Hamburg - Er gewann - und war trotzdem nur eine Randfigur. Für Kimi Räikkönen, den Sieger des Großen Preises von Abu Dhabi, interessierte sich am Sonntag kaum jemand. Der Finne war auf den 55 Runden der schnellste Fahrer, am spektakulären Rennverlauf hatte der 33-Jährige aber kaum einen Anteil.
Hinter dem souveränen Ex-Champion tobte im drittletzten Rennen der Saison ein erbitterter WM-Kampf zwischen Sebastian Vettel und Fernando Alonso - mit umgekehrten Vorzeichen, zahlreichen Wendungen und einem brisanten Ausgang: Während der Deutsche nach einer tollen Aufholjagd vom letzten Platz noch auf Rang drei raste, sicherte sich sein Konkurrent mit dem zweiten Platz 18 Punkte und liegt in der WM-Wertung nur noch zehn Punkte hinter dem Red-Bull-Piloten.
"Sebastian ist ein brillantes Rennen gefahren, er hat niemals aufgegeben", lobte Teamchef Christian Horner: "Trotz aller Probleme ist er ein phantastisches Rennen gefahren. Dass er direkt hinter Fernando Alonso ins Ziel gekommen ist, ist mehr, als wir uns erträumt haben." Für die anderen deutschen Fahrer lief der Grand Prix weniger erfreulich. Rekordweltmeister Michael Schumacher verpasste als Elfter zum fünften Mal in Folge die Punkteränge, Nico Hülkenberg (Force India) schied nach einer Kollision bereits in der ersten Runde aus.
Schon vor dem Start waren alle Augen auf Vettel gerichtet. Sein Red Bull stand in der Boxengasse, nachdem er von den Rennkommissaren auf den letzten Startplatz strafversetzt worden war. Durch den berühmten Boxentunnel startete Vettel seine Aufholjagd. Sein größter Konkurrent, Alonso, durch Vettels Strafe von Rang sechs losgefahren, schob sich beim Start auf den fünften Platz vor.
Kurz darauf kassierte der Spanier Vettels Teamkollegen Mark Webber, der von Rang zwei ins Rennen gegangen war, aber erneut schlecht startete. Vettel schockierte seine Fans bereits früh mit einem Funkspruch an die Box: "Frontflügel beschädigt." Die Aufholjagd des Weltmeisters lief zunächst dennoch nahezu reibungslos. Nach sieben Runden lag er bereits auf Platz 14.
Rosberg rast in Streckenbegrenzung
Für einen anderen Deutschen war das Rennen kurz darauf beendet. Nico Rosberg raste HRT-Pilot Narian Karthikeyan in der zehnten Runde nahezu ungebremst ins Auto. Rosbergs Mercedes hob ab und schlug in der Streckenabsicherung ein. Der 27-Jährige konnte ebenso wie Karthikeyan ohne fremde Hilfe aussteigen.
Durch die Safety-Car-Phase rückte das Feld wieder enger zusammen, ein Vorteil für Vettel, den er sich aber selbst wieder nahm. Beim Reifenanwärmen wich Vettel dem abbremsenden Daniel Ricciardo aus, fuhr in ein DRS-Schild am Boden und beschädigte den Frontflügel noch mehr. "Was macht er da? Er bremst die ganze Zeit", schrie Vettel, der in die Box kommen musste und wieder ans Ende des Feldes zurückfiel.
Ganz vorne beendeten technische Probleme Lewis Hamiltons Traum vom vierten Saisonsieg. Souverän an der Spitze liegend, rollte der Brite in der 20. Runde ins Grün. Räikkönen übernahm die Führung, auch Alonso rückte vor - und ließ die Ferraristi Sekunden später jubeln, als er Pastor Maldonado überholte.
Red Bull verpasst vorzeitigen Gewinn der Konstrukteurs-WM
Vettel kämpfte und arbeitete sich weiter vor. Nach Rang sieben zur Rennhalbzeit spülten ihn die Boxenstopps der Konkurrenten zwischenzeitlich bis auf Rang zwei. Das große Rätseln der Fans auf den Tribünen und an den Fernsehern setzte ein: Konnte Vettel das Rennen ohne weiteren Zwischenstopp beenden?
Alonso, der auf Rang drei liegend plötzlich auch wieder in den Rückspiegel schauen musste, weil McLaren-Fahrer Jenson Button auf neuen Reifen mächtig Druck machte, holte Runde für Runde einige Zehntel auf seinen Widersacher auf. Das realisierte man auch bei Red Bull und entschied sich für einen weiteren Boxenstopp.
In der 39. Runde kehrte Vettel als Vierter zurück auf die Strecke. Hinter dem Führungsquartett ereignete sich ein weiterer Unfall. Webber kollidierte mit Sergio Perez, Paul di Resta und Romain Grosjean: Das Aus für den Australier und das Ende der Red-Bull-Träume vom vorzeitigen Gewinn der Konstrukteurs-WM. Immerhin konnte Vettel den Abstand zur Spitze in der anschließenden Safety-Car-Phase wieder verkürzen.
Der Weltmeister, der mit Rang vier bereits mehr erreicht hätte als er erwarten konnte, wollte mehr. Mehrmals war er in Schlagdistanz zu Button, in der 53. Runde war es soweit: Vettel zog am Briten vorbei, rauf aufs Podium. In Abu Dhabi war es Raikkönen, der das Rennen gewann. Der moralische Sieger im WM-Kampf hieß Sebastian Vettel.
chp
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