Rennfahrerin Sophia Flörsch "Schnell sein, jede Lücke nutzen"

Sophia Flörsch will in die Formel 1. Talent hat die 17-Jährige - und die Überzeugung, dass ihr alles gelingen kann. Wie? Jeden Vorteil ausspielen. Sie weiß, wie sie sich auf der Strecke Respekt verschafft.

Sophia Flörsch
Tim Upietz/ Gruppe C

Sophia Flörsch

Ein Interview von


Sophia Flörsch ist 17 Jahre alt. Max Verstappen feierte in dem Alter sein Debüt in der Formel 1. Da möchte Flörsch auch hin - sie gilt als eines der größten Motorsport-Talente in Deutschland. Trotzdem ist ihr definierter Fünfjahresplan ambitioniert, denn die finanziellen Anforderungen werden im Motorsport immer größer. Ein weiteres Problem: Flörsch ist in diesem Jahr wegen Abiturprüfungen noch kein Rennen gefahren.

Und dann ist da noch eine dritte Hürde: Sophia Flörsch ist eine Frau. Die Formel 1 wird seit jeher von männlichen Piloten dominiert. Warum ist das so?

Zur Person
  • Alexander Floersch
    Sophia Flörsch, geboren 2000 in München, begann ihre Karriere als Fünfjährige im Kart. Nach dem Wechsel in den Formelsport ging sie nach Großbritannien und gewann zwei Rennen der Ginetta Junior Championship. 2016 und 2017 fuhr Flörsch in der Formel 4 und schaffte dort als erste Frau eine Podestplatzierung. In diesem Jahr pausiert sie bisher, um in Ruhe das Abitur zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Flörsch, Sie bezeichnen die Formel 1 als Ihr großes Ziel. Warum haben es überhaupt erst vier Pilotinnen geschafft, in der Königsklasse des Motorsports Rennen zu fahren?

Sophia Flörsch: Das Problem ist, dass zu wenige Mädchen bereits im jungen Alter anfangen, Motorsport zu betreiben. In die Formel 1 schaffen es nur die Besten, es gibt aber auch nur ein bis zwei Neulinge pro Jahr. Und weil in den Nachwuchsserien überwiegend Jungs fahren, gibt es nicht genügend Mädchen, die es nach oben schaffen können.

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SPIEGEL ONLINE: Warum beginnen nicht mehr Mädchen in jungen Jahren mit Kartsport?

Flörsch: Motorsport lässt sich nur mit großem finanziellen Aufwand betreiben. Und wenn sich Familien das leisten können, werden eher Jungs gefördert. Schon im Kartsport gibt es kaum Mädchen, und das wird im Formelsport immer weniger.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das ändern?

Flörsch: Ich bin Botschafterin von "Dare to be different" von Susie Wolff für Deutschland und repräsentiere den Beruf der Rennfahrerin. In der Stiftung geht es darum, junge Mädchen an den Sport heranzuführen - sei es als Ingenieurin, als Moderatorin oder eben als Pilotin. Frauen können alles schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Sie noch kein Formel-1-Auto fahren durften: Haben Frauen die physischen Voraussetzungen, ein solches Auto im Spitzenbereich fahren zu können?

Flörsch: Ja. Frauen laufen Triathlon, Frauen besteigen den Mount Everest, Frauen bringen Kinder auf die Welt - warum sollen wir nicht auf dem gleichen Niveau fahren können wie Männer? Vielleicht müssen wir mehr trainieren. Früher, als die Autos viel schwerer zu fahren waren, sind Piloten wie James Hunt am Abend vorher feiern gegangen und es hat trotzdem funktioniert. Heutzutage muss man natürlich bestmöglich vorbereitet und fit sein.

Sophia Flörsch in der Formel 4
imago/HochZwei

Sophia Flörsch in der Formel 4

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Hürden, die Frauen anders meistern müssen als männliche Kollegen?

Flörsch: Ich muss mir mehr Respekt verschaffen. Wenn man als Mädchen aber mit der richtigen Einstellung herangeht und einem das sogar Spaß macht, ist das ein zusätzlicher Motivationsschub. Nach einem guten Rennen ist es umso schöner, wenn ich aus dem Auto steige, die langen Haare zum Vorschein kommen und mich alle anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie verschaffen Sie sich auf der Strecke Respekt?

