Noch ohne Formel-1-Sieg Will man Silber vorne sehen, muss Mercedes vorne stehen

Mercedes wartet in der Formel 1 immer noch auf den ersten Saisonsieg. Die Krise des Top-Favoriten hat konzeptionelle Gründe. Und Weltmeister Hamilton wirkt außer Form.

Lewis Hamilton
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Lewis Hamilton

Aus Baku berichtet Karin Sturm


Die Experten waren sich einig, auch der SPIEGEL ließ wenig Zweifel aufkommen: Mercedes ging als großer Favorit in die Formel-1-Saison 2018. Die Experten rätselten eigentlich nur noch, ob der Vorsprung der Silberpfeile vor der Konkurrenz von Ferrari und Red Bull nun 0,3, 0,5 oder gar eine ganze Sekunde betrage. Und jetzt, vor dem vierten Rennen in Baku am Sonntag (14.10 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL), steht das Weltmeisterteam der vergangenen vier Jahre immer noch ohne Sieg da, die Fahrerwertung führt Sebastian Vettel an.

Was ist da los bei Mercedes? Große Krise oder nur Detail-Probleme? Verlust der Führungsrolle oder ein Zusammenspiel unglücklicher Umstände? Der Motorsport-Chef der Silbernen, Toto Wolff, sieht sich nach den ersten drei Rennen bestätigt, auch wenn er es sicher gerne anders gehabt hätte. Er habe, auch in einem Interview mit dem SPIEGEL, schon vor der Saison, entgegen der einhelligen Expertenmeinungen, einen harten Dreikampf mit Ferrari und Red Bull prophezeit.

Tatsache ist aber auch: Intern war Wolffs Technikabteilung von einem komfortablen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz ausgegangen. Und in Australien, beim ersten Saisonrennen, sahen sich die Ingenieure im Training, im Qualifying und im Rennverlauf bis zur Safety-Car-Phase bestätigt. Mit dem selbstverschuldeten Software-Fehler und dem Sieg für Sebastian Vettel scheint der Faden jedoch wie abgerissen.

Spätestens ab Bahrain lief nur noch wenig zusammen. Bei der Frage nach dem Warum spielen mehrere Faktoren zusammen. Ferrari und Red Bull haben Fortschritte gemacht. Der Ausgangspunkt der eigenen Probleme: Mercedes schaffte es in Bahrain und in China im Qualifying nicht mehr in die erste Startreihe. Und dann kommt eine Charakteristik zum Tragen, die der Silberpfeil schon seit Jahren hat.

  • Das Auto funktioniert mit Abstand am besten, wenn es das Rennen anführt. Aerodynamik und Kühlkonzept sind speziell auf diese Situation ausgelegt. Weil man bei Mercedes in den Vorjahren stets davon ausgehen konnte, im Normalfall von der Poleposition ins Rennen zu gehen. Auch dank der speziell fürs Qualifying abrufbaren Zusatzleistung des Motors, die Vettel vor längerer Zeit mit dem eingängigen Namen "Party Mode" versehen hat.
  • Die Schwierigkeiten im Qualifying kommen zustande, weil Mercedes Probleme mit den weichen Reifenmischungen hat. Das Team findet nicht die Abstimmung, um die Reifen einerseits auf einer schnellen Runde ins richtige Temperaturfenster zu bringen und andererseits Überhitzen und Abnutzung über die Distanz zu vermeiden.
  • Im Bereich der seit Langem diskutierten Ölverbrennung zur Leistungssteigerung des Motors beschreitet Mercedes einen konservativen Weg. Man benutzt wieder eine Spezifikation von 2016, um angesichts neuer Regeln, die nur noch einen Ölverbrauch von 0,6 Litern pro 100 Kilometern erlaubt, auf der sicheren Seite zu sein. Bis Bahrain lag Mercedes wie Ferrari mit 0,58 Liter knapp unter dem Limit. Jetzt hat man wie Renault und Honda mit 0,1 bis 0,2 Litern genug Spielraum. Ferrari geht angeblich weiter volles Risiko, eine Überschreitung würde die Disqualifikation bedeuten. "Die Messungen des Ölverbrauchs sind nicht ganz präzise", sagt Wolff zur Vorsichtsmaßnahme. "Wenn du da an der Grenze operierst, riskierst du, dass du auch mal drüber liegst." Darunter leidet die Motorleistung.

