Fußball-WM der Frauen Der Traum ist aus

Damit hat keiner gerechnet: Deutschland ist im WM-Viertelfinale an Japan gescheitert. Zu planlos spielten die deutschen Frauen, selbst die sonst so gefährlichen Freistöße und Eckbälle brachten nichts ein. Die Fans sind erschüttert, das Turnier verliert seine Hauptattraktion.

Von , Wolfsburg


OK-Chefin Steffi Jones hatte in der Nacht vor dem Spiel geträumt, Deutschland habe Japan 3:0 besiegt. Nicht nur ihr Traum ist an diesem Samstagabend in Wolfsburg geplatzt. Es ist das im Grunde Unglaubliche passiert: Deutschland, der hohe Titelfavorit, der Weltmeister, der Impulsgeber für die gesamte WM-Stimmung, ist bereits im Viertelfinale gegen Japan 0:1 nach Verlängerung ausgeschieden. Niemand hatte damit gerechnet.

Die deutschen Spielerinnen fielen nach dem Abpfiff wie vom Blitz getroffen zu Boden und blieben reglos liegen. Abwehrspielerin Babett Peter und Mittelfeldkollegin Simone Laudehr ließen den Tränen freien Lauf. Im Stadion, in dem zuvor 120 Minuten Getöse war, herrschte so etwas wie ein kollektiver Schockzustand. Nach dem Abpfiff war es einen Moment komplett still, als hätten die Zuschauer noch gar nicht begriffen, was da vorher passiert war.

Bundestrainerin Silvia Neid war die erste, die nach dem Ausscheiden ihre Sprache wiederfand. "So etwas kann im Fußball passieren. Ich mache der Mannschaft keine großen Vorwürfe", sagte die Trainerin. Dabei hätte es an diesem Abend genug Platz für Kritik gegeben. Das Team war zwar eifrig, es rannte an, es war engagiert. Aber alles geschah ohne Ideen, ohne Drang zum Tor. Die Leichtigkeit, die Spielfreude aus der Partie gegen Frankreich - sie war verschwunden. Die ausnahmslos von Melanie Behringer geschlagenen Freistöße und Eckbälle, mit denen man die körperlich unterlegenen Japanerinnen unter Druck setzen wollte, beschworen zwar Gefahr herauf, waren aber letztlich wirkungslos. "Wenn man aus vielleicht 15 Standardsituationen kein einziges Tor macht, kann man wohl auch nicht gewinnen", so Neid.

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Viertelfinal-Aus: Japan schockiert Deutschland
Irgendwie war in diesem Spiel von Anfang an der Wurm drin. Mittelfeldspielerin Kim Kulig verletzte sich schon nach vier Minuten bei ihrer ersten Aktion so unglücklich am Knie, dass sie kurz darauf aus dem Spiel genommen werden musste. "Das war für uns ein Schock", sagte Neid. Sie hatte Kulig extra im letzten Gruppenphasenspiel gegen Frankreich geschont, um die von einer Gelbsperre bedrohte Spielerin gegen Japan in jedem Fall einsetzen zu können. DFB-Mannschaftsarzt Bernd Lasarzewski bestätigte später bei Kulig einen Kreuzbandriss, sie wird wahrscheinlich monatelang ausfallen.

Die Bundestrainerin musste umstellen, zog Außenverteidigerin Linda Bresonik ins Mittelfeld. Die für Kulig eingewechselte Bianca Schmidt ging auf die rechte Abwehrseite. Die Mannschaft kam mit dieser Umstellung sichtlich schlecht zurecht. Bresonik konnte in keiner Phase die Dynamik aufbringen, die von Kulig normalerweise ausgeht. "Linda war mit ihrer Aufgabe wohl ein bisschen überfordert", analysierte Torfrau Nadine Angerer. Nach einer Stunde wurde auch sie von Neid aus dem Spiel genommen.

