Saisonstart der Formel 1 Heikki, hol schon mal den Wagen

Ferrari fährt allen davon, McLaren-Mercedes stellt die Hahnenkämpfe ab, keine neuen Skandale in Sicht: Wird die Formel-1-Saison 2008 zur rasenden Langeweile? Immerhin dürften die Rennen spannend werden - ab Platz drei.

Von Jörg Schallenberg


Ein paar Hundertstel? Drei Zehntel? Eine halbe Sekunde – oder noch mehr?

Bei den Prognosen für den Formel-1-Weltmeister 2008 geht es ein paar Tage vor Beginn der neuen Saison offenbar nur um eines: Wie viel Vorsprung wird Ferrari auf die Konkurrenz herausfahren?

Pro Runde, versteht sich.

In den bisherigen Tests fuhr vor allem Weltmeister Kimi Räikkönen so stark, dass der Sieger des Großen Preis von Melbourne am Sonntag (5.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schon festzustehen scheint. Eigentlich. Wenn das Jahr 2007 nicht jeden Betrachter gelehrt hätte, dass man in der Formel 1 nur voraussagen kann, dass man eigentlich nichts voraussagen kann.

Allerdings entfallen in den kommenden Monaten leider zwei Faktoren, die das Glücksspiel auf vier Rädern besonders unberechenbar machten. Weil die Rollenverteilung beim ersten Verfolger McLaren-Mercedes zwischen Lewis Hamilton und Neuling Heikki Kovalainen ungefähr der von Stefan Derrick und Harry Klein entspricht, entfällt in diesem Jahr voraussichtlich der außerordentlich unterhaltsame Kleinkrieg, den Hamilton und Fernando Alonso in der vergangenen Saison austrugen. Außerdem hat der Weltverband Fia die Rennställe angewiesen, den früheren Ferrari-Ingenieur Nigel Stepney nicht anzustellen. Zur Erinnerung: Der Brite verriet ein paar Geschäftsgeheimnisse seines Arbeitgebers an die Konkurrenz und löste damit den größten Spionageskandal der Formel 1 aus.

Es ist also durchaus möglich, dass 2008 wieder der Kampf zwischen den Teams und das Geschehen auf der Piste im Mittelpunkt stehen. Was schon mal die auffälligste Neuerung wäre, neben der Abschaffung der Traktionskontrolle und der Frontpartie des neuen BMW-Sauber.

Ein Fernando Alonso im Renault ist dagegen ja nichts Neues. Nur um den Titel wird der Spanier dieses Mal ganz sicher nicht mitfahren.

Das Team des zweimaligen Weltmeisters muss sich 2008 im wahrscheinlich härtesten und erbittertsten Kampf des Feldes beweisen – dem Hauen und Stechen um die besten Plätze im vorderen Mittelfeld. Denn (weit) hinter Ferrari und (nicht ganz so weit) hinter McLaren-Mercedes positionieren sich die ambitionierten Teams, die in diesem Jahr ab und an aufs Treppchen fahren wollen, um 2009 oder 2010 dann die Weltmeisterschaft anzuvisieren.

Trotz eines miserablen Testbeginns mit dem fast komplett überarbeiten Boliden dürfte BMW-Sauber erneut die Verfolger anführen. "Ich glaube, dass wir dieses Jahr einen Sieg schaffen können", sagte BMW-Pilot Nick Heidfeld im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Allerdings schränkte der 30-Jährige ein: "Im Moment sind wir nicht so stark wie die Top-Teams. Wenn ich tippen müsste, würde ich sagen, wir stehen nicht zu Beginn auf dem Treppchen, eher später in der Saison." Willy Rampf, Technischer Direktor bei BMW, legte sich im "Kicker" schon genauer fest: "Von der Strecke her haben wir in Montreal die größten Chancen."

Sollte die Voraussage eintreffen, würde Heidfeld am 8. Juni einen historischen Sieg schaffen: Er wäre der erste deutsche Fahrer in der Formel 1, der mit einer deutschen Marke und einem deutschen Motor gewänne. Ansonsten allerdings wird es kaum Grund für patriotische Freudentaumel geben. Zwar gehen fünf deutsche Piloten an den Start, doch in den Punkterängen darf man neben oder eher hinter Heidfeld nur Nico Rosberg erwarten. Der Williams-Pilot gab sich trotz überzeugender Testergebnisse im Gespräch mit dem SPIEGEL bescheiden: "Fünfte oder vierte Plätze sind realistisch. Mit etwas Glück komme ich mal aufs Podium."

Sebastian Vettel im Toro Rosso, Timo Glock bei der erfolglosen Geldverbrennungsmaschine Toyota und Adrian Sutil, der für das Außenseiterteam Force India startet, werden dagegen bei normalen Rennverläufen keine Chance haben, Schampus aus der 500 Euro teuren Dreiliterflasche zu verspritzen.

Bitter ist das insbesondere für Glocks Arbeitgeber Toyota, der mit geschätzten 400 Millionen Euro Etat und mehr als tausend Mitarbeitern einen weitaus größeren Aufwand betreibt als etwa Ferrari, sich aber mit dem neuen Boliden TF108 wieder einmal völlig verrechnet zu haben scheint. Ralf Schumacher, dessen Vertrag der Mega-Rennstall mit Mini-Erfolg nicht verlängern wollten, dürfte aus seinem DTM-Cockpit heraus mit mildem Lächeln registrieren, wie auch sein Nachfolger scheitert.

Dass man als japanische Marke in der Formel 1 durchaus auch kluge Personalpolitik betreiben kann, beweist dagegen Honda. Das Unternehmen hat den früheren Ferrari-Strategen Ross Brawn als Teamchef verpflichtet und könnte in der kommenden Saison ein paar Überraschungen bieten. Allerdings peilt der Rennstall Erfolge erst für 2009 an. So werden BMW-Sauber, Williams und Renault wohl für die heißesten Duelle auf den Pisten sorgen, während vorne die roten und die silbernen Wagen ihre Kreise ziehen.

Natürlich nur, falls Kovalainen mit dem McLaren-Mercedes als neuem Dienstwagen gleich zurechtkommt. Und Felipe Massa im zweiten Ferrari die Traktionskontrolle nicht zu sehr vermisst. Dann könnte es auch im Kampf um dritte Plätze spannend zugehen. Vielleicht passiert ja auch etwas, mit dem man heute so wenig rechnet wie vor einem Jahr mit der 100-Millionen-Dollar-Strafe für die Silberpfeile.

Fast könnte man darauf wetten.



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