Flörsch: Schnell sein, erfolgreich sein, jede Lücke ausnutzen. Man muss sich immer durchsetzen, auch Sponsoren gegenüber. Das macht Spaß, vor allem wenn sich Jungs nach einem erfolgreichen Überholmanöver ärgern.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie abseits der Strecke auch Ihre Ellbogen ausfahren?

Flörsch: Ich steche halt oft heraus aus der Menge. In der Arbeit mit den Medien ist das sogar ein Vorteil. Bei den Rennkommissaren kann es durchaus schwierig sein, aber wirklich benachteiligt habe ich mich noch nicht gefühlt. Bei Sponsoren und Förderern hat man es als Frau unterm Strich schwer, deren Vertrauen in die Leistung und Erfolgschancen zu gewinnen. Ich will keine Quotenfrau sein, sondern um Siege kämpfen. Dafür arbeite ich, das ist mein Anspruch.

SPIEGEL ONLINE: Spielen bei Pilotinnen neben dem Talent auch optische Reize eine größere Rolle als bei männlichen Kollegen?

Flörsch: Es geht grundsätzlich um eine gute Vermarktung, unabhängig vom Geschlecht. Es ist ein Unterschied, ob du Fingernägel kauend vor der Presse sitzt - oder, ob du offen und positiv bist. Über allem steht aber der Erfolg.

Video: Nachwuchspiloten: Die Kids der Formel 4

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SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Abschaffung der Grid Girls in der Formel 1?

Flörsch: Ich bin zwiegespalten. Grid Girls gehören zum Motorsport dazu. Grid Kids finde ich aber auch gut, weil die Kinder so frühzeitig an den Sport herangeführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Grid Girls zeitgemäß?

Flörsch: Es ist ja kein Zwang dahinter, und die Frauen machen mit, weil es ihnen gefällt.

SPIEGEL ONLINE: Was entgegnen Sie Leuten, die das frühkindliche Interesse von Jungs an Autos und von Mädchen an Puppen für natürlich halten und so auch die männliche Dominanz im Motorsport erklären?

Flörsch: Da ist etwas dran, ich habe auch mit Puppen gespielt. Viel wichtiger finde ich aber, was die Eltern ihren Kindern vorleben. Jungs werden oft in ihrer Rolle bestärkt und wollen dann irgendwann Rennfahrer werden. Die Erziehung spielt da entscheidend rein.

Sophia Flörsch bereitet sich aktuell auf die Formel 3 vor
Alexander Floersch

Sophia Flörsch bereitet sich aktuell auf die Formel 3 vor

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie mit Motorsport angefangen?

Flörsch: Mit fünf Jahren habe ich zum ersten Mal im Kart gesessen, das war mir zunächst noch zu laut. Doch als ich ein drei Jahre älteres Mädchen habe fahren sehen, hat mich das motiviert. Und als ich dann in den ersten Rennen Jungs besiegt habe, war es ein Selbstläufer. Eine Sache ist mir aber wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Ja, bitte.

Flörsch: Ich bin ein ganz normales Mädchen geblieben. Der Sport ist mein Leben, aber ich schminke mich und gehe auch gerne shoppen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Zeitplan für den Aufstieg in die Formel 1?

Flörsch: Es gibt schon einen Karriereplan. Aber im Motorsport ändert sich jedes Jahr etwas, und man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennen. Ich hoffe, es in den nächsten fünf Jahren zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit den finanziellen Voraussetzungen aus?

Flörsch: Wir haben ein begrenztes Budget. Ich brauche Sponsoren oder Investoren, die an mich glauben und mich auf dem Weg nach oben unterstützen. Das kann holprig werden, aber ich will das schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Nervt die große Bedeutung der eigenen Finanzmittel?

Flörsch: Ich sehe es eher als Motivation. Meine Familie ist nicht so aufgestellt, dass wir uns in die besten Rennställe einkaufen können. Ohne Erfolg finde ich keine Sponsoren und ohne Sponsoren kann ich nicht weiterfahren.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden, Abitur zu machen?

Flörsch: Das war von Anfang an Bedingung meiner Eltern, damit ich einen anderen Weg einschlagen kann, wenn es nicht funktionieren sollte. Auch wenn ich zuletzt weniger als andere testen konnte, bereue ich diesen Schritt nicht.



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