Ungarn-Zweiter Räikkönen Cool, cooler, Kimi

Kimi Räikkönen ist derzeit einer der beständigsten Fahrer der Formel 1. Fünfmal fuhr er in den vergangenen acht Rennen aufs Podium, beim Großen Preis von Ungarn wurde er Zweiter. Der erste Sieg ist nur noch eine Frage der Zeit - weil sich der "Iceman" niemals aus der Ruhe bringen lässt.

DPA

Aus Budapest berichtet


Er fällt über Zäune. Er raucht angeblich bei Meetings mit den Lotus-Ingenieuren. Einen gesunden Durst bei Partys sagen ihm Insider im Formel-1-Fahrerlager auch nach. Fachleute schätzen Kimi Räikkönen aber wegen etwas anderem: Der Finne ist verlässlich gut im Rennen. So sagt Ex-BMW-Motorsportdirektor Gerhard Berger ironisch: "Ich würde Raikkönen auch nach einer durchzechten Nacht in mein Auto setzen. Weil er dann immer noch schneller fährt als die meisten anderen."

Das Rennen in Budapest gibt Berger Recht. Raikkönen wurde knapp Zweiter hinter Sieger Lewis Hamilton, ist mit 116 Punkten Fünfter in der WM-Wertung. Doch mehr noch als das reine Ergebnis spricht der Trend für den Weltmeister von 2007. Fünfmal fuhr er in den vergangenen acht Läufen aufs Podium, davon dreimal in den letzten vier Rennen. In Budapest war er klar schneller als WM-Leader Fernando Alonso. Der erste Sieg Räikkönens ist nur noch eine Frage der Zeit.

Erwartet hat das so gut wie niemand von Raikkönen, nachdem er zwei Jahre in die Rallye-WM abgetaucht war und erst in dieser Saison wieder seine Liebe zur Formel 1 entdeckt hatte. Nur Räikkönen selbst. Neue Autos mit neuer Technik, Pirelli-Reifen statt Pneus von Bridgestone, mit ganz anderen Fahreigenschaften, welche besonders Michael Schumacher die ersten beiden Jahre seines Comebacks den Nerv raubten - das alles sieht der coole Finne nicht dramatisch: "Die Autos fahren sich ähnlich wie immer und Reifen sind am Ende Reifen."

"Würdest du gerne für mich fahren?"

Sein Spitzname "Iceman" kommt nicht von ungefähr. So sagt sein Ex-Teamchef Peter Sauber: "Kimi lässt sich nie unter Druck setzen. Von nichts und niemandem. Er geht seinen Weg konsequent, wenn er es für richtig hält." Er hielt es einst für richtig, Sauber schon nach einem Jahr wieder in Richtung McLaren-Mercedes zu verlassen. "Lieber Herr Sauber", schrieb er in seinem Abschiedsbrief, "ich danke Ihnen dafür, dass sie mir die Chance gegeben haben, in der Formel 1 zu fahren. Aber bei McLaren-Mercedes habe ich die Chance, Rennen zu gewinnen."

Peter Sauber wusste damals nicht, ob er lächeln oder lamentieren sollte. Denn immerhin zwölf Millionen Euro, vier LKWs und ein zinsloser Kredit für den neuen Windkanal waren es Mercedes wert, den damals 21-Jährigen aus dem laufenden Vertrag des Schweizers Team zu kaufen.

McLaren-Chef Ron Dennis hatte ebenfalls ein Erlebnis der anderen Art mit Räikkönen. Dessen Landsmann Mika Häkkinen, 2001 noch McLaren-Pilot und von Rücktrittsgedanken gequält, hatte Kimi zur Teamparty in Montreal mitgeschleift, um ihn Dennis als seinen potentiellen Nachfolger zu präsentieren. "Würdest du gerne für mich fahren?", fragte Dennis den jungen Finnen. Raikkönen fragte angesichts der damaligen Ferrari-Überlegenheit unerwartet pfiffig zurück: "Mr. Dennis, wäre es nicht besser, in einem roten Auto zu sitzen, um zu gewinnen?" Das machte Eindruck.

"Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe"

Dennis war es auch, der dem jungen Fahrer sein Image verpasste. Er klebte Raikkönen, der besonders auf jugendliche Fans cool wie ein junger Musiker der XL-Generation wirkte, einen "Iceman"-Aufkleber auf den Helm. Räikklönen bestätigt: "Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe." Die Mitarbeiter der medizinischen Abteilung von McLaren-Mercedes können das bestätigen. Sie brachten bei einem Rennen Messelektroden an ihm an. Das Ergebnis: Räikkönens Puls schnellte nicht mal in Situationen in die Höhe, die selbst gestandenen Piloten den Schweiß in den Nacken getrieben hätten. Nicht bei gefährlichen Überholmanövern. Nicht einmal, wenn es kracht.

