Von Ralf Bach
In der Nähe von Köln gab es Ende der achtziger Jahre zwei vielversprechende Motorsporttalente. Michael Schumacher aus Kerpen und Heinz-Harald Frentzen aus Mönchengladbach. 1989 lernte ich Schumacher kennen. Ich war blutjunger Redakteur bei der "Autozeitung" in Köln, Fachgebiet Motorsport. Ein Nobody, den die Alain Prosts und Ayrton Sennas der großen Motorsportwelt für einen Ordner am Hockenheimring hielten.
Mich störte das nicht, ich hatte andere Pläne. Ich wollte den deutschen PS-Nachwuchs medial begleiten. Aus den ersten Interviewterminen wurde Freundschaft. Corinna war noch an Heinz-Haralds Seite, Michael damals mit Stefanie Pütz zusammen.
Ich begleitete die beiden zu Formel-3-Rennen oder den Tests im Mercedes-Junior-Team. Sie fuhren mit mir zu Reifentests der "Autozeitung" auf dem Flugplatz Dahlemer Binz oder zum Limousinen-Vergleichstest nach Hockenheim und beeindruckten mit atemberaubendem Fahrgefühl.
Wir zogen zusammen um die Häuser. Mal in der Kölner Waldeslust, wo Michael bei Marianne-Rosenberg-Liedern enthemmt tanzte, während ich vergeblich nach Songs der Rolling Stones fragte. Mal aßen wir Pizza im Junkersdorfer "Birkenhof", mal feierten wir zusammen Geburtstag. Oder wir trafen uns in der Aachener Straße mit den damaligen Toyota-Technikern Karl-Heinz Goldstein und Norbert Kreyer.
Bei seinem ersten Formel-1-Rennen Ende August 1991 im belgischen Spa-Franchorchamps lungerten wir noch zusammen im Bus von Heinz-Haralds Formel-3000-Team herum. Corinna brachte den Kaffee, Michael verpasste eine Pressekonferenz des Jordan-Teams, für das er damals fuhr.
Als Michael zum Weltstar aufstieg, war eine normale Freundschaft nicht mehr möglich. Er wurde schneller berühmt als richtig erwachsen. Die Formel 1 mit ihrer Schnelllebigkeit ließ dem jungen Kerl keine Zeit zur Reflektion, Kritik ließ er nicht mehr gelten. "Entweder du bist für mich oder gegen mich." Wahrscheinlich waren unsere Beurteilungen etlicher Rennsituationen so unterschiedlich. Die Kollision mit Damon Hill 1994, als er das Fahrzeug des Briten rammte und sich so den WM-Titel sicherte.
Er brutzelte am Herd Nürnberger Bratwürste
Oder 1997 die von Michael herbeigeführte Kollision mit Jacques Villeneuve. Die Weltmeisterschaft verpasste er dennoch, später wurde er sogar für die Aktion bestraft. Oder 2006 sein Parkmanöver mit dem Ferrari in der Rascasse-Kurve von Monaco, als er im Qualifying die Konkurrenz an besseren Zeiten hinderte.
Für mich waren das Tätlichkeiten, die mit der Roten Karte bestraft gehörten. Für Michael waren es taktische Fouls, die dazu dienten, seinen Erfolg zu wahren. Trotz unserer Differenzen lud er mich 2000 noch in die Schweiz ein. Zum Kicken und Abhängen.
Wir redeten über alte und neue Zeiten, er brutzelte am Herd Nürnberger Bratwürste. Dort zeigte er sein wahres Gesicht. Der liebevolle, bescheidene Familienvater, der Luxus nicht braucht und nur in Frieden mit Frau, Kindern und seinen Hunden leben will.
Erst wenn er das Visier herunterklappt und 18.000 Umdrehungen im Rücken spürt, kann er zum Werwolf werden. Das wird nach dem letzten Rennen dieser Saison Ende November in São Paulo vorbei sein. Dann wird Michael nur noch der liebe Kerl sein können, der er immer war.
Der vollkommenste und erfolgreichste Rennfahrer der F1-Geschichte wird mir trotzdem fehlen.
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