Sebastian Vettel wird am Wochenende womöglich wieder schimpfen. Er tut ja derzeit kaum etwas anderes: Über die Reifen seines Formel-1-Autos und über deren Hersteller Pirelli. Zu weich seien die Pneus, bauten zu schnell ab, und überhaupt habe es "nicht viel mit Rennfahren zu tun, wenn man das ganze Rennen praktisch nur auf die Reifen auslegt", sagte der Titelverteidiger nach dem Großen Preis von China gereizt, nachdem er das Podest ganz knapp verpasst hatte.
Nun steht der Große Preis von Bahrain an, und Vettels Red-Bull-Team wird sich für das Rennen am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) eine besondere Strategie ausdenken müssen, um seine Fahrer auf das Podest zu bringen. Erstens, weil der Rennstall trotz des Doppelsieges in Malaysia noch immer nach einer gut funktionierenden Abstimmung zwischen Auto und Reifen sucht, die beim Red-Bull-Wagen besonders schnell abbauen. Und zweitens weil im Königreich am Persischen Golf Asphalttemperaturen von mehr als 40 Grad Celsius herrschen, was die Reifen zusätzlich belastet.
"Es gehört eben auch zur Formel 1, ein Auto zu entwickeln, das im Zusammenspiel mit den Reifen am besten funktioniert. Lotus und Ferrari haben das bisher gut geschafft", entgegnet Pirellis Motorsportchef Paul Hembery den Reifen-Kritikern.
Aber warum sind die Pneus in dieser Formel-1-Saison so ein dominierendes Thema? Die zehn wichtigsten Fragen und Antworten dazu.
Welche Reifen-Typen gibt es?
Pirelli liefert vier verschiedene Trockenreifen-Mischungen: supersoft, soft, medium und hart. Je weicher der Reifen ist, desto mehr Haftung hat er und desto schneller ist er auch. Aber: Er baut auch schneller ab. Je härter die Mischung, desto weniger Haftung hat der Reifen, ist aber langlebiger. Außerdem gibt es einen sogenannten Intermediate-Reifen für feuchte Pisten und Regenreifen mit extra tiefem Profil für nasse Rennstrecken.
Können die Fahrer bei den Reifen frei wählen?
Nicht ganz. Von den Trockenreifen-Mischungen kommen an einem Grand-Prix-Wochenende immer nur jeweils zwei zum Einsatz. In China waren das zum Beispiel soft und medium. Nach Bahrain hat Hersteller Pirelli die Mischungen medium und hart mitgebracht, also die beiden härtesten, wegen der hohen Temperaturen. Beide Trockenreifen-Typen müssen laut Reglement im Rennen bei einer kompletten Runde zum Einsatz kommen. Regenrennen sind davon ausgenommen.
Was hat Pirelli in dieser Saison an den Reifen verändert?
Der italienische Hersteller hat die Trockenreifen-Mischungen im Vergleich zur vergangenen Saison etwas weicher gemacht. Das bedeutet, dass die Pneus mehr Geschwindigkeit erlauben, aber auch schneller abbauen.
Warum diese Veränderungen?
Pirelli hatte von der Formel 1 den Auftrag, für mehr Boxenstopps zu sorgen. Das soll mehr Spannung und Abwechslung erzeugen. Am Ende der vergangenen Saison kamen viele Teams häufig mit nur einem Stopp aus, was weniger Action auf der Strecke zur Folge hatte. Weil die Reifen nun schneller abbauen, müssen die Piloten sie öfter wechseln, also mehr Stopps einlegen.
Warum konnten sich die Teams nicht auf die neuen Reifen einstellen?
Die Pneus sind auf warmes Wetter ausgelegt, weil bei fast allen Rennen hohe Temperaturen herrschen. Die Tests vor der Saison fanden in Spanien statt. Dort war es dieses Jahr Ende Februar, Anfang März ungewöhnlich kalt. Daher brachten die Testfahrten kaum brauchbare Erkenntnisse, wie sich die Reifen bei Hitze verhalten. Erfahrungen konnten die Teams somit erst in Australien beim ersten Grand Prix dieser Saison machen.
Welche Rennställe haben die größten Probleme?
Von den Top-Teams insbesondere Red Bull, weil das Auto zu schnell ist für die neuen Reifen. Der Wagen von Vettel und Mark Webber wurde so konstruiert, dass er insbesondere in den Kurven hohe Geschwindigkeit fahren kann. Dort wirken aber große Kräfte auf die Seitenwände der Reifen, was den Verschleiß fördert. Bei großer Hitze wird dieser Prozess noch beschleunigt. Wären die Reifen härter und damit widerstandfähiger, käme der Red-Bull-Vorteil in den Kurven deutlich besser zum Tragen.
Wer kommt gut mit den neuen Reifen zurecht?
Vor allem Ferrari. Den Italienern ist es gelungen, ein schnelles Auto zu bauen und gleichzeitig eine gute Abstimmung zwischen Wagen und Reifen hinzubekommen. Sicherlich nicht hinderlich war dabei die Tatsache, dass der neue Ersatzpilot Pedro de la Rosa zuvor Testpilot bei Pirelli war. Und die aktuellen Pirelli-Testfahrer Jaime Alguersuari (Spanien) und Lucas di Grassi (Brasilien) sollen einen sehr kurzen Draht zu ihren Landsleuten Fernando Alonso (Spanien) und Felipe Massa (Brasilien) haben - zufällig den beiden Ferrari-Piloten.
Ist das Reifen-Problem neu?
Nicht wirklich. Vor jeder Saison gibt es neue Reifenmischungen. Und zu Beginn jeder Saison gibt es einige Fahrer und Teams, die gut mit den neuen Pneus zurechtkommen, und es gibt welche, die Probleme bei der Abstimmung von Auto und Reifen haben. So beschwerte sich vergangenes Jahr etwa Michael Schumacher ähnlich lautstark über die neuen Reifen, wie es Vettel nun tut. In den vergangenen Jahren war es aber stets auch so, dass sich Fahrer und Teams im Laufe der Saison auf die neuen Reifen eingestellt und ihr Auto entsprechend abgestimmt haben.
Was sagt Pirelli?
Die Italiener verweisen darauf, dass sie Teams und Fahrer mit den neuen Reifen per Anordnung ja geradezu zu mehr Boxenstopps zwingen sollten. Zudem gibt Pirellis Motorsportchef Hembery zu bedenken: "Das Reifenmanagement ist schon immer ein wesentlicher Bestandteil des Motorsports gewesen, das hat sich nicht geändert."
Wird bei den Reifen nochmal nachgebessert?
Das steht noch nicht fest. Red Bull fordert das aus genannten Gründen vehement, auch Mercedes wünscht sich neue Reifen. Ferrari und Lotus sind dagegen. Pirelli will erst einmal den Grand Prix in Bahrain abwarten, bis der Hersteller entscheidet, ob er ab dem übernächsten Rennen in Barcelona insgesamt härtere Trockenreifen-Mischungen liefert. Sollten sie einlenken, dürfte selbst Vettel weniger zu schimpfen haben.
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