Formel-1-Weltmeister Hamilton Triumph für das Kind aus Stevenage

Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton widerlegte mit seinem zweiten WM-Titel den Vorwurf, in entscheidenden Momenten die Nerven zu verlieren. Auf dem Weg zum Triumph suchte der Mercedes-Pilot immer wieder Halt bei seiner Familie.

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Aus Abu Dhabi berichtet Karin Sturm


Vielleicht war es vielsagend und wichtig, dass seine Familie doch noch gekommen war. Die ganzen Tage in Abu Dhabi hatte Lewis Hamilton erzählt, nein, niemand von seinen Angehörigen werde da sein - und dann tauchten sie kurz vor dem Start doch auf: Der Vater Anthony, die Stiefmutter Linda, Bruder Nicolas und Freundin Nicole Scherzinger zitterten in der Box mit, als der 29-jährige Brite sicher und souverän zu seinem zweiten WM-Titel fuhr.

Ein technisches Problem an seinem Mercedes hinderte seinen Rivalen Nico Rosberg daran, bis zum Ende wirklich kämpfen zu können. Dennoch, es gab keinen einzigen Experten im Fahrerlager, der Hamilton nicht für den verdienten Weltmeister hielt: "Elf zu fünf Siege, da braucht man eigentlich gar nicht mehr weiter zu reden", sagte RTL-Fachmann Christian Danner. Auch Rosberg gab zu: "Über das ganze Jahr gesehen hat Lewis den ein kleines bisschen besseren Job gemacht - in den Rennen hat bei mir gerade im letzten Teil der Saison immer wieder ein bisschen was gefehlt, auch wenn ich im Qualifying etwas stärker war."

Massive technische Probleme behinderten beide, die Zahl der Rennen war am Ende gleich - je dreimal ging bei einem der beiden etwas schief. Aber Hamilton bewies in diesem Jahr, dass der Vorwurf nicht mehr zutrifft, er würde in entscheidenden Situationen die Nerven verlieren und dann im Übereifer Chancen wegwerfen.

Speziell in Abu Dhabi versuchte Rosberg immer wieder, psychologischen Druck auf den Teamkollegen auszuüben, ihn in einen Fehler zu treiben - in dem Wissen, dass er es war, der alles zu verlieren hatte: Als es wirklich darauf ankam, war Hamilton souverän, ließ Rosberg schon am Start stehen und hätte den Titel wohl auch ohne dessen Probleme sicher ins Ziel gebracht.

Ecclestone hält Hamilton für eine "Lichtgestalt"

Hamilton ist ein populärer Weltmeister: Schon vor dem Start feierten ihn die britischen Fans auf den Tribünen, nach dem Triumph erst recht. Einen ganz wichtigen Fan hatte er schon vor dem Finale: Bernie Ecclestone wünschte sich den Briten als neuen Weltmeister, "weil er so gut zu vermarkten ist, viel besser als Nico Rosberg".

Für den Formel-1-Boss war Hamilton schon bei dessen Debüt 2007 eine "Lichtgestalt": Der erste Farbige als Formel-1-Star, der fröhliche Youngster, der unbekümmert das Establishment durcheinander wirbelt, der Familienmensch, der sich rührend um seinen gelähmten Bruder kümmert - all das ergab damals, im ersten Jahr nach Michael Schumacher, natürlich eine wunderbare Geschichte.

Der kleine Lewis war ein britisches Einwandererkind mit karibischen Wurzeln. Aufgewachsen im Arbeiterstädtchen Stevenage, musste dessen Vater Anthony und die gesamte Familie gerade am Anfang viele Opfer für die große Karriere bringen. Heute ist Hamilton ein Weltstar. Einer, der sich zumindest nach außen als solcher gibt, der aber auf der Strecke durch seine kompromisslose und angriffslustige Fahrweise viele Rennfans begeistert. In dieser Beziehung sieht er sich gern in der Tradition eines Ayrton Senna, seines großen Idols.

Sportlich steht seine Leistung bei allen außer Zweifel - speziell in diesem Jahr. Die Persönlichkeit Hamilton dagegen polarisiert. Im Fahrerlager und außerhalb, auch bei den Fans. Das Hin und Her in seiner Beziehung zu Pussycat-Dolls-Sängerin Scherzinger, der auffällige Schmuck, die Tattoos, die Abstecher nach Hollywood - all das stehe bei ihm manchmal mehr im Fokus der Öffentlichkeit als der Sport, wird Hamilton öfter vorgeworfen.

