Red-Bull-Berater Marko Braucht die Formel 1 mehr Risiko?

Helmut Marko von Red Bull ist seit Jahrzehnten in der Formel 1 aktiv. Vor dem Saisonstart prangert er die allzu perfekte Technik an - und wünscht sich eine Rückkehr der Zwölfzylinder-Motoren.

Helmut Marko
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Helmut Marko

Ein Interview von Karin Sturm


In dieser Saison feiert die Formel 1 Jubiläum: Der Große Preis von China im April ist das 1000. Rennen der Geschichte. Red-Bull-Motorsportkoordinator Helmut Marko ist schon seit fast 50 Jahren im Top-Rennsport dabei. Zunächst Anfang der Siebziger als Fahrer, später als Fahrer-Manager, mit eigenem Team in Nachwuchsrenn-Serien, dann als Berater und Koordinator für die kompletten Red-Bull-Aktivitäten im Rennsport - von der Nachwuchsförderung bis zum Formel-1-Engagement. Im Interview blickt Marko zurück und nennt seine Wünsche für die neuen Regeln im Jahr 2021.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Rückblick auf die Entwicklung der Formel 1 über die vergangenen Jahrzehnte - was waren die wichtigsten Veränderungen?

Helmut Marko: Im Bereich der Sicherheit. Sowohl bei den Autos selbst, den Monocoques, als auch bei den Strecken. Der zweite Punkt sind die Verdienstmöglichkeiten für die Fahrer, die sich seit meiner aktiven Zeit mindestens verzehn- bis verfünfzehnfacht haben. Das Dritte ist, dass die Bedeutung der Technik immer mehr überhandgenommen hat. Und dann wurden die Fans halt immer weiter weg vom Ort des Geschehens verbannt, die Fahrer immer mehr abgeschottet. Zu meiner Zeit konnte man sich im Fahrerlager an der Würstlbude treffen. Heute kommt da ja kein normaler Fan mehr hin, sondern höchstens noch die VIPs.

Zur Person
  • AFP
    Helmut Marko, 75 Jahre alt, ist in Graz geboren und im Motorsport aufgewachsen. 1971 gewann er das 24-Stunden-Rennen von Le Mans, im gleichen Jahr begann Markos Formel-1-Karriere. Als Fahrer dauerte diese nur kurz, nämlich neun Rennen. In den Achtzigerjahren gründete er sein eigenes DTM-Team, 2005 kehrte der Österreicher als Motorsportchef von Red Bull in die Formel 1 zurück. Heute ist er Berater des Rennstalls.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben wir erst einmal bei der Sicherheit: Gab es bestimmte Anlässe für Verbesserungen?

Marko: Da muss man zunächst einmal Jackie Stewart hervorheben. Er hat Ende der Sechzigerjahre angefangen, das Thema Sicherheit aufs Tapet zu bringen. Der hat erreicht, dass es ein Medical Car gab und vernünftige Leitplanken. Das ist dann alles später von Max Mosley aufgegriffen worden, in seiner Zeit als Fia-Präsident. Und natürlich waren die zwei tödlichen Unfälle von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola 1994 ausschlaggebend, dass man radikale Änderungen durchgeführt hat.

SPIEGEL ONLINE: Braucht die Formel 1 mehr Risiko, wie etwa Nico Hülkenberg schon mehrmals festgestellt hat?

Marko: Ich denke, man muss tatsächlich aufpassen, dass man es nicht überzieht. Ein alter Spruch von mir ist: Ein Skifahrer, der Speed-Wettbewerbe fährt, lebt gefährlicher als ein Formel-1-Pilot und verdient dabei wesentlich weniger. Auf der Streif oder einer ähnlichen harten Abfahrt sieht man, wie der Mensch mit den Skiern gegen den Berg kämpft. Ähnlich ist es auch in der Moto-GP. Auch da merkt man, wie der Mensch die Technik bezwingt. Das bekommt man in einem Formel-1-Auto gar nicht mehr mit.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Marko: Weil die Technik zu perfekt ist. Nur wenn einer von der Strecke abkommt, sieht man, wie lang der braucht, um das Auto zum Stillstand zu bringen oder wie hart dann ein Einschlag noch ist. Das zweite Problem sind die großen Auslaufzonen, die Fahrer sind nicht mehr so gefordert. Wenn da eine Mauer steht, dann fährt der sehr gute Fahrer auf einen halben Zentimeter dran, der gute vielleicht nur auf zwei. Und wenn er hängenbleibt, wird er bestraft.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann ist die Technik so wichtig?

