Rekordrennfahrer Michael Schumacher: Liebevoller Werwolf

Von

Wenn er das Visier herunterklappt und mit 18.000 Umdrehungen im Rücken über die Fahrbahn schießt, kennt Michael Schumacher keine Freunde - so wurde er Rekordweltmeister. Dabei ist der 43-Jährige, der jetzt seinen Abschied aus der Formel 1 erklärt hat, genau das: ein lieber Kerl.

Michael Schumacher: Der König der Formel 1 Fotos
REUTERS

In der Nähe von Köln gab es Ende der achtziger Jahre zwei vielversprechende Motorsporttalente. Michael Schumacher aus Kerpen und Heinz-Harald Frentzen aus Mönchengladbach. 1989 lernte ich Schumacher kennen. Ich war blutjunger Redakteur bei der "Autozeitung" in Köln, Fachgebiet Motorsport. Ein Nobody, den die Alain Prosts und Ayrton Sennas der großen Motorsportwelt für einen Ordner am Hockenheimring hielten.

Mich störte das nicht, ich hatte andere Pläne. Ich wollte den deutschen PS-Nachwuchs medial begleiten. Aus den ersten Interviewterminen wurde Freundschaft. Corinna war noch an Heinz-Haralds Seite, Michael damals mit Stefanie Pütz zusammen.

Ich begleitete die beiden zu Formel-3-Rennen oder den Tests im Mercedes-Junior-Team. Sie fuhren mit mir zu Reifentests der "Autozeitung" auf dem Flugplatz Dahlemer Binz oder zum Limousinen-Vergleichstest nach Hockenheim und beeindruckten mit atemberaubendem Fahrgefühl.

Wir zogen zusammen um die Häuser. Mal in der Kölner Waldeslust, wo Michael bei Marianne-Rosenberg-Liedern enthemmt tanzte, während ich vergeblich nach Songs der Rolling Stones fragte. Mal aßen wir Pizza im Junkersdorfer "Birkenhof", mal feierten wir zusammen Geburtstag. Oder wir trafen uns in der Aachener Straße mit den damaligen Toyota-Technikern Karl-Heinz Goldstein und Norbert Kreyer.

Fotostrecke

19  Bilder
Michael Schumacher: WM-Titel, Rekorde, Unfälle
Auf Goldsteins schwarzem Ledersofa philosophierten wir, wie es wäre, wenn Michael und Heinz-Harald mal in der Formel 1 fahren würden. Michael war damals schon sehr selbstbewusst. Außer Senna müssten sich alle warm anziehen, sagte er. Dann ging alles ganz schnell.

Bei seinem ersten Formel-1-Rennen Ende August 1991 im belgischen Spa-Franchorchamps lungerten wir noch zusammen im Bus von Heinz-Haralds Formel-3000-Team herum. Corinna brachte den Kaffee, Michael verpasste eine Pressekonferenz des Jordan-Teams, für das er damals fuhr.

Als Michael zum Weltstar aufstieg, war eine normale Freundschaft nicht mehr möglich. Er wurde schneller berühmt als richtig erwachsen. Die Formel 1 mit ihrer Schnelllebigkeit ließ dem jungen Kerl keine Zeit zur Reflektion, Kritik ließ er nicht mehr gelten. "Entweder du bist für mich oder gegen mich." Wahrscheinlich waren unsere Beurteilungen etlicher Rennsituationen so unterschiedlich. Die Kollision mit Damon Hill 1994, als er das Fahrzeug des Briten rammte und sich so den WM-Titel sicherte.

Er brutzelte am Herd Nürnberger Bratwürste

Oder 1997 die von Michael herbeigeführte Kollision mit Jacques Villeneuve. Die Weltmeisterschaft verpasste er dennoch, später wurde er sogar für die Aktion bestraft. Oder 2006 sein Parkmanöver mit dem Ferrari in der Rascasse-Kurve von Monaco, als er im Qualifying die Konkurrenz an besseren Zeiten hinderte.

Für mich waren das Tätlichkeiten, die mit der Roten Karte bestraft gehörten. Für Michael waren es taktische Fouls, die dazu dienten, seinen Erfolg zu wahren. Trotz unserer Differenzen lud er mich 2000 noch in die Schweiz ein. Zum Kicken und Abhängen.

