Mike Glindmeier erinnert sich Siege ohne Leiden

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Diesen Sieg wollten selbst die Tifosi nicht. Als Michael Schumacher am 12. Mai 2002 in Österreich kurz vor dem Ende an seinem Teamkollegen Rubens Barrichello vorbeibeordert wurde, war für mich das Thema Ferrari erstmal erledigt. Barrichello, der von der Pole Position gestartet war, hatte fast über die gesamte Renndistanz geführt. Kurz vor Schluss kam dann der entscheidende Funkspruch aus der Ferrari-Box. "Lass ihn vorbei", hatte Teamchef Jean Todt in die Kopfhörer des Brasilianers geflüstert. Der machte Männchen und trat auf die Bremse - ein Skandal war geboren.

Ja, in der Formel 1 geht es um sportlichen Erfolg. Richtig, es stehen Millionen auf dem Spiel. Doch in diesem sechsten Saisonrennen hat Ferrari einen nachhaltigen Beitrag dazu geleistet, dass die Königsklasse entscheidend an Glaubwürdigkeit verloren hat. Michael Schumacher führte zu diesem Zeitpunkt mit vier Siegen und einem zweiten Platz in fünf Rennen mit 21 Punkten vor seinem Bruder Ralf und es war selbst für Motorsport-Laien abzusehen, dass Ferrari in dieser Saison außer Konkurrenz zum WM-Titel fahren würde. Warum denn trotzdem diese Order, die die aufgebrachten Fans mit Pfiffen quittierten?

"In der Vergangenheit haben wir dreimal in Folge im letzten Rennen die Fahrer-WM verloren, und wir wissen, dass wir starke Gegner haben. Deshalb müssen wir aus jeder Situation das Meiste rausholen", lautete die Rechtfertigung von Teamchef Todt. Und Schumacher, der aus Scham bei der Siegerehrung den obersten Platz auf dem Treppchen an seinen Teamkollegen abtrat, taktierte nach der Farce verbal weiter und bewies dabei, dass er ab und an ein wenig länger zum Nachdenken braucht: "Ich dachte sogar daran, die Order nicht zu befolgen und bin runter vom Gas, aber Rubens noch mehr. Ich hätte mir gewünscht, dass der Funkspruch nicht gekommen wäre." Bei allem Respekt vor der Leistung des Ausnahme-Rennfahrers: Diese Worte habe ich Schumacher damals nicht abgenommen.

Was im weiteren Verlauf passierte, ist schnell erzählt. Ferrari gaukelte ein wenig Reue vor, wurde zu einer lächerlichen Geldstrafe von einer Million Dollar verurteilt, und schloss weitere Eingriffe per Funk in das Renngeschehen nicht aus. Obwohl die Fia offiziell die Stallorder verbot, brach Ferrari wenige Wochen später erneut die Regeln. Zwei Rennen nach dem Skandal von Österreich überließ Schumacher als Wiedergutmachung Barrichello auf dem Nürburgring den Sieg. Wie wenig Schumacher begriffen hatte, zeigten seine widersprüchlichen Aussagen nach dem Rennen: "Ich habe alles versucht, aber es hat nicht gereicht, weil Rubens keinen Fehler machte", sagte er einerseits, um Sekunden später einzugestehen: "Warum sollte ich ihn überholen?"

Ausgerechnet Schlagerstar Udo Jürgens sprach mir damals aus der Seele: "Ich fühle mich total verarscht. Man kann doch keine WM austragen, in der einer mit sechs Millionen Dollar im Jahr dafür bezahlt wird, dass er bremst. Das ist Betrug!" Jürgens rief zum Boykott auf - und ging voran: "Ich hatte mir schon einen Ferrari bestellt. Aber den habe ich sofort storniert. Ich hoffe, es denken viele so."



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