Doppelsieg beim Formel-1-Rennen in Russland Was Mercedes besser macht als Ferrari

Konsequente Teamorder, Ruhe in der Führung, ständige Optimierung - Lewis Hamilton kann sich auf dem Weg zum WM-Erfolg in der Formel 1 auf ein perfekt funktionierendes Team verlassen. Ferrari verzweifelt an sich selbst.

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Aus Sotschi berichtet Karin Sturm


Richtig glückliche Gesichter gab es bei Mercedes nach dem Doppelsieg in Sotschi nicht: Die Teamorder, die Lewis Hamilton den Sieg vor Valtteri Bottas brachte, hat Spuren hinterlassen. Bottas musste seinen Teamkollegen in der 28. Runde vorbeilassen und fragte kurz vor der Zielflagge noch einmal vorsichtig nach, wie das Rennen denn nun zu Ende gehen solle. Die Antwort gefiel bei Mercedes eigentlich keiner Partei.

Am Ende war Bottas sichtlich frustriert, dass sein starkes Wochenende nicht durch einen Erfolg gekrönt wurde. Auch Hamilton schien nicht voll zufrieden mit dem geschenkten Sieg. Und Teamchef Toto Wolff betonte, dass er als Renn-Enthusiast sowas ja eigentlich auch ungern sehe, dass man aber in der momentanen WM-Situation jedoch im Gesamtinteresse von Mercedes handeln müsse.

"Ich kann die Fans verstehen, wenn sie wütend sind. Sie wollen sehen, dass der Beste auch gewinnt", sagte Experte Johnny Herbert nach dem Rennen. Aber wenn man sich in einem engen Titelduell Vorteile verschaffen will, dann ist eine Teamorder eben ein sehr geeignetes Mittel. Nicht nur, dass man so seinem Nummer-eins-Fahrer zusätzliche Punkte verschafft. Das Team gibt ihm so auch die Gewissheit, sich auf die eigene Mannschaft verlassen zu können.

Valtteri Bottas
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Valtteri Bottas

Eine Rückversicherung, die sich Ferrari Sebastian Vettel nicht bietet. Die Vorfälle in Monza machten deutlich, dass auch der eigene Teamkollege Kimi Räikkönen auf Sieg fahren will. Dagegen arbeiteten Bottas und Hamilton in der kritischen Startphase in Sotschi so eng zusammen, dass Vettel nie eine ernsthafte Erfolgschance hatte.

Trotz der persönlichen Tragik für Bottas: Die konsequent durchgezogene Teamorder ist ein Beispiel dafür, dass Mercedes einige Dinge einfach besser im Griff hat als Ferrari. Bei nun 50 Punkten Vorsprung bei nur noch fünf ausstehenden Rennen wird es für Vettel im Rennen um die Weltmeisterschaft zunehmend aussichtsloser.

Rätselhafter Power-Verlust bei Ferrari

Ein weiterer Pluspunkt für Mercedes: Probleme führen dort nicht zu Panik, sondern zu neuen Lösungen. Der Teamleitung gelingt es - im Gegensatz zu Ferrari - selbst in kritischen Momenten Ruhe auszustrahlen. Ein Beispiel: Nach extremen Traktionsproblemen in Spa wurde bei Mercedes Ursachenforschung betrieben und die Schwächen auf langsamen Kursen wie Singapur oder Ungarn abgestellt.

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Hamiltons Sieg in Russland: Bottas, der Gentleman

"Die Bestätigung, dass wir auf der richtigen Spur waren, haben wir dann in Singapur bekommen", sagt Toto Wolff. Geoff Willis, einer der Mercedes-Cheftechniker, sagt: "Wir haben einige neue Teile gebracht - vor allen Dingen aber mit einer anderen Fahrzeugabstimmung gearbeitet."

In Sotschi waren die positiven Auswirkungen dieser Updates bereits im Training zu beobachten. Das registrierte auch Ferrari und wechselte erneut Teile hin und her. Nicht unbedingt erfolgreich: Die Konkurrenz von Renault will einen rätselhaften Power-Verlust bei den Italienern festgestellt haben. Die Leistungsexplosion in dem Moment, in dem der Vortrieb nicht mehr durch die Traktion, sondern rein von der Motorleistung bestimmt wird, der große Ferrari-Vorteil auf den Geraden, sei seit dem Rennen in Singapur verschwunden.