Marko: Bis in die Achtzigerjahre hinein konnte man als Fahrer noch gewisse technische Mankos eines Autos wettmachen. Das ist heute nicht mehr möglich. Wenn du in einem schlechten Auto sitzt, hast du keine Chance. Und du musst dich heute als Fahrer viel mehr mit der Technik beschäftigen. Die Fahrer kitzeln die letzten Hundertstel oder Tausendstel aus den Daten heraus. Angefangen hat das mit Niki Lauda, Ayrton Senna war dann der, der es bis ins Extrem perfektioniert hat. Der hat die Honda-Ingenieure damals gequält, um einen Liter Sprit über die Renndistanz einzusparen. Aber der eine Liter kann dann eben über die volle Distanz entscheidende drei oder vier Sekunden ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich mit Blick auf die Technik oft kritisch zu den heutigen Motoren geäußert - auch bezüglich des neuen Reglements ab 2021. Jetzt hat Red Bull mit Honda einen neuen Motoren-Partner, mit dem man sehr zufrieden ist. Hat sich dadurch Ihre Sicht verändert?

Marko: Als Team wollen wir tatsächlich auch mit dem jetzigen Motor weitermachen. Trotzdem ist er eigentlich zu kompliziert. Das ist nicht einer, sondern das sind drei Motoren. Das ist so kompliziert und die Kosten sind so immens.

SPIEGEL ONLINE: Persönlich hätten Sie also lieber die alten, unkomplizierten, aber lauten Achtzylinder-Saugmotoren zurück?

Marko: Noch besser: die Zwölfzylinder. Der Zuschauer kommt schließlich nicht, um einen Verbrauchswettbewerb oder so was zu sehen, sondern der will einfach sehen, dass der beste Fahrer gewinnt. Vielleicht noch mit einem Auto, das nicht unbedingt das Beste ist.

Helmut Marko im Jahr 1971
imago/ WEREK

Helmut Marko im Jahr 1971

SPIEGEL ONLINE: Ein wichtiger Einschnitt für die Formel 1 war der Machtwechsel von Bernie Ecclestone zu Liberty Media. Gut oder schlecht?

Marko: Bernie war sicherlich einmalig, eine One-Man-Show. Jetzt machen halt an die 40 Leute, was er allein gestemmt hat. Aber es sind auch andere Zeiten. Das Positive ist, dass Liberty offener gegenüber den sozialen Medien ist, dass die TV-Bilder in den Übertragungen wesentlich besser sind. Die negative Seite ist das fehlende Reglement für die Formel 1 nach 2020.

SPIEGEL ONLINE: Das betrifft die technischen und sportlichen Belange, aber auch die Finanzen. Warum eigentlich?

Marko: Meiner Meinung nach ist man da zu sehr auf einen Kompromiss bedacht. Wenn man alle Teams fragt und beteiligen will, wird das nie funktionieren. Liberty Media und die Fia müssen sich zusammensetzen und dann etwas beschließen und durchsetzen. Sonst wird das nichts.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Sachen Kostenbegrenzung?

Marko: Als ich fuhr, konnte man mit ein bis zwei Millionen Mark ein Team über eine Saison bringen. Heute haben die Top-Teams Budgets von über 300 Millionen Euro. Allerdings muss es gerecht sein. Man muss dabei die unterschiedliche Ausrichtung verschiedener Teams berücksichtigen. Wir bei Red Bull zum Beispiel geben viel mehr Geld für Marketing und PR aus als etwa Ferrari, wo man das als etablierte Premium-Marke nicht nötig hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe eine gerechte Verteilung aus?

Marko: WM-Titel müssen bei der Geldverteilung weiter honoriert werden - gegenüber Teams, die einfach nur mitfahren und vielleicht in 15 Jahren nie gewonnen haben. Und wenn es dann dem einen oder anderen nicht passt, dann muss es eben trotzdem von oben durchgesetzt werden. Das war der große Vorteil der Allianz zwischen Bernie Ecclestone und Max Mosley: Wenn die was wollten, haben sie es durchgezogen - egal, ob alle einverstanden waren oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gab es im Laufe der Jahre wichtige Veränderungen, die Sie erst vielleicht nicht gut fanden, die sich dann aber doch bewährt haben?

Marko: Der Halo ist so ein Beispiel. Unter ästhetischen Gesichtspunkten finde ich ihn immer noch nicht gut. Aber speziell bei dem Unfall zwischen Alonso und Leclerc letztes Jahr in Spa hat er wohl schon seinen Zweck erfüllt und ist deshalb gerechtfertigt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie für das Jahr 2021 eine Regel einbringen könnten: Welche wäre das?

Dr. Helmut Marko: Ich würde den kompletten Funkverkehr zwischen Fahrer und Box abschaffen. Das kostet nichts und würde sehr viele unvorhergesehene Situationen schaffen. Und es würde die Fahrer fordern, mit Problemen wieder selbstständig umzugehen. Heute sind die Piloten quasi ferngesteuert durch die Box. Und es würde auch die Strategie um vieles erschweren. Wenn die Fahrer wieder auf sich allein gestellt wären, würde die Qualität der Topleute wieder viel besser zur Geltung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Nochmal zum Thema Sicherheit: In Deutschland wird gerade wieder ein Tempolimit auf Autobahnen diskutiert. Wenn Sie als Österreicher zum Hockenheimring fahren: Genießen Sie es, dass es dort noch keines gibt?

