Rivalen in Red Bulls F-1-Rennstall Heißsporn gegen Stoiker

Der Formel-1-Rennstall Red Bull müsste sich eigentlich freuen. Beide Piloten haben vor dem letzten Rennen noch Chancen auf den WM-Titel. Aber die Rivalität von Sebastian Vettel und Mark Webber könnte alles zunichtemachen.

dpa

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Mark Webber gibt als seine Hobbys Modellflugzeuge, Hunde und die Playstation an. Der 34-jährige Australier ist ein stoischer Kerl, der der Öffentlichkeit selten mehr als zwei Gesichtsausdrücke gönnt. Er ist kein Spaßvogel im Formel-1-Fahrerlager, kein Großmaul, kein Sprüchemacher, die Beziehung zu seiner langjährigen Lebensgefährtin Ann Neal ist wie Beton. So einer könnte Werbeträger für Lebensversicherungen sein oder fürs Bausparen. Aber nicht für ein Spaß-Getränk wie Red Bull.

Sebastian Vettel ist elf Jahre jünger als sein Teamkollege Webber. Er ist ein wilder Pilot auf der Strecke, ein Draufgänger ohne Rücksicht auf Verluste, ein Heißsporn. So ist er laut einer Umfrage des Marktforschers TNS Infratest zum beliebtesten deutschen Fahrer unter den F-1-Fans hierzulande geworden. Weit vor Michael Schumacher, der immerhin sieben Mal Weltmeister war. Schumacher war in diesem Jahr die Vergangenheit, Vettel die Zukunft des deutschen Rennsports. Mit anderen Worten: Vettel ist das ideale Red-Bull-Gesicht.

Luxuriöse Ausgangslage für Red Bull - eigentlich

Der Rennstall könnte sich glücklich schätzen, in der Endphase der Saison zwei solche Piloten zur Verfügung zu haben. Welch luxuriöse Ausgangslage vor dem Abschluss-Grand-Prix in Abu Dhabi (Sonntag 17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE): Beide haben bereits vier Rennen in diesem Jahr gewonnen, beide können noch Weltmeister werden.

Und genau das ist das Problem.

Spätestens seit Vettel am Sonntag beim Großen Preis von Brasilien vor seinem Teamkollegen als Erster ins Ziel fuhr, wird in der Formel 1 über nichts anderes mehr geredet als über eine mögliche, offiziell strikt verbotene Teamorder. Wer darf wen vorlassen, und in wessen Interesse ist das? Es sieht so aus, als könnten die Titelträume von Red Bull und seinem Chef Dietrich Mateschitz zerstieben.

Webber und Vettel mögen sich nicht. Das ist kein Geheimnis. Keiner will dem anderen den Vortritt lassen. Für Webber ist diese Saison möglicherweise die letzte Chance in seiner Karriere auf den ganz großen Titel. Er wird sie nicht freiwillig herschenken - warum auch? Er hat immer noch sieben Punkte Vorsprung auf seinen Teamkollegen und damit von den Zahlen her die besten Chancen, den führenden Ferrari-Piloten Fernando Alonso abzufangen.

Für beide gilt: Jetzt oder vielleicht nie

Vettel dagegen wirkt in der Endphase der Saison als der Nervenstärkere der beiden, er hat zwei der letzten drei Rennen für sich entschieden und hätte auch das dritte gewonnen, wenn ihm in Südkorea nicht in führender Position die Technik in die Quere gekommen wäre. Wer Vettel in dieser Saison hat fahren sehen, kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er Webber kampflos die Führung lässt.

Der Deutsche ist zwar noch jung und hat von daher gute Aussichten, auch in späteren Jahren mal den Titel zu holen. Aber die technische Überlegenheit der Red Bulls ist höchstwahrscheinlich nie mehr so groß wie in dieser Saison. Die Konkurrenz wird aufholen. 2010 ist das Red-Bull-Jahr. Das weiß der Deutsche: jetzt oder vielleicht nie.