Wir redeten über alte und neue Zeiten, er brutzelte am Herd Nürnberger Bratwürste. Dort zeigte er sein wahres Gesicht. Der liebevolle, bescheidene Familienvater, der Luxus nicht braucht und nur in Frieden mit Frau, Kindern und seinen Hunden leben will.

Erst wenn er das Visier herunterklappt und 18.000 Umdrehungen im Rücken spürt, kann er zum Werwolf werden. Das wird nach dem letzten Rennen dieser Saison Ende November in São Paulo vorbei sein. Dann wird Michael nur noch der liebe Kerl sein können, der er immer war.

Der vollkommenste und erfolgreichste Rennfahrer der F1-Geschichte wird mir trotzdem fehlen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. schrecklich langweilig
produster 04.10.2012
Seit es Schumacher gibt, gibt es keinen Glamour mehr in der Formel 1, nur noch Leute, die wie Roboter handeln und reden. Für die Doofen ist er ein Held, für den Rest der häßlicher Deutscher: präzise, pünktlich und schrecklich langweilig.
2. Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Fouls -> Erfolg?
neue_mitte 04.10.2012
Zitat von sysopAPWenn er das Visier herunterklappt und mit 18.000 Umdrehungen im Rücken über die Fahrbahn schießt, kennt Michael Schumacher keine Freunde - so wurde er Rekordweltmeister. Dabei ist der 43-Jährige, der jetzt seinen Abschied aus der Formel 1 erklärt hat, genau das: ein lieber Kerl. http://www.spiegel.de/sport/formel1/michael-schumacher-liebevoller-werwolf-a-859530.html
Dieser liebe Kerl zeigt aber am Steuer das, an was Deutschland und Europa krankt: Rücksichtslosigkeit, mangelne Fairness und purer Egoismus, bis hin zur im Prinzip beinahe Sabotage an den Mitfahrern. Auch ein Josef Ackermann mag privat ein lieber Kerl sein, aber wenn der die Krawatte umbindet und mit Vorstand/Unternehmen im Rücken kennt er auch keine Freunde mehr, ausser Frau Merkel. Ich respektiere einen Damon Hill, ich respektiere einen Mika Hakkinnen (mein Lieblingsfahrer), ja auch einen Jaques Villeneuve. Diese Jungens waren ab und an harte Hunde auf und neben der Strecke, was oft genug bloß Show war, aber die waren keine egoistischen Rampensäue. Sie sich doch mal einer den S. Vettel an. Und M. Schumacher 1996, nach ebenfalls 2 Titeln. Man kann auch ohne grobe Fouls Weltmeister werden. Dass der "Schumi" dafür auch noch bewundert wird... In der Tat war er in der 2000er bis 2004er Titelreihe oftmals der Beste. Dann kamen wieder unnötige Stallregien dazu, die bestimmt auf seinem Mist gewachsen sind. Solch einen Fahrer, solch im Allgemeinen einen Menschen, der auf dem Weg zum Erfolg weder Freund noch Feind kennt und sinnbildlich über Leichen geht... Verabscheuungswürdig klingt hart, was anderes fällt mir aber gerade nicht ein.
3. Schumacher hat...
-neutral- 04.10.2012
die Formel 1 nicht nur in Deutschland bekannt gemacht, sondern auf der ganzen Welt. Wenn Schumacher so schrecklich "langweilig" wäre, wäre er wohl kaum Teil der Marketingstrategie geworden. Auch für Ecclestone, der Vermarkter der Formel 1, ist es wohl ein Rückschlag, dass Schumacher nun zurücktritt. Wenn irgendjemand nur einen Formel 1 Fahrer kennt, ist das wohl Schumacher.
4.
rokool 04.10.2012
Zitat von produsterSeit es Schumacher gibt, gibt es keinen Glamour mehr in der Formel 1, nur noch Leute, die wie Roboter handeln und reden. Für die Doofen ist er ein Held, für den Rest der häßlicher Deutscher: präzise, pünktlich und schrecklich langweilig.
Tut mir leid, aber was ist denn das für ein Käse! Für die Doofen ist er ein Held? Okay, dann bin ich eben doof.! Solche Kommentare braucht die Menschheit.
5. Ein Spitzensportler
jodelkaiser 04.10.2012
der Können UND Fairness miteinander verbindet ist unsterblich. Schumi war niemals fair, weshalb soll man ihn respektieren?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Formel 1
RSS
alles zum Thema Michael Schumacher
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 46 Kommentare