"Jetzt mit der Familie feiern"

Doch viele, die ihn besser kennen, sagen, dass die Star-Attitüden nur Show seien, dass sich Hamilton in Wahrheit immer noch im kleinen Kreis seiner Familie und engster Vertrauter am wohlsten fühle und im Innersten das ganz normale Kind aus Stevenage geblieben sei.

Was dafür spricht: Hamilton sucht in kritischen Situationen genau dort Halt, wo er ihn auch früher fand - bei seinem Vater. Das war im Sommer in Silverstone so, als er nach verpatztem Qualifying bei seinem Heimrennen am Boden zerstört, nach einem langen Gespräch mit Papa Anthony dann aber wieder erstarkt war und den Grand Prix gewann.

Auch in Abu Dhabi, nachdem ihm Rosberg im Kampf um die Poleposition vier Zehntel abgenommen hatte, holte sich Hamilton moralische Unterstützung: "Ich bin abends alleine an den Strand gegangen, habe von dort lange mit meinem Vater gechattet." So war es kein Wunder, worauf er sich nach seinem Titelgewinn besonders freute: "Jetzt mit meiner Familie essen zu gehen und zu feiern!"

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insgesamt 6 Beiträge
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spmc-132032739223712 23.11.2014
1. Gratulation!
Ein verdienter Weltmeister! Bei allem Respekt vor Rosbergs Leistung, so hat hier doch der gereifte und überlegenere Fahrer gewonnen.
tobih 23.11.2014
2. ja...
...verdient ist der Weltmeistertitel für Hamilton definitiv, auch weil er in den entscheidenenden Momenten Rosberg im Griff hatte. Trotzdem: richtig kämpfen mußten die beiden nicht, ihr Auto war der Konkurrenz meilenweit überlegen und so bleibt dieser Beigeschmack an diesem WM-Titel: auf diesem Auto hätte jeder Fahrer Weltmeister werden können, eine besondere fahrerische Leistung lässt sich beiden nicht assistieren (...was sich ja auch mit ihren bisherigen leistungen deckt: da waren im fall von Hamilton viele gute Rennen, aber auch viele Rennen dabei, bei denen man sich an den Kopf greifen konnte). Hamilton ist ein guter und talentierter Fahrer, ein herausragender und eine Epoche prägender Fahrer wie Fangio, Clark, Schumacher, Senna, Prost, Lauda oder Vettel (...bei Vettel mal ein Fragezeichen, das ist noch zu frisch zum beurteilen...aber 4WM in Folge ist schon epochal und wenn das mit Ferrari klappen sollte...hmm) ist er nicht
moe.dahool 23.11.2014
3. Populärer Weltmeister?
Ich erinnere mich an seine regelmäßigen Sticheleien in der Vergangenheit, an die Reaktionen der Presse und der F1 Fans. Für mich ist Hamilton ein Unsympath. Mag sein, dass es privat anders ist, aber da kennen ihn die Fans auch nicht. Und die britischen Fans darf man nicht als Maßstab nehmen, die haben auch die größten Rotzlöffel in der britischen Nationalmannschaft groß umjubelt.
vitalik 23.11.2014
4.
Für mich wird die F1 Jahr für Jahr langweiliger. Wer ist denn im nächsten Jahr der Fahrer mit dem domenanten Auto?
rudig 24.11.2014
5. naja,
Zitat von moe.dahoolIch erinnere mich an seine regelmäßigen Sticheleien in der Vergangenheit, an die Reaktionen der Presse und der F1 Fans. Für mich ist Hamilton ein Unsympath. Mag sein, dass es privat anders ist, aber da kennen ihn die Fans auch nicht. Und die britischen Fans darf man nicht als Maßstab nehmen, die haben auch die größten Rotzlöffel in der britischen Nationalmannschaft groß umjubelt.
ob Hamilton ein 'Unsympath' ist lasse ich mal im Raum stehen, aber auch noch pauschal auf britische Fans zu schimpfen finde ich schon ein starkes Stück. Auch deutsche oder Fans anderer Nationen umjubeln manchmal irgendwelche 'Rotzlöffel' im Fußball oder sonst wo.
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