Faktor Hamilton

Und dann ist da noch der vierfache Weltmeister. Lewis Hamilton fuhr zuletzt nicht in absoluter Top-Form. In Bahrain, nach dem Rückschlag in Australien, leistete er sich im Laufe des Wochenendes gleich mehrere ungewohnte Ausrutscher. In Shanghai blieb der Brite erstaunlich blass, wirkte im Rennen zeitweise fast ein bisschen lustlos und unmotiviert. Immerhin gab er sich danach ungewohnt selbstkritisch: "Ich bin hier hinter den Erwartungen geblieben, genauso wie das Team. Von meiner Seite aus war das Wochenende ein Desaster. Ich muss es mir anschauen, damit ich wieder auf mein normales Leistungslevel komme und nicht noch mehr Punkte verliere."

Formel 1 in Baku

Einige Kritiker werfen Hamilton vor, sein immer noch laufender Vertragspoker mit Mercedes lenke ihn zu sehr ab. Was der amtierende Weltmeister zurückweist: "Blödsinn, daran denke ich im Auto nun wirklich nicht." Wolff nahm seinen Starfahrer in China in Schutz: "Jeder, auch der Allerbeste, kann einmal einen schlechten Tag haben."

Nico Rosberg, der bei Mercedes drei Jahre neben Hamilton fuhr und den Briten bestens kennt, glaubt: "Wenn alles läuft, er sich in seiner Rolle, der Größte zu sein, bestätigt fühlt, dann ist er das auch", sagte der RTL-Experte. "Aber Misserfolge kratzen auch an seinem Selbstbewusstsein, dann spürt er den Druck und wird unsicherer. Im Moment ist er deshalb einfach nicht in Top-Form. Das kann sich aber mit einem richtig guten Wochenende auch schnell wieder ändern."

