Vertragsverlängerung für Räikkönen Vettels idealer Partner

Er ist zu alt, zu langsam, zu störrisch - dennoch bekommt Kimi Räikkönen einen neuen Vertrag bei Ferrari. Warum? Weil er für Sebastian Vettel der perfekte Teamkollege ist.

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Aus Spa-Francorchamps berichtet


Ferrari und Kimi Räikkönen gehen getrennte Wege, so würde es der Rennstall vor dem Großen Preis von Italien bekannt geben: Davon gingen zuletzt nicht wenige Formel-1-Experten aus - bis Mittwochabend. Kurz und knapp verkündete die Scuderia in zwei Sätzen die Überraschung: Räikkönens Vertrag wird um ein Jahr verlängert.

Der Finne bleibt also, Irrtum Nummer eins. Und dann, Irrtum Nummer zwei, wurde die Meldung nicht, wie es Ferrari in der Vergangenheit gerne gemacht hat, vor dem Heimrennen in Monza verbreitet. Das findet erst in zwei Wochen statt. Zuvor steigt an diesem Wochenende der Große Preis von Belgien, das Rennen in Spa-Francorchamps wird das 900. von Ferrari in der Formel 1 sein.

Warum aber verlängert der Rennstall trotz jüngerer Alternativen mit einem 35-Jährigen, der den Top-Piloten meist nur hinterherfährt, der in dieser Saison nicht einmal halb so viele Punkte geholt hat wie sein Teamkollege Sebastian Vettel, und der obendrein als egoistisch und störrisch gilt? Weil es derzeit keinen besseren Mann für diese Position gibt als Räikkönen.

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"Wir glauben, dass die Verlängerung des Vertrags mit Kimi weitere Stabilität in das Team bringt", sagte Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene und riss damit einen von fünf Punkten an, die für Räikkönens Verbleib ausschlaggebend waren.

  • Nach den turbulenten Jahren mit Fernando Alonso wollte Ferrari in dieser Saison endlich Ruhe im Team haben, was mit der Fahrerpaarung Vettel/Räikkönen bestens gelang. Beide Piloten arbeiten konstruktiv miteinander und mit den Ingenieuren, die Zeit der (öffentlichen) Sticheleien ist vorbei. Diesen Zustand wollte die Scuderia nicht gleich wieder mit einem neuen Fahrer gefährden, der das wiedergewonnene Teamgefühl womöglich zerstört.

  • Trotz seines Ehrgeizes weiß Räikkönen, dass Vettel die Nummer eins im Team und der Fahrer der Zukunft bei Ferrari ist. Der Finne muckt auch deshalb nicht auf, weil er zum Abschluss seiner Karriere noch einmal für den Rennstall fahren darf, mit dem er 2007 seinen einzigen WM-Titel gewonnen hatte. "Für mich geht ein Traum weiter. Die Scuderia ist meine Familie, hier möchte ich meine Karriere einmal beenden", sagte Räikkönen nach seiner Vertragsverlängerung.

  • Vettel und Räikkönen ergänzen sich perfekt, weil sie sich persönlich sehr gut verstehen, sogar von Freundschaft ist die Rede. Der Deutsche ist ein Alphatier, sagt, was er denkt. Der Finne ist kein Alphatier, sagt aber auch, was er denkt. Genau das schätzen die beiden aneinander. "Der Umgang mit ihm ist unkompliziert, er ist sehr geradeaus", lobte Vettel jüngst seinen Teamkollegen. Beide sind sehr spezielle Typen, die nicht jedermanns Liebling sein wollen, wie etwa Nico Rosberg. Genau das verbindet sie.

  • Als Räikkönen-Nachfolger zur neuen Saison wurden immer wieder die Namen Valtteri Bottas (Williams), Daniel Ricciardo (Red Bull) und Nico Hülkenberg (Force India) genannt. Die beiden Erstgenannten dürften Vettel aber wohl zu gut und ehrgeizig sein, schließlich würden sie seine Stellung als Nummer eins antasten. Auch deshalb hat er sich immer für Räikkönens Verbleib stark gemacht. Hülkenberg dagegen dürfte neben Vettel kaum vermittelbar sein. Trotz der Liebe zu Michael Schumacher, der für die Scuderia fünf Titel holte: Ein deutscher Fahrer reicht den Italienern.

  • Im Gegensatz zu Bottas, Ricciardo und Hülkenberg ist Räikkönen eine Marke, die viel Aufmerksamkeit auf Ferrari lenkt. Und das Interesse ist meist wohlwollend, weil der Finne unter den Fans als äußerst beliebter Fahrer gilt. Einen ähnlich positiven Status haben von den aktuellen Piloten nur Vettel und Jenson Button.