Schumachers Karriere-Stationen
Debüt für Jordan
25. August 1991: Manager Willi Weber bringt Michael Schumacher als Ersatzfahrer für Bertrand Gachot beim Großen Preis von Belgien in Spa im Jordan-Team unter. Dem spektakulären siebten Startplatz folgt im Rennen durch einen Kupplungsschaden nach 700 Metern das Aus.
Zweites Rennen, erste Punkte
8. September 1991: Zweites Rennen, zweites Team. Nach einem Blitztransfer fährt Michael Schumacher für Benetton und gewinnt in Monza als Fünfter seine ersten beiden WM-Punkte.
Erster Sieg
30. August 1992: Michael Schumacher gelingt in Spa der erste Formel-1-Sieg.
Triumph und Tragödie in Imola
1. Mai 1994: Michael Schumacher gewinnt in Imola; es ist sein dritter Sieg in Serie. Der Erfolg wird durch die tödlichen Unfälle von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna überschattet.
"Schummel-Schumi"
10. Juli 1994: Die Disqualifikation in Silverstone, nachdem er die "Schwarze Flagge" ignoriert hat, macht den einstigen Saubermann zum "Schummel-Schumi". Schumacher werden die Punkte für den zweiten Platz aberkannt, er wird für zwei Rennen gesperrt.
Erster WM-Titel
13. November 1994: In Adelaide kommt es zum Showdown um den WM-Titel mit Damon Hill. Beide scheiden nach einer Kollision aus, Schumacher ist erstmals Weltmeister.
Wechsel zu Ferrari
16. August 1995: Schumacher unterschreibt für zwei Jahre bei Ferrari und kassiert dafür 80 Millionen Mark. Die Saison fährt er noch mit Benetton zu Ende, erst 1996 erfolgt der Wechsel zur Scuderia.
"Regenkönig von Spa"
27. August 1995: "Regenkönig" Schumacher rast in Spa vom 16. Startplatz zum Sieg.
Titelverteidigung in Japan
22. Oktober 1995: Schumacher ist nach dem Sieg im japanischen Aida zum zweiten Mal Weltmeister - erneut vor Damon Hill.
Erster Jubel in Rot
2. Juni 1996: Beim Regenrennen in Barcelona gewinnt Schumacher seinen ersten Grand Prix für Ferrari.
Kollision mit Villeneuve
26. Oktober 1997: Schumacher scheidet nach dem Rammstoß gegen seinen WM-Rivalen Jacques Villeneuve im Saisonfinale in Jerez aus. Der Kanadier kann weiterfahren, wird Dritter und ist Weltmeister.
Schien- und Wadenbeinbruch
11. Juli 1999: Beim schwersten Unfall seiner Karriere erleidet Schumacher in Silverstone einen Bruch des rechten Schien- und Wadenbeins. Er muss sechs Rennen pausieren, seine Titelträume sind geplatzt.
Ferrari in Ekstase
8. Oktober 2000: Schumacher gewinnt den Großen Preis von Japan und steht vor dem Saisonfinale in Malaysia als Weltmeister fest. Der Deutsche ist der erste Ferrari-Champion seit dem Südafrikaner Jody Scheckter 1979.
Der Dominator legt nach
19. August 2001: Schumacher wird in Budapest vorzeitig zum vierten Mal Weltmeister und stellt mit dem 51. Grand-Prix-Sieg seiner Karriere den "Weltrekord" des Franzosen Alain Prost ein.
Kür in Magny-Cours
21. Juli 2002: Mit seinem sechsten Sieg in Magny-Cours und dem 61. insgesamt macht Schumacher seinen fünften WM-Titel perfekt. Zudem ist er nach dem Triumph im 11. von 17 Rennen "schnellster Weltmeister" aller Zeiten.
Rekordweltmeister
12. Oktober 2003: Ein achter Platz reicht Michael Schumacher beim WM-Finale in Suzuka zum Gewinn des sechsten WM-Titels vor dem Finnen Kimi Räikkönen. Damit hat Schumacher eine WM-Krone mehr als der legendäre Argentinier Juan Manuel Fangio.
Rücktritt
10. September 2006: In Monza beendet Schumacher monatelange Spekulationen und kündigt unmittelbar nach seinem Sieg seinen Rücktritt zum Saisonende an. Am 22. Oktober 2006 in Sao Paulo fährt Schumacher sein 250. und (vorerst) letztes Formel-1-Rennen.
Das Comeback
23. Dezember 2009: Nach wochenlangen Spekulationen ist das Comeback von Michael Schumacher perfekt - bei Mercedes. Die Schwaben, die erst wenige Wochen zuvor das Weltmeisterteam Brawn übernommen und zum Mercedes-Werksteam gemacht hatten, bestätigen Schumacher als Teamkollegen von Nico Rosberg. Schumacher spricht von seinem Dreijahresplan.
Erstes Rennen in Silber
14. März 2010: Michael Schumacher fährt in Bahrain sein 251. Formel-1-Rennen, das erste nach der Rückkehr. Wie bei seinem Debüt 1991 in Spa steht er auf Startplatz sieben, im Rennen belegt er Platz sechs. Mehr als drei vierte Plätze springen in der Saison 2010 aber nicht heraus.
Auf dem Podium
24. Juni 2012: Nach einer Aufholjagd heimst der von Platz zwölf gestartete Schumacher am Ende des Großen Preises von Europa in Valencia seine erste Podestplatzierung seit seinem Comeback ein.
Startabbruch
29. Juli 2012: In Budapest verursacht Schumacher durch einen haarsträubenden Fehler einen Startabbruch. Der 43-Jährige blieb bei der Aufstellung zum Rennen statt auf dem 17. auf dem 19. Platz stehen.
Die Trennung
28. September 2012: Mercedes gibt nach drei Jahren die Trennung von Michael Schumacher bekannt. Die Nachfolge des Rekord-Champions tritt der bisherige McLaren-Pilot Lewis Hamilton, Weltmeister von 2008, an.
Zweiter Rücktritt
4. Oktober 2012: Michael Schumacher gibt sein Karriereende bekannt. Zum Saisonende soll Schluss sein in der Formel 1.
Letztes Rennen
25. November 2012: Der Grand Prix in São Paulo ist Michael Schumachers letztes Rennen in der Formel 1. Er wird Siebter.
Schumacher in Zahlen
WM-Titel
1. Michael Schumacher 7

