Der Esstisch war einfach keine Lösung mehr. Zwischen Salat und Nudeln wirkt so ein großer Weltmeisterschaftspokal deplatziert. Also beauftragte Sebastian Vettel einen Tischler. "Ich habe endlich eine ordentliche Vitrine anfertigen lassen", sagte er in einem Interview mit dem SPIEGEL. Dreimal in Folge wurde Vettel Formel-1-Champion, 2010 das erste Mal, seitdem stand der Wanderpokal in der Wohnküche. Jetzt, da er dekorativ in der neuen Vitrine zur Schau gestellt wird, sagt Vettel: "Er soll dort ruhig noch etwas länger stehen bleiben." Wird er das auch?
Am Sonntag beginnt mit dem Großen Preis von Australien (7 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) die Formel-1-Saison 2013, und selten waren sich Fahrer und Teamchefs so einig, dass es keinen klaren Favoriten gibt. "Theoretisch müssten Vettel und der Red Bull am stärksten sein. Aber ganz ehrlich: Einen Favoriten zu benennen ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich", sagt der frühere Formel-1-Pilot Gerhard Berger SPIEGEL ONLINE.
Natürlich reden viele von Vettel, von einem vierten Triumph in Folge. Das hängt aber nicht nur mit den fahrerischen Qualitäten des 25-Jährigen zusammen, sondern auch mit den Regeländerungen - es gab zu dieser Saison keine gravierenden. Daher brauchte Red Bull an seinem Rennwagen, der in der zweiten Saisonhälfte 2012 der stärkste war, auch keine umfangreichen Neuerungen vornehmen, sondern konzentrierte sich auf die punktuelle Weiterentwicklung eines bereits schnellen und zuverlässigen Autos.
Da ist Fernando Alonso, Weltmeister 2005 und 2006, der tönt: "Ich bin besser vorbereitet, stärker motiviert, einfach besser als letztes Jahr." Wobei sich gar nicht Alonso selbst steigern muss, schließlich hatte er mit WM-Platz zwei, nur drei Punkte hinter Vettel, das Maximum aus dem Ferrari geholt. Folgerichtig wurde der Spanier von den F1-Teamchefs zum Fahrer des Jahres gewählt. Das Problem war und ist das Auto.
McLaren war vergangene Saison nicht zuverlässig genug
"Ob Ferrari näher dran ist an Red Bull, muss man erst einmal abwarten", sagt Berger, von 1987 bis 1989 und von 1993 bis 1995 selbst Fahrer bei Ferrari. In der vergangenen Saison fehlte dem Ferrari der nötige Speed bei normalen Wetterverhältnissen, um an Red Bull vorbeizuziehen. Die Testfahrten gaben kaum Aufschluss darüber, ob die Italiener dieses Problem in den Griff bekommen haben.
Red-Bull-Konkurrent Nummer drei ist Lotus mit Top-Pilot Kimi Räikkönen. Der Weltmeister von 2007, damals Champion im Ferrari, war im vergangenen Jahr nach zuvor zwei Saisons bei der Rallye-WM in die Formel 1 zurückgekehrt. Lotus gab dem Finnen zwar nicht das beste Auto, aber er machte das Beste daraus. Räikkönen wurde WM-Dritter. "Bei Lotus machen sie einen ausgezeichneten Job, obwohl sie nicht die finanziellen Mittel der großen Teams haben, und trotzdem sind sie vorne dabei", sagt Berger, der dem britischen Rennstall wieder Top-Platzierungen zutraut.
Der vierte große Herausforderer: Mercedes. Wenn man über die Silberpfeile eines weiß, dann, dass man nichts weiß. Wie stark ist das Team im vierten Jahr seit dem Formel-1-Comeback? Eine Frage, die wohl selbst die Verantwortlichen in Stuttgart nicht mit letzter Sicherheit beantworten können.
Mit Niki Lauda als neuem Aufsichtsratchef, Toto Wolff als neuem Sportchef und Hamilton als neuem Top-Piloten will Mercedes konstant um Siege mitfahren. "Mercedes kann sich zur zweiten Kraft hinter Red Bull entwickeln", glaubt Berger, der mahnt, den zweiten Fahrer nicht zu unterschätzen: "Nico Rosberg ist ein Spitzenmann", so der Österreicher: "Und der Schlüssel zu Siegen ist ohnehin nicht Hamilton, der Schlüssel ist das Auto."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Formel 1 | RSS |
| alles zum Thema Formel 1 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH