-Rennen stattfindet. Wenn schon dagegen, dann bitte richtig. So, um mal wieder On-Topic zu werden: Verdienter Sieg von Vettel, der diesmal alles richtig gemacht hat. Tolle Leistung von Kimi und Grosjean. Überhaupt eine tolle Saison. Jedes Rennen fällt anders aus und zeigt, das die Autos und Fahrer sehr dicht beieinander liegen. Rosberg (nach schlechtem Start) und Schumacher haben herausgeholt was ging. Herzlichen Glückwunsch an Massa, der gezeigt hat, das er doch nicht zum alten Eisen gehört. Mehr war mit dieser Kiste nicht zu holen. Ferrari muss dringend ein besseres Auto auf die Beine stellen! Glückwunsch an die "kleinen" Teams. Bis auf HRT und Marussia können die alle vorne mitspielen. Klasse für die Formel 1 und klasse für die Spannung! -E
4.
Poggenburg 22.04.2012
Zitat von sverrishätte besser getan, nicht zu starten, unter den Umständen. Amseliger gehts nicht.
Ja, Sie haben recht, armseligere Beiträge als Ihre hab ich noch nicht gelesen.
5. Also egal, wo in Zukunft Bürger unterdrückt, festgenommen, verhört, gefoltert oder
IsaDellaBaviera 22.04.2012
Zitat von sverrishätte besser getan, nicht zu starten, unter den Umständen. Amseliger gehts nicht.
vielleicht sogar getötet werden --- wenn dort zur selben Zeit ein Sport-Event stattfindet, müssen das Firmen & Sportler eben versuchen wegzudrücken, herunterzuspielen und auszublenden? Hm. Naja. Dann. Unter Caligula hat es ja auch Brot & sportliche Spiele gegeben...... Mercedes, Vettel, Schumacher...diese Namen werden ab heute also noch für ganz andere Dinge stehen. Na dann - Gratifikation, Leute!
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  • Ralf Bach berichtet bereits viele Jahre über die Formel 1, vorwiegend für "Sport Bild". Seit der Saison 2011 ist er auch für SPIEGEL ONLINE tätig und analysiert die Ereignisse in der wichtigsten Motorsportserie der Welt.

Rennkalender 2012
Rennen Datum Großer Preis von (Ort)
1 18.03. Australien (Melbourne)
2 25.03. Malaysia (Sepang)
3 15.04. China (Shanghai)
4 22.04. Bahrain (Sachir)
5 13.05. Spanien (Barcelona)
6 27.05. Monaco (Monte Carlo)
7 10.06. Kanada (Montreal)
8 24.06. Europa (Valencia)
9 08.07. Großbritannien (Silverstone)
10 22.07. Deutschland (Hockenheim)
11 29.07. Ungarn (Budapest)
12 02.09. Belgien (Spa-Francorchamps)
13 09.09. Italien (Monza)
14 23.09. Singapur (Singapur)
15 07.10. Japan (Suzuka)
16 14.10. Südkorea (Yeongam)
17 28.10. Indien (Neu Delhi)
18 04.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
19 18.11. USA (Austin)
20 25.11. Brasilien (São Paulo)