Von Ralf Bach
Am Anfang nahm Mercedes-Pilot Nico Rosberg die Sache noch mit Humor. Der 26-Jährige schmunzelte über den Jubiläumshelm seines Teamkollegen beim Großen Preis von Belgien in Spa und sagte am Freitag: "Als ich das erste Mal Michael mit dem goldenen Helm hinter mir fahren sah, dachte ich, der hätte meinen Ersatzhelm gestohlen."
Zwei Tage später war Rosberg das Lachen vergangen. Über Funk teilte die Mercedes-Box ihm mit, er solle Sprit sparen. Michael Schumacher, in seinem Jubiläumsrennen vom letzten Startplatz aus direkt hinter Rosberg auf Platz sechs vorgefahren, konnte widerstandslos überholen. Was die Team-Verantwortlichen später als Pech für Rosberg und fahrerische Glanzleistung ihres in die Jahre gekommenen Superstars verkauften, wird in der Szene als Stallorder angesehen.
Als Geschenk für Schumacher, um die Kritiker ruhig zu stellen. Zum Beispiel Schumachers früheren Teamchef Eddie Jordan, der gefordert hatte: "Schumacher soll endlich aufhören und Platz für Jüngere machen!" Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger glaubt Teamchef Ross Brawn und Mercedes-Motorsportboss Norbert Haug nicht, dass der Platztausch in Spa renntechnische Gründe hatte. Er hänge vielmehr damit zusammen, dass die Mercedes-Verantwortlichen das angekratzte Image ihres Superstars künstlich aufpolieren wollen.
Berger hat eine klare Meinung, was den Leistungsunterschied zwischen den Mercedes-Piloten betrifft. Im Qualifying, bei dem es laut Berger "auf einer Runde nur auf schieren Speed ankommt", war Rosberg in zwölf Rennen elfmal schneller als der Rekordweltmeister. Im Rennen hätte Mercedes dagegen wie in Spa nachgeholfen, dass der Unterschied nicht mehr so groß erscheine. Das sei aber reine Kosmetik. "Rosberg fährt meiner Meinung nach auf Vettel-Niveau, er könnte Rennen und Titel gewinnen mit einem entsprechenden Auto", sagt Berger. "Schumacher kann ihn nicht mehr schlagen. Michael ist aber immer noch so gut wie beispielsweise Mark Webber, Vettels Teamkollege bei Red Bull."
War das Überholmanöver in Spa wirklich Stallregie? Die Mercedes-Verantwortlichen wehren sich heftig dagegen. Sportchef Norbert Haug wies direkt nach dem Rennen die Spekulationen von sich. "Wer das glaubt, dem kann nicht geholfen werden. Das wird es bei uns nie geben, und auch Michael würde solche Geschenke nie annehmen." Und auch Nico Rosberg sagte, er hätte seinem Teamkollegen nicht freiwillig Platz gemacht.
Widersprüche bei Mercedes
Die "Geschenke", die Schumacher in seiner Zeit bei Ferrari manchmal vom damaligen Teamkollegen Rubens Barrichello bekam, hat Haug wohl nicht mehr im Gedächtnis. Teamchef Brawn spielt Doppelpass mit seinem Mercedes-Partner. Der Brite, zu Ferrari-Zeiten Chefstratege von Schumacher, schob das Überholmanöver kurz vor Schluss dem Umstand zu, dass Schumacher zu diesem Zeitpunkt die frischeren und damit besseren Reifen gehabt hätte und Rosberg Sprit sparen musste - im Gegensatz zum siebenmaligen Weltmeister.
Genau hier fangen aber die Widersprüche an. Grund ist die Safety-Car-Phase, die es nach der Kollision zwischen Sauber-Pilot Kamui Kobayashi und McLaren-Fahrer Lewis Hamilton von Runde 13 bis Runde 17 gab. Brawn behauptet, danach sei Rosberg noch im Spritfenster gewesen. Benzinsparen wäre somit nicht nötig gewesen. Dieses Problem soll sich erst später im Rennen ergeben haben - durch einen Rechenfehler. Dagegen sagte Rosberg, dass er bis zur Safety-Car-Phase zu viel Benzin verbraucht habe. "Ich wollte die Führungskilometer genießen und achtete nicht so sehr aufs Spritsparen", so der 26-Jährige, der nach dem Start zunächst auf Platz eins vorgefahren war. Wieso er während der Safety-Car-Phase nicht ins Spritfenster zurückfand, bleibt ein Rätsel.
Konkurrenz bezweifelt Mercedes-These
Brawn argumentiert: "Durch das neue Reglement sparen wir während der Safety-Car-Phase keinen Sprit mehr. Wir versuchen ein Auto so leicht wie möglich zu machen." Hintergrund: Durch das Verbot des Nachtankens versuchen die Teams, die Autos gegen Ende des Rennens so leicht wie möglich zu halten. Während einer Safety-Car-Phase könnte deshalb das Gemisch im Motor so verstellt werden, dass mehr Sprit verbrennt als in einer neutralisierten Phase eigentlich nötig wäre.
SPIEGEL ONLINE fragte bei der Konkurrenz nach, ob das tatsächlich so ist. Toro-Rosso-Technikchef Giorgio Ascanelli hat nur ein spöttisches Lächeln für Brawns Erklärung übrig: "Bei der Länge der Safety-Car-Phase wie in Spa sparen wir trotz allem noch Sprit für eine Runde. Das kann man drehen und wenden wie man will." Ex-Formel-1-Pilot Karl Wendlinger wunderte sich deshalb bei Servus TV: "Hätte es also keine Safety-Car-Phase gegeben, dann wäre Rosberg zehn Runden vor Schluss das Benzin ausgegangen."
"Man hätte in Spa für zwei Runden Sprit sparen können, wenn man gewollt hätte", sagt Ferrari-Chefelektroniker Dieter Gundel, der unter anderem für das Gemischverhältnis im Motor verantwortlich ist. "Ein Fehler in der Spritkalkulation vor einem Rennen kann schon mal passieren. Aber, dann frage ich mich: Wieso hat man sich bei Mercedes dann nur bei einem Auto verrechnet?"
Es bleiben also Zweifel. Schumacher wird es kaum kümmern. Beim nächsten Rennen in Monza am 11. September (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird er erneut versuchen, Rosberg zu schlagen. Diesmal wieder mit rotem Helm. Der goldene Helm von Spa war eine Ausnahme. Hoffentlich nicht nur der Helm.
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