Vettel will immer gewinnen. Unbedingt. Eigentlich lächerlich, dass ausgerechnet ihm der Spitzname "Heintje" nachhängt. Der 23-Jährige ist alles andere, nur kein Muttersöhnchen. Vettel ist markant, er polarisiert, und das macht ihn für die Marke Red Bull so wertvoll.

Piloten als Edelhostessen für die Brausemarke

Für Mateschitz ist die Formel 1 ein Geschäft und seine Fahrer so etwas wie rasende Edelhostessen für seine Brausemarke. Auf die Frage im Interview mit SPIEGEL ONLINE, welchen Stellenwert die Formel 1 innerhalb seiner Sponsoringaktivitäten habe, antworte der Österreicher: "Neben drei, vier anderen Projekten den höchsten." Letztlich gehe es "immer um die Bekanntheit und die Wertschätzung einer Marke und des dazugehörigen Unternehmens".

Und dazu passt Vettel offenbar besser als Webber, der sich schon häufiger während der Saison über angebliche Benachteiligung beklagt hatte. So musste er beim Großen Preis von Australien eine Runde länger als Vettel auf seinen Reifenwechsel warten und fiel dadurch zurück. Die Situation eskalierte beim Crash von Istanbul, danach schlossen beide vorerst einen Burgfrieden. Den kündigte Webber nach dem Rennen in Silverstone auf. Der Australier beschwerte sich lautstark über eine interne Benachteiligung, weil er einen neuen Flügel an Vettel abtreten musste.

Als alles danach aussieht, als würde Vettel den Streit sportlich klären, platzte ihm beim drittletzten Saisonrennen in Südkorea acht Runden vor Schluss in Führung liegend der Motor. Webber war bereits nach 18 Runden ausgeschieden, Vettel hätte also bei einem Sieg 25 Punkte auf seinen internen Konkurrenten gut machen und gleichzeitig die WM-Führung übernehmen können.

Giftpfeile zwischen den Kollegen

Auch in Brasilien gab es keine Sonderbehandlung für Webber, Vettel fuhr direkt vor ihm als Sieger ins Ziel und "klaute" seinem Stallkollegen unter den Augen der tatenlosen Teamleitung sieben und damit vielleicht die entscheidenden WM-Punkte - was dem Rennstall allerdings vorzeitig die Konstrukteurs-WM sicherte und Sympathiepunkte für die Fairplay-Wertung brachte, in der Vettel in diesem Jahr durchaus Nachholbedarf hatte.

Webber ist schlau genug, um zu merken, dass sich der Wind im Team mehr und mehr Richtung Vettel gedreht hat. Auch deswegen hat der Australier zuletzt immer wieder öffentlich Seitenhiebe gegen seinen Kollegen und Rivalen ausgeteilt, hat ihn als höchstens normal begabten Fahrer dargestellt, bei dem er nicht übermäßig viel Talent erkennen könne. Vettel hat zurückgekeilt, Webber und er würden wohl in diesem Leben keine Freunde mehr - alles keine guten Voraussetzungen, um ein möglicherweise nötiges Zusammenspiel der Red Bulls gegen Alonso in Abu Dhabi zu gewährleisten.

Bei den Roten Stieren kämpft jeder für sich.

Mateschitz hat auf SPIEGEL ONLINE Vettel mit "Jung-Siegfried" und Webber mit "Winnetou" verglichen. Siegfried und Winnetou - beide sind am Ende zur Strecke gebracht worden.

