Hamilton nach seinem Formel-1-Triumph "Das war ein fürchterliches Rennen"

Reifenprobleme, fehlender Speed, die falsche Strategie: Lewis Hamilton hatte schon während seines Weltmeisterrennens viel zu meckern. Nur kurz machte sein Ärger der Freude über den fünften Titel Platz.

Lewis Hamilton
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Aus Mexiko-Stadt  berichtet Karin Sturm


Sie kannten das in Mexiko-Stadt. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich Lewis Hamilton den Titel dort geholt, auch nach einem eher mäßigen Rennen. Damals aber konnte der Brite nicht einmal richtig mit den Fans feiern, das Protokoll hatte diese Situation nicht vorgesehen.

Diesmal hatten Verband und Veranstalter also für so einen Fall vorgesorgt - der alte und neue Weltmeister, der mit einem vierten Platz seinen fünften Titel endgültig unter Dach und Fach gebracht hatte, durfte zusammen mit dem Toptrio Max Verstappen, Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen unter das Siegerpodest fahren, sich dort feiern lassen und sein erstes Weltmeisterinterview geben. Die ganz große überschwängliche Freude war aber auch da noch nicht zu erkennen.

Champions-Tänzchen und Champagnerkorken

Hamilton führte zwar mit seiner Physiotherapeutin Angela Cullen, von der er sich die passende Kappe bringen ließ, gleich ein Champions-Tänzchen auf, bedankte sich bei Familie, Fans und Team, und stellte noch einmal fest, dass er gar nicht fassen könne, "jetzt wirklich mit einer Legende wie Juan Manuel Fangio in der Anzahl der Titel gleichgezogen zu haben". Aber irgendwo schimmerte eben doch das durch, was sein Chef Toto Wolff "bittersüße Gefühle" nannte. Der Mercedes-Sportchef hatte seinem Fahrer nicht einmal sofort über Funk gratuliert, weil er noch zu beschäftigt damit gewesen sei, "was das für ein schlechtes Rennen von uns heute wieder war".

Tatsächlich hatten die Silberpfeile zum zweiten Mal hintereinander nach dem Grand Prix der USA vor einer Woche im Rennen vor allem wegen massiver Reifenprobleme schlecht ausgesehen. Die von Mercedes verbreitete Theorie, die Probleme in Austin seien nur die Folge einer falschen Lastenverteilung nach einer hektischen Reparatur am Sonntagvormittag gewesen, wirkte damit zumindest zweifelhaft. "Das war ein fürchterliches Rennen. Das einzig Gute war der Start. Dann sind die Reifen eingebrochen. Es ging nur noch darum, das Auto ins Ziel zu bringen", sagte Hamilton, nachdem er während des Rennens ohne Unterlass über sein Auto, die Reifen, den fehlenden Speed und die falsche Strategie gemeckert hatte.

Lewis Hamilton (l.), Sebastian Vettel
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Lewis Hamilton (l.), Sebastian Vettel

Der einzige Vorteil für Hamilton, den Titel nicht mit einem Podiumsplatz gewonnen zu haben: Er konnte gleich zu seinem Team in die Mercedes-Box, in der die ersten Champagnerflaschen geöffnet wurden. Dort tauchte etwas später auch Sebastian Vettel auf, machte die komplette Runde, um allen die Hand zu schütteln und sie zum erneuten Erfolg zu beglückwünschen.

Vettel hatte schon vor der Siegerehrung sein eigenes Interview abgebrochen, um seinem Bezwinger Hamilton zu gratulieren: "Ich hätte den Fight gerne noch länger offen gehalten, aber Lewis hat es verdient", sagte Vettel. "Natürlich kann ich auch rechnen, man weiß, dass es kommt - aber trotzdem tut es in dem Moment, in dem es endgültig ist, in dem man weiß, dass man den Titel nicht mehr gewinnen kann, noch einmal sehr weh." Was Vettel zu ihm gesagt habe, wurde Hamilton später gefragt. "Dass ich ja nicht nachlassen oder aufhören soll, er brauche mich noch, um nächstes Jahr wieder gegen mich zu kämpfen."

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Natürlich mag es auch eine Rolle spielen, dass es vom Gefühl her wohl doch etwas anderes ist, einen WM-Titel in einem Herzschlagfinale zu erobern, so wie Nico Rosberg 2016 in Abu Dhabi, Sebastian Vettel 2010 ebenfalls dort oder auch 2012 in Brasilien - oder ihn eben bei 70 Punkten Vorsprung vor dem Rennen mit einem für die eigenen Ansprüche allenfalls mittelmäßigen Resultat trotzdem einzuheimsen. Zudem teilte Hamilton nach dem Rennen mit, dass sein Großvater väterlicherseits am Donnerstag gestorben war. "Er wäre dankbar, dass sich der Name Hamilton etabliert hat und in die Geschichte eingehen wird", sagte Hamilton dazu.

