Renn-Analyse Rauchzeichen der Kolbenfresser

David Coulthard sei Dank - endlich wissen wir, wer Schuld ist an der McLaren-Mercedes-Krise: ein Zulieferer. Auch sonst brachte das Rennen auf dem Nürburgring neben dem erwarteten Ferrari-Triumph überraschende Erkenntnisse. Zumindest, wenn man sich den WM-Lauf aus der Sicht eines gewissen Juan Pablo Montoya schildern ließ.

Von Jörg Schallenberg


Pechvogel Räikkönen: Fünf von sieben Rennen waren diese Saison für den Vizeweltmeister vorzeitig beendet
DPA

Pechvogel Räikkönen: Fünf von sieben Rennen waren diese Saison für den Vizeweltmeister vorzeitig beendet

Ob die Firmen Schüco und Henkel glücklich sind über die Buchung dieses Werbeplatzes? Beide Namen prangen am Heckflügel der McLaren-Mercedes-Fahrzeuge, die früher einmal ehrfurchtsvoll "Silberpfeile" genannt wurden. In diesem Jahr jedoch haben die Zuschauer zunehmend Probleme, überhaupt die Schriftzüge an den Wagen zu erkennen, weil ständig dicke weiße Rauchwolken die Sicht vernebeln. So auch am Nürburgring. Dabei hatte es für das britische-deutsche Team erstmals in dieser Saison richtig gut ausgesehen.

Nach dem üblichen Motorschaden im Training und der daraus resultierenden Strafversetzung nach ganz hinten schoss Coulthard von Startplatz 20 aus wie ein Pfeil (!) am halben Feld vorbei nach vorn und fuhr zügig in Richtung Punkteränge. Währenddessen demonstrierte Kollege Kimi Räikkönen vorn sein fahrerisches Können und behauptete sich in der hochkarätigen Auseinandersetzung mit Jarno Trulli (Renault), Rubens Barrichello (Ferrari) und Takuma Sato (BAR-Honda) eine ganze Zeit unter den ersten Drei. Doch dann war es wieder mal so weit: Beide McLaren-Mercedes sendeten bekannte Rauchzeichen und mussten am Straßenrand abgestellt werden, die Piloten fuhren auf dem Motorroller (Räikkönen in Runde 10) oder dem Abschlepplaster (Coulthard nach 28 Durchgängen) an die Box zurück.

Setzt man angesichts von rekordverdächtigen drei Motorschäden an einem einzigen Rennwochenende einmal die offensichtliche Wettbewerbsuntauglichkeit von McLaren-Mercedes in Relation zu den Erwartungen, mit denen das Team in diese Saison gegangen ist - da war die Rede vom Titelgewinn -, dann stellt sich als Ergebnis die Frage, ob es nicht besser wäre, sich für eine Weile aus dem Formel-1-Marken-Schaulaufen auszuklinken. Ansonsten droht ein ernsthafter Imageschaden für beide beteiligten Traditionsmarken.

Andererseits bieten die Rennen natürlich realitätsnahe Tests der diversen Motoren-Modifikationen, die man bei McLaren-Mercedes in dieser Saison ausprobiert hat - und uns allen würden doch die wunderbaren Ausreden der Silbernen fehlen. Vor ein paar Wochen noch tönte McLaren-Chef Ron Dennis - den die "Süddeutsche Zeitung" jüngst als "Monolith der Arroganz" würdigte - vor verblüfften Reportern, dass er natürlich die Ursachen der Schäden kenne, aber nur ein Drittel der Anwesenden in der Lage wäre, seine Ausführungen nachzuvollziehen. Weshalb er ganz darauf verzichtete, die Ursachen zu benennen. Schade, wir würden es alle gern hören. Und wenn wir es nicht verstehen, könnten es uns doch die technikversierten Kollegen erklären. Hallo, Mister Dennis?

Fotostrecke

8  Bilder
McLaren-Mercedes-Desaster: Schrott, alles nur Schrott

Doch nach dem neuen Desaster am Nürburgring hat David Coulthard ja bereits zur nächsten Märchenstunde mit Stern eingeläutet: Es handele sich um ein ganz gewöhnliches Problem, vielleicht sei ein Zulieferer schuld. Motorsportchef Norbert Haug assistierte, dass eine "Charge Kolben" fehlerhaft gewesen sei. Oder meinte er "Knallchargen"? Aber nein, Haug ist nicht als Defätist bekannt. Schön, dann wäre das ja geklärt, und ganz, ganz bestimmt sehen wir bei den nächsten Rennen keinen weißen Rauch mehr hinter seinen Boliden. Und die Erde ist eine Scheibe. Wie lautet das Sprichwort? Reden ist Silber (!), Schweigen ist Gold.

Gilt übrigens auch für Juan Pablo Montoya, der auf dem Nürburgring mal wieder als einziger nicht wusste, was er falsch gemacht hatte. Der Rest der Welt hatte dagegen sehr wohl gesehen, dass der BMW-Williams-Bruchpilot in der ersten Kurve zu spät bremste, nach links geriet, damit seinem Teamkollegen Ralf Schumacher den Vorderreifen in den Weg stellte und ihn letztlich von der Piste rammte, als der jüngere Schumacher ins Schlingern geriet. Montoya dagegen schob alle Schuld auf Olivier Panis im Toyota, der ihn angeblich zuvor berührt hatte - was außer dem Kolumbianer niemand bemerkt hatte. Der witterte hinter lästigen Reporterfragen anschließend eine Art Verschwörung gegen ihn. Stimmt, das erklärt natürlich alles. Sie wissen schon: Die Zahl 23, Illuminaten, Freimaurer, geheimnisvolle Verbindungen zum 11. September, und fährt der Teufel nicht eigentlich Ferrari? Armer Montoya.

Frustrierter Haug: Charge Kolben oder Knallchargen?
DDP

Frustrierter Haug: Charge Kolben oder Knallchargen?

Natürlich ereigneten sich auf dem Nürburgring auch Dinge, die eine ernsthafte Betrachtung wert sind: Michael Schumacher stellte mit dem sechsten Sieg im siebten Rennen klar, dass Monte Carlo nur ein Ausrutscher war, der vierte Ferrari-Doppelsieg dieser Saison sorgte zugleich für die Vorentscheidung in der Konstrukteurswertung. Jenson Button im BAR-Honda etablierte sich mit seinem dritten Platz endgültig als nächster Verfolger der roten Überflieger, was man nicht mit dem Begriff "ernsthafter Konkurrent" verwechseln darf. Mit Blick auf die Teamwertung fährt Renault als Tabellenzweiter eine überzeugende Saison, wobei der gleiche Zusatz wie bei Button hinzugefügt werden muss. Dass Jarno Trulli dabei im internen Konkurrenzkampf gegen den vor der Saison hochgejubelten Spanier Fernando Alonso bislang die Nase vorn behält, ist eine kleine Überraschung.

Es soll übrigens mit Blick auf die weitere Saison niemand behaupten, es mangele an spannenden Duellen. In der Konstrukteurswertung etwa rangeln mit McLaren-Mercedes (5 Punkte) und Toyota (4) zwei der Teams mit den höchsten Etats um den begehrten sechsten Platz, hart bedrängt von Jordan und Jaguar. Aber vielleicht ändert sich ja bald alles: Nächste Woche testet McLaren-Mercedes sein neues Rennmodell MP4-19B auf der Heimstrecke von Silverstone. Hoffentlich haben sie vorher den Zulieferer gewechselt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.