"Mercedes hat sich schlecht geredet"

Falls die Renault-Beobachtung stimmt, stellt sich die Frage: Was dahinter steckt? Hat Ferrari selbst erkannt, dass man vielleicht doch die Motoren überlastet, Schäden riskiert und nicht mit dem dritten und letzten erlaubten Triebwerk bis zum Saisonende käme? Oder stimmt das, was offiziell alle Beteiligten dementieren, Insider jedoch durchaus für möglich halten: Dass es trotz aller öffentlichen Beteuerungen, am Ferrari sei alles legal, eine interne Warnung an den Rennstall gab, etwas zu verändern?

Sebastian Vettel (r.)
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Sebastian Vettel (r.)

So oder so - ein unterlegenes Auto, wie Mercedes lange kommunizierte, hat das Team von Hamilton derzeit nicht. Und Vettel hat wahrscheinlich auch recht, wenn er sagt, dass die große Ferrari-Überlegenheit vor allem von den Mercedes-Verantwortlichen herbeigeredet wurde. "Es war immer relativ knapp, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Mercedes hat sich schlecht geredet. Ich sah uns immer auf Augenhöhe, wir haben sie nie in Grund und Boden gefahren", sagte der vierfache Weltmeister.

Ob Mercedes tatsächlich von der Unterlegenheit des eigenen Autos überzeugt war oder lediglich tiefgestapelt hat? Wer weiß. Fest steht: Bei Mercedes scheint derzeit alles zu funktionieren. Der nächste WM-Titel in der Fahrerwertung scheint nur eine Frage der Zeit.

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28zwei27 30.09.2018
1. 180Grad-Wende
Zitat: "Und Vettel hat wahrscheinlich auch recht, wenn er sagt, dass die große Ferrari-Überlegenheit vor allem von den Mercedes-Verantwortlichen herbeigeredet wurde." Nun ja, der erneute Hinweis auf einen SpOn-Artikel* sei erlaubt: Vor knapp einem Monat berichtete die gleiche Autorin (Karin Sturm), Zitat: "Vettel weiß jetzt also, dass er unter normalen Umständen auf trockener Strecke ein Auto hat, mit dem er überall gewinnen kann." Frau Sturm, welchem Artikel darf der geneigte Leser nun glauben - nachdem Sie offensichtlich Ihren Glauben nach der Meinungsänderung von S. Vettel auch geändert haben. http://www.spiegel.de/sport/formel1/formel-1-grosser-preis-von-belgien-sebastian-vettel-tanzt-lewis-hamilton-hadert-a-1225038.html
hefe21 30.09.2018
2. Wolffsgeheul
Die gute Analyse kann man auf die Vermutung eindampfen, dass man Ferrari wohl "überredet" hat, die eine oder andere "Technikspitze" zu redimensionieren. Mercedes scheint ohnehin immer gewusst zu haben, dass der Konkurrent nicht entscheidend aus dem Loch kommt, in dem sich ihre Konkurrenz nun schon das 5. Jahr ducken muss. Es bleibt also für die restlichen 2 Jahre der aktuellen F1-Status Quo-Qualen nur die Hoffnung, dass Honda nächstes Jahr an seine legendären Zeiten anschliessen kann und dem Shooter Verstappen brauchbare Munition in den Lauf legt. Sonst bleiben als "Höhepunkte" weiterhin nur die Pseudospannungshämmereien von Wolff auf sein Kommandostandsblech und das weinerliche Geschau seines auch noch düpierten finnischen Wingman, das so ungut an den blassen Barichello selig erinnert.
GrüneLeuchte 01.10.2018
3. Nicht der bessere Fahrer
gewinnt wie man heute abermals demonstrativ hat sehen können. Die F1 ist an Lächerlichkeit kaum mehr zu überbieten. Da wird einer Reihen Weltmeister weil sein Team zu besseren Zeiten die Reifen wechselst. Mag sein das sich Hamilton etwas auf seine Titel einbildet, gewonnen haben aber andere. Er brauchte nur im Kreis fahren und zur rechten Zeit den Boxenstop machen. Das hat mir Sport und erst recht mit Rennsport gar nichts zu tun.
jjcamera 01.10.2018
4. Ermüdend
Das war jetzt endgültig das letzte Formel 1 Rennen, das ich mir ansehe. Man könnte auch eineinhalb Stunden im Fernsehen das komplizierte Regelwerk (Strafversetzungen, Reifenwechsel, Stallorder, DRS-Fenster, Safety Car-Phase, usw.) vortragen, das wäre spannender. Außerdem steht ja schon vorher fest, wer gewinnt. Der Rest ist hintereinander her fahren.
steingärtner 01.10.2018
5. Beschämend
Die Demütigung von Bottas ermöglicht Hamilton, sich wieder Weltmeister zu nennen. Das TEAM hätte ohne Stallorder genauso viele Punkte gehabt. Es ist widerlich wie Hamilton seine Titel bekommt.
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