Genauso wie die sieglose Mercedes-Zeit: Denn wenn alles zusammenpasst, hat man immer noch das beste Auto. Es sollte sich also niemand wundern, würde es an diesem Wochenende in Baku mit dem ersten Silber-Sieg des Jahres klappen.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Referendumm 26.04.2018
1. Auf die Idee,
dass MAMG mit der F1 nur spielt, darauf kommt keiner, oder? Solche Äußerungen wie im SPON-Text oder solche: Andererseits weiß der Mercedes-Sportchef die Aussicht auf eine *epische* Saison zu schätzen: "Die Formel 1-Saison 2018 verspricht, alles zu bieten, was wir am Rennsport so sehr lieben" "Sowohl Red Bull als auch Ferrari werden alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um uns zu schlagen. Ihre Autos, ihre Teams und ihre Fahrer: Alle sind auf einem hohen Niveau und werden uns weiterhin unter Druck setzen", befürchtet Wolff. Sorry, aber die Experten sind doch nicht doof. Die sagen doch nicht einfach nur so, dass MAMG bis zu 1 Sekunde schneller ist als die Konkurrenz. Und dann kommt noch ihr Top-Fahrer daher und redet was von "Party-Modus", will heißen, dass die, wenn sie wollen, locker ne Sekunde schneller sind als der Rest. Und merkwürdig auch, dass z.B. Hamilton in Bahrain beim Aufholen für zwei bis drei Runden plötzlich eben diese 1 Sekunde schneller war als Vettel, um dann hinter Vettel und Bottas quasi wieder auf die Bremse zu treten. Mal schaun, ob sie die Saison freiwillig hingeben, oder dann plötzlich doch das Gaspedal statt der Bremse durchdrücken. Ich traue MAMG alles zu; inkl. Ferrari mal ne WM zu schenken. RBR glaube ich nicht, denn der Crashpilot Verstappen bringts nicht und RIC, nun ja, knifflig, aber wohl eher nicht. Dass MAMG und Ferrari (vor allem auf Top-Managerebene) seit geraumer Zeit rumkungeln, ist hinlänglich bekannt. Nicht umsonst hatte MAMG einen ihrer besten Hybridexperten an Ferrari weggeben. Es geht nämlich vor allem um den Kampf gegen den neuen F1-Eigentümer L.M. - das sollte man bei allen Hintergründen stets im Kopf haben.
Alias iacta sunt 26.04.2018
2. Das hat nichts mit Form zu tun
LH hat einfach nicht ein haushoch überlegenes Auto. Mit einem Auto mit 100PS mehr kann ich selbst als Opa jeden Wettbewerber schlagen.
siibylle 26.04.2018
3. Bei Hamilton ist es immer das Auto
Mir fällt immer wieder auf, dass Lewis Hamilton sein fahrerisches Können aberkannt wird. Es ist sein Auto, was überlegen ist, wenn er gewinnt. Experten sind sich einig, dass er ein absoluter Ausnahmekönner ist. Laien dagegen scheint es schwer zu fallen, bei Hamilton objektiv zu bleiben. Wie hier. Wie ist das bei Vettel? Ist es im Moment Vettel, der da gewinnt? Oder auch einfach nur ein überlegenes Auto...
beachy1 26.04.2018
4.
Zitat von Referendummdass MAMG mit der F1 nur spielt, darauf kommt keiner, oder? Solche Äußerungen wie im SPON-Text oder solche: Andererseits weiß der Mercedes-Sportchef die Aussicht auf eine *epische* Saison zu schätzen: "Die Formel 1-Saison 2018 verspricht, alles zu bieten, was wir am Rennsport so sehr lieben" "Sowohl Red Bull als auch Ferrari werden alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um uns zu schlagen. Ihre Autos, ihre Teams und ihre Fahrer: Alle sind auf einem hohen Niveau und werden uns weiterhin unter Druck setzen", befürchtet Wolff. Sorry, aber die Experten sind doch nicht doof. Die sagen doch nicht einfach nur so, dass MAMG bis zu 1 Sekunde schneller ist als die Konkurrenz. Und dann kommt noch ihr Top-Fahrer daher und redet was von "Party-Modus", will heißen, dass die, wenn sie wollen, locker ne Sekunde schneller sind als der Rest. Und merkwürdig auch, dass z.B. Hamilton in Bahrain beim Aufholen für zwei bis drei Runden plötzlich eben diese 1 Sekunde schneller war als Vettel, um dann hinter Vettel und Bottas quasi wieder auf die Bremse zu treten. Mal schaun, ob sie die Saison freiwillig hingeben, oder dann plötzlich doch das Gaspedal statt der Bremse durchdrücken. Ich traue MAMG alles zu; inkl. Ferrari mal ne WM zu schenken. RBR glaube ich nicht, denn der Crashpilot Verstappen bringts nicht und RIC, nun ja, knifflig, aber wohl eher nicht. Dass MAMG und Ferrari (vor allem auf Top-Managerebene) seit geraumer Zeit rumkungeln, ist hinlänglich bekannt. Nicht umsonst hatte MAMG einen ihrer besten Hybridexperten an Ferrari weggeben. Es geht nämlich vor allem um den Kampf gegen den neuen F1-Eigentümer L.M. - das sollte man bei allen Hintergründen stets im Kopf haben.
Gibt es bei SPON nicht mal mehr eine Diskussion, die ohne absurd lächerliche Verschwörungstheorien auskommt? Immer der gleiche Mist, alles ist nur getürkt von denen "da oben", und nichts ist wie es scheint und es geht immer nur um finstere Mächte im Hintergrund, die nur mit allen anderen spielen, um ihre Interessen durchzusetzen. Blödsinn. Schon mal daran gedacht, dass man bei Mercedes schon seit X Jahren damit Probleme hat, die Reifen ins Arbeitsfenster zu bekommen? Und das man jetzt, wo man die Vormachtstellung im Motorenbereich an Ferrari abgeben musste, sich nicht mehr hinter höherer Motorleistung verstecken kann? Der "Party Modus" ist nicht mehr als eine Softwarelösung, die laut einstimmigen Infos aller Mercedes Teams gerade mal eineinhalb Zehntel bringt. Ferrari ist da längst dran vorbeigezogen und schaut sich die Mercedes im Rückspiegel an (in China hat man denen bereits über eine halbe Sekunde aufgebrummt).
s.l.bln 26.04.2018
5. Als Hamilton seine erste...
Zitat von siibylleMir fällt immer wieder auf, dass Lewis Hamilton sein fahrerisches Können aberkannt wird. Es ist sein Auto, was überlegen ist, wenn er gewinnt. Experten sind sich einig, dass er ein absoluter Ausnahmekönner ist. Laien dagegen scheint es schwer zu fallen, bei Hamilton objektiv zu bleiben. Wie hier. Wie ist das bei Vettel? Ist es im Moment Vettel, der da gewinnt? Oder auch einfach nur ein überlegenes Auto...
Saison in der F1 gefahren ist, galt sein damaliger Teamkollege Alonso als das Maß der Dinge und bis heute ist man sich einig, daß er zu den Top Piloten gehört. Hamilton hatte den im identischen Auto von Anfang an im Griff. Das spricht für sich. Mal davon abgesehen, daß Mercedes die ersten Rennen nicht unterlegen war, spielt evtl. die neue Motorenregel eine tragende Rolle. In den letzten Jahren konnten sie immer wenn nötig, Leistung freigeben. Mit nur noch drei Motoren pro Saison können sie das evtl. nicht mehr so umfangreich. Das Ergebnis des letzten Rennens spiegelt auch nicht das reale Kräfteverhältnis wieder. Ferrari hat es durch den späten Boxenstop verschenkt und Redbull war als einziges Topteam weit genug vor der Boxeneinfahrt um sich ohne Zeitverlust neue Reifen abzuholen, als das Safety car kam.Das war reines Glück. Trotzdem gut, daß sie nun dichter zusammen zu liegen scheinen.
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