Räikkönen würde nie von sich aus erzählen, dass seine leise Piepsstimme von einem Fahrradunfall aus seiner Kindheit rührt. Fragt man ihn aber danach, erzählt er die Geschichte. Kimi war fünf Jahre alt, als er von den Pedalen abrutschte und mit dem Hals auf die Gabel knallte. Von der schweren Quetschung haben sich seine Stimmbänder nie ganz erholt.

Räikkönen redete schon als Kind so wenig, dass seine Eltern ihn sorgenvoll zum Kindertherapeuten schickten. Der schickte Kimi schon nach einem halben Tag wieder nach Hause. Mit einem Brief dabei. "Ihr Sohn ist überdurchschnittlich intelligent. Das könnte der Grund sein, warum er es vorzieht zu schweigen." Ein schwierige Koordinationsübung, für die Erwachsene durchschnittlich drei Stunden brauchten, hatte der Sechsjährige in zwanzig Minuten gelöst. Das hatte den Therapeuten überzeugt.

Räikkönen will aber ein für alle mal mit dem Vorurteil aufräumen, dass Finnen zum Lachen nur in den Keller gehen: "Jeder hat Emotionen. Aber jeder geht auch anders damit um. Wenn ich fahre, bin ich hochkonzentriert, Emotionen sind da fehl am Platz. Dafür hat man doch gar keine Zeit." Man müsse oft schneller reagieren, als man fühlen könne. "Ein Formel-1-Fahrer analysiert meistens erst bestimmte Situationen, wenn sie schon längst vorüber sind. Die Reflexe und Instinkte müssen stimmen. Dazu kommt, dass ich kein Typ bin, der gerne zeigt, was in einem vorgeht."

Genau genommen zeigt er es in der Öffentlichkeit nie. Er ist schließlich der "Iceman".

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totalmayhem 29.07.2012
1.
Seit James Hunt sucht die Formel 1 verzweifelt nach einem Weiberheldem der raucht wie ein Schlot und saeuft wie ein Loch. Ungleucklicherweise trifft das auf Kimi Riakonnen so garnicht zu, obwohl er natuerlich Leigh McKenzie mit Leichtigkeit um den kleinen Finger wickeln koennte. ;) Aber Respekt, so inszeniert man ein Comeback. Nachdem Kimi das Reifendesaster von Shanghai (das ihn und sein Team wie Anfanger aussehen liess) abgebucht hat, hat er sich kontinuirlich zo einem Titelkandidaten entwickelt. Und so wie die zur Zeit drauf sind, sehe ich Raikonnen und Lotus als groesste Gefahr fuer Alonsos Projekt "Weltmeisterschaft mit Ferrari". War es nicht auch ein Finne, der das (seitdem unerreichte) Kunstueck fertigbrachte, mit lediglich einem Sieg Weltmeister zu werden? ;)
eisbaerchen 29.07.2012
2. Ach, da fährt
Zitat von sysopDPAKimi Räikkönen ist derzeit einer der beständigsten Formel-1-Fahrer der Formel 1. Fünfmal fuhr er in den vergangenen acht Rennen aufs Podium, beim Großen Preis von Ungarn wurde er Zweiter. Der erste Sieg ist nur noch eine Frage der Zeit - weil sich der "Iceman" niemals aus der Ruhe bringen lässt. http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,847067,00.html
mal wieder einer "cool, cooler" schnell im Kreis herum mit viel Krach und verbranntem Geld und man findet das toll...nicht mehr Zeitgemäss dieser "Sport"....und grottenlangweilig.
panzerknacker51, 29.07.2012
3. Kimi?
Zitat von sysopDPAKimi Räikkönen ist derzeit einer der beständigsten Formel-1-Fahrer der Formel 1. Fünfmal fuhr er in den vergangenen acht Rennen aufs Podium, beim Großen Preis von Ungarn wurde er Zweiter. Der erste Sieg ist nur noch eine Frage der Zeit - weil sich der "Iceman" niemals aus der Ruhe bringen lässt. http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,847067,00.html
Find' ich gut. Einer, der wohltuend aus diesem Heer der weichgespülten Typen herausragt. Völlig unzeitgemäß natürlich; wenn der jetzt auch noch Rennen gewinnt, kann das diesem Zirkus nur gut tun. Offensichtlich hatte er - ganz im Gegenteil zu Schumi - auch ein Händchen bei der Auswahl seines Comeback-Teams ...
frunabulax 29.07.2012
4. Dann
Zitat von eisbaerchenmal wieder einer "cool, cooler" schnell im Kreis herum mit viel Krach und verbranntem Geld und man findet das toll...nicht mehr Zeitgemäss dieser "Sport"....und grottenlangweilig.
Dann schauen Sie doch Olympia oder sonstwas anstatt hier zu nerven.
panzerknacker51, 29.07.2012
5. Ach ja?
Zitat von eisbaerchenmal wieder einer "cool, cooler" schnell im Kreis herum mit viel Krach und verbranntem Geld und man findet das toll...nicht mehr Zeitgemäss dieser "Sport"....und grottenlangweilig.
Dann schalten Sie doch auf Synchronschwimmen um; da geht dann richtig die Post ab ...
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