Mit der Bekanntgabe von Räikkönens Vertragsverlängerung noch vor dem ersten Rennen nach der Sommerpause hat Ferrari zudem ein lästiges Thema abgehakt. Kaum eine Medienrunde mit Vettel, Räikkönen oder Teamchef Arrivabene wäre in Belgien ohne die Frage nach der Zukunft des Finnen ausgekommen. Jetzt kann sich Ferrari auf das Sportliche konzentrieren und darauf, den Rückstand auf Mercedes zu verkleinern.

Der legendäre Kurs in Spa-Francorchamps scheint jedenfalls gut geeignet dafür, dass Ferrari seine Aufholjagd auf Hamilton und Rosberg fortsetzen kann. Aus dem aktuellen Fahrerfeld haben nur zwei Piloten mehr als einmal das Rennen in den Ardennen gewonnen. Vettel siegte bislang zweimal; erfolgreichster Fahrer von den aktiven Piloten ist mit vier Triumphen - Kimi Räikkönen.

Formel-1-Saison 2015
Die Teams und Fahrer
Mercedes
Lewis Hamilton und Nico Rosberg
Red Bull
Daniel Ricciardo und Daniil Kwjat
Williams
Felipe Massa und Valtteri Bottas
Ferrari
Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen
McLaren Honda
Fernando Alonso und Jenson Button
Force India
Nico Hülkenberg und Sergio Pérez
Toro Rosso
Max Verstappen und Carlos Sainz jr.
Lotus
Romain Grosjean und Pastor Maldonado
Sauber
Marcus Ericsson und Felipe Nasr
Manor Marussia
Will Stevens und Roberto Merhi
Der Rennkalender
Die Rekorde
Die meisten WM-Titel
Michael Schumacher (7)
Die meisten Grand-Prix-Siege
Michael Schumacher (91)
Die meisten Siege in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 13)
Die meisten Start-Ziel-Siege
Ayrton Senna (19)
Die meisten Podestplätze
Michael Schumacher (155)
Die meisten Podestplätze in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 17)
Die meisten Pole-Positions
Michael Schumacher (68)
Die meisten Pole-Positions in einer Saison
Sebastian Vettel (15)
Die schnellsten Rennrunden
Michael Schumacher (77)
Die meisten Grand-Prix-Starts
Rubens Barrichello (323)



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ricki1 20.08.2015
1. sieht nach Ruhe aus - zunächst
jeder Vertrag kann gelöst werden. Wenn Raikkönen nun weiter Pech hat, wenig Punkte sammelt, dann wird er Ende der Saison aus seinem Vertrag ausgekauft. Natürlich hat er viele Fans, wer kennt seine interessante Art als Iceman nicht. Interessant wird es nächstes Jahr, wenn Alonso vielleicht mit Raikkönen um den Titel kämpft. Schade, daß Massa kein gutes Auto hat, er hat ja mal einen verdienten Titel quasi verloren.
MatthiasPetersbach 20.08.2015
2.
So schlecht wie Raikkönnen würden viele Leute gerne sein :) Nöh, im Ernst: Gute Entscheidung, nachvollziehbare Begründung.
Nonvaio01 20.08.2015
3. halb soviele punkte?
da sollte man aber auch erwaehnen das Kimi etwas mehr pech hatte. Und das Kimi den speed locker hat, konnte man sehr gut beim letzten rennen sehen. Die Mercedes locker auf distanz gehalten, bis dann das Auto versagte. In einem Rennen wo er pach in der quali hatte ist er auch nur so durch das Feld gepfluegt. Vom Speed her ist Kimi nicht viel schlechter als Vettel, aber unter die Top 4 fahrer gehoert Kimi allemal.
wasnulos 20.08.2015
4.
Zitat von ricki1jeder Vertrag kann gelöst werden. Wenn Raikkönen nun weiter Pech hat, wenig Punkte sammelt, dann wird er Ende der Saison aus seinem Vertrag ausgekauft. Natürlich hat er viele Fans, wer kennt seine interessante Art als Iceman nicht. Interessant wird es nächstes Jahr, wenn Alonso vielleicht mit Raikkönen um den Titel kämpft. Schade, daß Massa kein gutes Auto hat, er hat ja mal einen verdienten Titel quasi verloren.
Alonso? Um welchen Titel will der nächstes Jahr kämpfen? Schubkarrenlenker des Jahres in Kleinkleckersdorf?
w.diverso 20.08.2015
5.
Der wichtigste Grund ist der, dass Räikkönen ein Typ mit Charakter ist. Solche gibt es in der Formel 1 wie man in vielen Interviews sieht, nicht viele. Da wird sich über nicht genug glänzende Pokale und über Konkurrenten beschwert, die sich sich nicht leicht überholen lassen. Räikkönen ist einfach kein verwöhntes Bubi wie so viele andere F1-Fahrer.
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