Bis dahin hatte ihre Elf zwar einige leidliche Chancen herausgearbeitet, aber allzu viel war dem Zufall überlassen. Pässe gingen ins Nichts. Unkonzentriertheiten häuften sich. Selbst bisher so sichere Leistungsträgerinnen wie Babett Peter oder Simone Laudehr ließen sich anstecken. Die Offensive mit Inka Grings und Célia Okoyino da Mbabi war bemüht, mehr nicht.

Japan kam kaum gefährlich vors Tor

Dennoch hatte man nie das rechte Gefühl, das deutsche Team könne dieses Spiel verlieren. Die Japanerinnen versuchten, ein paar Konter zu setzen, aber waren über den Großteil des Spiels harmlos vor dem Tor. Eigentlich dauerte es bis zur 108. Minute, bis die Stürmerinnen aus Japan das erste Mal zum Torabschluss kamen. Und da war es schon passiert. Karina Maruyama überlief Abwehrspielerin Saskia Bartusiak und spitzelte den Ball an Angerer vorbei ins Netz.

Was nicht nur die deutsche Torhüterin fassungslos machte: "Ich habe keinen Gedanken an ein Ausscheiden verschwendet. Selbst als wir im Rückstand lagen, hatte ich immer noch das Gefühl, wir schießen noch einen Treffer." Das Gefühl hat sie getrogen. Das deutsche Team berannte zwar wild entschlossen das japanische Tor, aber auch dies geschah ohne Plan, ohne klaren Kopf. Auch die Einwechslung von Stürmerin Alexandra Popp änderte daran nichts. "Ich hatte mir von ihr schon mehr Leben da vorne versprochen. Das war nicht der Fall", konnte sich Neid dann doch einen Vorwurf nicht verkneifen.

Von der Bank mussten die erfahrenen Spielerinnen Birgit Prinz und Ariane Hingst mit ansehen, wie ihre lange und erfolgreiche Länderspielkarriere schmucklos an diesem Abend zu Ende ging. Beide hatten schon vor längerer Zeit angekündigt, nach der Weltmeisterschaft abzutreten. Für Prinz war es ein doppelt bitteres Turnier. Als Kapitänin und Stammspielerin in die WM gegangen, als Ersatzspielerin des gescheiterten Titelverteidigers geendet. "Für Birgit tut es mir besonders leid, das ist sehr traurig für die älteren Spielerinnen", sagte Neid. Sie selbst wird in jedem Fall weitermachen, ihr Vertrag wurde erst kurz vor der WM bis 2016 verlängert. "Es wird noch sehr viele Turniere geben, die wir gewinnen können", sagte Neid. Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land zu gewinnen, das wird allerdings so bald nicht mehr möglich sein. Diese Chance ist seit Samstag unwiderruflich dahin.

Nachdem sich die frustrierten Spielerinnen einigermaßen gefangen hatten, trugen sie mit lethargischen Gesichtern ein Plakat durchs Stadion, mit dem sie sich bei den Anhängern bedanken wollten. "Ein Team, ein Traum, Millionen Fans" stand darauf. Der Traum ist aus.

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DFB-Einzelkritik: Verkrampft, verletzt, verloren

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krafts 29.11.2010
1.
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Ich gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Kanzla87 29.11.2010
2.
Zitat von kraftsIch gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Aus welchem Grund?
Rockker, 29.11.2010
3.
Ein Wettbwerb aus der Kategorie *EIKS, aber dank den deutschen Medien wird er gehypt zu dem nächsten unsänglichen "Sommermärchen" wo die deutsche NM, alle Gegner sowieso mit 22:0 schlagen wird... *Eigentlich Interessiert Keine Sau
Flosse, 29.11.2010
4. Zu wünschen wäre es...
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Die Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
CaptainSubtext 29.11.2010
5. !
Zitat von FlosseDie Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
mmmmh. Wenn die Damenelf noch nicht mal in der Lage ist gegen eine Vereins-B-Jugend zu gewinnen, wieso.....?
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