Im Laufe der offiziellen Pressekonferenz schien sich Hamiltons Fokus dann ganz allmählich mehr auf den Titelgewinn als auf das schlechte Rennen zu richten. "Wir wurden dieses Jahr oft auf die Probe gestellt, sind aber immer mit dem Glauben daraus hervorgegangen, dass wir gewinnen können - auch wenn wir nicht immer die Schnellsten waren", sagte der 33-Jährige. "Dann hat es besondere Runden und spezielle Momente gebraucht. Einige Momente, die ich dieses Jahr im Auto hatte, waren echt magisch. Als Team war es der härteste Kampf, den wir je hatten, aber die Jungs waren immer fehlerlos."

Damit hätten sie ihm den Rücken freigehalten: "Ich habe das Gefühl, dass ich alles rausholen und das Auto an Plätze bringen kann, an die es sonst keiner bringen kann. Aber damit das geht, muss alles an der richtigen Stelle sein. Nur dann kann man die Performance auch so entfesseln."

Schlussendlich holten Hamilton die Gedanken an das Rennen dann doch noch wieder ein. Er werde jetzt nicht lange feiern, "ich habe ein paar gute Freunde hier, mit denen werde ich den Moment so intensiv wie möglich genießen". Aber er müsse eben auch so schnell wie möglich zurück nach England, zu Mercedes nach Brackley: "Wir müssen herausfinden, was da los ist, wo unsere Probleme herkommen - und das abstellen. Wir wollen schließlich noch den Konstrukteurs-WM-Titel gewinnen - und das haben wir heute wichtige Punkte verloren."

insgesamt 7 Beiträge
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dannyinabox 29.10.2018
1. Vettel und Ferrari
müssen sich auch dieses Jahr an die eigene Nase fassen. Obwohl sie eigentlich hätten wissen müssen das man nach der ersten Hälfte nicht nachlassen und fahrlässig werden darf, haben sie es trotzdem getan. Der Untergang fing IMO in Silverstone an. Nach dem Sieg Vettels freute sich dieser schelmisch über den Boxenfunk das man sie jetzt Zuhause geschlagen hätte. Schlechtes Karma. Mercedes gewann dann postwendend in Monza und als Sergio Marchionne starb, war der Ofen ganz aus. Pleiten Pech und Pannen. Auch Mercedes hatte wie gestern gesehen diese Pannen - nur für Ferrari zu spät.
haraldbuderath 29.10.2018
2. Sergio Marchionne
Ohne Sergio Marchionne ist Ferrari/ Vettel kein Gegner für Mercedes, bei Ferrari ist jetzt der Zufall entscheidend nicht Strategie, die Münze im Rennen fiel dieses Jahr nicht zu Gunsten von Vettel/Ferrari, hoffe das Ferrari jetzt ohne Sergio Marchionne weiter machen will mit völliger Hingabe und einen anderen begeisterten Boss suchen,
28zwei27 29.10.2018
3.
Zitat von dannyinaboxmüssen sich auch dieses Jahr an die eigene Nase fassen. Obwohl sie eigentlich hätten wissen müssen das man nach der ersten Hälfte nicht nachlassen und fahrlässig werden darf, haben sie es trotzdem getan. Der Untergang fing IMO in Silverstone an. Nach dem Sieg Vettels freute sich dieser schelmisch über den Boxenfunk das man sie jetzt Zuhause geschlagen hätte. Schlechtes Karma. Mercedes gewann dann postwendend in Monza und als Sergio Marchionne starb, war der Ofen ganz aus. Pleiten Pech und Pannen. Auch Mercedes hatte wie gestern gesehen diese Pannen - nur für Ferrari zu spät.
Diese Analyse ist mir zu einfach. Immerhin hat Vettel sechs Mal durch Fahrfehler entscheidende Punkte weggeworfen. Ganz ohne die Hilfe des Teams.
Seffi 29.10.2018
4. Verdienter Sieg
Das war dieses Jahr ein absolut verdienter Sieg - sowohl fahrerseitig als auch teamseitig.
dannyinabox 29.10.2018
5.
Zitat von 28zwei27Diese Analyse ist mir zu einfach. Immerhin hat Vettel sechs Mal durch Fahrfehler entscheidende Punkte weggeworfen. Ganz ohne die Hilfe des Teams.
Das hatte ich versucht im ersten Abschnitt anzusprechen. Aber stimmt schon, ich hätte dies natürlich auch etwas deutlicher machen können.
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