insgesamt 322 Beiträge
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Seite 1
Sapientia 21.10.2010
1. In Reichweite schon, mal sehen...
Zitat von sysopDie Formel-1-Saison geht in die heiße Phase und der Kampf um die Krone ist so spannend wie selten. Gewinnt Sebastian Vettel seinen ersten WM-Titel? Triumphiert sein Red-Bull-Kollege Mark Webber? Oder steht ein anderer Fahrer am Ende ganz oben? Diskutieren Sie mit.
Fernando Alonso ist laut Gerhard Berger der derzeit beste Fahrer im Formel-1-Feld.
Sapientia 22.10.2010
2. Na, Fernando, sieht ja schon mal nicht allzu....
Zitat von sysopDie Formel-1-Saison geht in die heiße Phase und der Kampf um die Krone ist so spannend wie selten. Gewinnt Sebastian Vettel seinen ersten WM-Titel? Triumphiert sein Red-Bull-Kollege Mark Webber? Oder steht ein anderer Fahrer am Ende ganz oben? Diskutieren Sie mit.
schlecht aus am Freitag; ich drücke die Daumen für das Qualifying auf diesem an sich schrecklichen Micky-Maus-Kurs von der Einfältigkeit eines Architekten Tilke, von dem man den Eindruck hat, es würde auf dem platzbegrenzten Hinterhof einer Baustelle gefahren.
Kokeldil 22.10.2010
3. ..
Zitat von sysopDie Formel-1-Saison geht in die heiße Phase und der Kampf um die Krone ist so spannend wie selten. Gewinnt Sebastian Vettel seinen ersten WM-Titel? Triumphiert sein Red-Bull-Kollege Mark Webber? Oder steht ein anderer Fahrer am Ende ganz oben? Diskutieren Sie mit.
SCHUMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!
brot_ohne_spiele 22.10.2010
4. Endstand
..der für mich folgendermassen aussieht: 1. Webber : Wenn er "sein Ding" (Pace, Geduld, Erfahrung)durchziehen kann und nicht abfliegt oder abgeschossen wird. Würds den Aussies mehr als gönnen auch mal wieder richtig mitzujubeln. 2. Alonso: Als "spanise" Schumi nun da wo ihm das Optimum geboten wird -ergo wird die Scuderia, wie in den Zeiten mit MSC gelernt ihm das "perfekte" Auto sozusagen chirugisch aufoperieren - Massa irrelevant.Schnitzt Webber ist ALO oben.Olé ! 3. Seb : Alle Achtung, der Junge hat durchgeatmet die Pobacken wieder auseinanderbekommen und Schneid bewiesen - schaffts aber nur wenn Web und Alo irgendwie rausgekegelt oder nach hinten durchgereicht werden.Mal gucken ob er weiterhin so unbekümmert bleiben kann. 4. Lewis : Kann sich verbessern aber WM Titel ? Entweder er riskiert doch wieder zuviel oder zeigt Nerven und fängt auf den letzten Drücker zu zitteren an, wie weiland beim Finale in Interlagos. Sollten die Mitkonkurrenten allerdings aus irgendeinem Grund dramatisch einbrechen dann wird Blut geleckt - fahren kann er ja der Hamilton und der Killerinstinkt zieht dann schon von alleine nach . Ansonsten habe ich irgendwie das Gefühl, dass er schon mit 2011 beschäftigt ist...(wie immer ohne Gewähr :) ) 5.Button: Der hat ja noch heimlicher als Webber seine Pünktchen gesammelt :D - macht also da weiter wo er letztes Jahr aufgehört hat - konstant , materialschonend , gelassen, unaufällig. Auch ohne Brawn.Imponiert mir. WM aber nur wenn zufällig u. i. gleichen Rennen die anderen vier Kandidaten sich gegenseitig über den Haufen fahren. ;) Soweit meine Prognose....Gruß
d-c-r 22.10.2010
5.
Zitat von KokeldilSCHUMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!
Genau!!! Warum wird der einzige interessante Fahrer im Feld totgeschwiegen? Früher wurde doch auch immer Heinz-Harald mit seinem 10. Platz noch extra in der Tagesschau erwähnt! SCHUMI ist spätestens nächstes Jahr wieder regelmäßig auf dem Treppchen!!!
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