2. Juan Manuel Fangio 5

3. Alain Prost 4


Grand-Prix-Siege
1. Michael Schumacher 91

2. Alain Prost 51

3. Ayrton Senna 41


Saisonsiege
1. Michael Schumacher 13 (2004)

1. Sebastian Vettel 13 (2013)

3. Michael Schumacher 11 (2002)

3. Sebastian Vettel 11 (2011)


Pole Positions
1. Michael Schumacher 68

2. Ayrton Senna 65

3. Sebastian Vettel 45



Rennkalender 2012
Rennen Datum Großer Preis von (Ort)
1 18.03. Australien (Melbourne)
2 25.03. Malaysia (Sepang)
3 15.04. China (Shanghai)
4 22.04. Bahrain (Sachir)
5 13.05. Spanien (Barcelona)
6 27.05. Monaco (Monte Carlo)
7 10.06. Kanada (Montreal)
8 24.06. Europa (Valencia)
9 08.07. Großbritannien (Silverstone)
10 22.07. Deutschland (Hockenheim)
11 29.07. Ungarn (Budapest)
12 02.09. Belgien (Spa-Francorchamps)
13 09.09. Italien (Monza)
14 23.09. Singapur (Singapur)
15 07.10. Japan (Suzuka)
16 14.10. Südkorea (Yeongam)
17 28.10. Indien (Neu Delhi)
18 04.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
19 18.11. USA (Austin)
20 25.11. Brasilien (São Paulo)