Marko: Ja schon, weil das auch ein Zeichen ist, dass man dem Autofahrer entsprechende Mündigkeit und Selbstständigkeit zutraut. In den meisten anderen Ländern ist das ja derartig überreguliert, vor allem in der Schweiz wird man ja bei gerade mal fünf Kilometer schneller schon massiv bestraft. Das ist ein falscher Auswuchs. Deutschland hat die entsprechende Automobil-Industrie und könnte ruhig darauf verzichten.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
MisterD 15.03.2019
1. Ich bin ganz ehrlich...
seit es die Start-Crashs, spektakulären Unfälle, unzuverlässige Motoren, das bewusste Abschiessen von Konkurrenten und allgemein die Gefahr nicht mehr gibt, gucke ich kein Formel 1 mehr. Das im Kreis fahren von 26 Autos ist langweilig, wenn nix passiert. Man denke nur an die Duelle in den 90ern, wo es fast normal war, dass der WM-Führende im letzten Rennen seinen Verfolger von der Strecke schiebt. Die Formel 1 ist zu etwas verkommen, wie die Bundesliga. Man macht 16 Rennen und am Ende gewinnt Vettel oder Hamilton. Früher ging zumindest einmal im Rennen bei irgendjemandem der Motor hoch usw. das fehlt...
Alias iacta sunt 15.03.2019
2. Ok , wenn Du kein Rennen sehen willst,
Zitat von MisterDseit es die Start-Crashs, spektakulären Unfälle, unzuverlässige Motoren, das bewusste Abschiessen von Konkurrenten und allgemein die Gefahr nicht mehr gibt, gucke ich kein Formel 1 mehr. Das im Kreis fahren von 26 Autos ist langweilig, wenn nix passiert. Man denke nur an die Duelle in den 90ern, wo es fast normal war, dass der WM-Führende im letzten Rennen seinen Verfolger von der Strecke schiebt. Die Formel 1 ist zu etwas verkommen, wie die Bundesliga. Man macht 16 Rennen und am Ende gewinnt Vettel oder Hamilton. Früher ging zumindest einmal im Rennen bei irgendjemandem der Motor hoch usw. das fehlt...
dann ist es gut. Dann passt halt besser Rugby, Dreckbahnschubsen oder Kickboxen. Jedem das Seine. Faire, spannende, gleichchancige Rennen sind für mich wichtig, nicht so sehr crashs oder anders von der Strecke schiessen.
dolfi 15.03.2019
3. Zu schnell in der Schweiz
40 CHF für 5 km zu schnell, geht doch. Darüber wird’s dann bitter. Darf man sich halt nicht erwischen lassen.
Bobby Shaftoe 15.03.2019
4. Was die Formel 1 braucht,
ist ein Ende. Dieser Pseudo-Sport ist ein Anachronismus und Sinnbild für Verschwendungssucht, Nach mir die Sintflut, Ignoranz und elitäres Gehabe. Sie ist dummes Imkreisfahren für geistige Kleingärtner, gemacht von alten Männern, für alte Männer. Sie ist ein Schlag ins Gesicht für die Generation, die jetzt jeden Freitag auf die Straße geht.
tobih 16.03.2019
5.
Da hats mal wieder nur 3 Beiträge gebraucht, bis der erste hater um die Ecke kam... Sie mögen kein Motorsport? Ok, aber warum sind Sie dann hier? Da sie hier ihre überheblichen Tiraden austeilen, sei die Frage erlaubt: wie umwelt- und Ressourcenfreundlich leben sie? Anscheinend besteht Nachholbedarf: da sie hier schreiben, geh ich davon aus, daß sie Geräte zur elektronischen Datenverarbeitung besitzen und verwenden: haben sie eine Ahnung wie die Rohstoffe, aus denen ihr Handy/PC/Laptop besteht, abgebaut werden? Und die Jahresbilanz ihrer Emissionen mit denen eines Formel 1 Autos verglichen? Ja, ganz richtig, auch sie stoßen u. a. mit jedem Atemzug CO2 aus, übers Jahr gar nicht mal so wenig. Aber ich verstehe, vor der eigenen Tür und bei den eigenen Bedürfnissen ist es auf einmal nicht mehr so einfach, konsequent zu sein... Was ihr Verweis auf die so tugendhafte wie arme Jugend angeht: schön, daß diese aufwachen und mahnen...wenn es ernst zu nehmen wäre: gibt es einen Grund, warum die Demos zur Schulzeit Freitags stattfinden? Ja, da kann man nämlich sicher sein, daß auch genügend Schüler kommen, Samstag Mittags würde die Sache höchstwahrscheinlich anders aussehen: das wäre nämlich in der Freizeit, also da, wo Emilia und Clara in die Stadt fahren und bei primark shoppen und Kevin und Tim auf ihrer neuen playstation zocken... Denken Sie mal darüber nach, guten Abend!
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