Von Thilo Thielke
Berti Vogts hat sich gerade entschieden, in Kuweit das Amt des Nationaltrainers anzunehmen ...
Gutendorf: ... ein Jammer!
SPIEGEL: Warum? DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat ihm gratuliert. Er freue sich, dass Vogts "wieder eine Arbeit gefunden hat".
Gutendorf: Das ist wohl auch das einzig Positive an der Geschichte. Berti wird mit den Arabern nicht klarkommen und die nicht mit ihm. Nach ein paar Wochen fliegt er.
SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären.
Gutendorf: Ach, der Berti ist nicht für die weite Welt gemacht, er ist innerlich verklemmt. Und gerade Kuweit ist ein hartes Pflaster. Die Typen sind reich und arrogant. Wenn unser Berti zwei, drei Spiele verliert, dann fliegt er hochkant raus. Und wenn er zwei, drei Spiele gewinnt, dann loben sie ihn nicht einmal das finden die Scheichs dann normal für ihr Geld.
SPIEGEL: Worauf muss Vogts denn besonders achten?
Gutendorf: Da unten gibt es eine beschissen trockene Wüstenhitze. Mit der habe ich meine eigenen Erfahrungen gemacht; in der Sahara wäre ich einmal fast verdurstet. Wenn ich Berti gedanklich krebsrot am Spielfeldrand stehen sehe, tut er mir richtig Leid ...
SPIEGEL: ... dagegen hilft zur Not ein Sonnenschirm.
Gutendorf: Ja, das bekommt er vielleicht noch in den Griff. Aber mit der Kommunikation wird es schon schwieriger. Sein Englisch ist nicht besonders gut. Zum Glück muss er wenigstens nicht auf seine Essgewohnheiten verzichten: In den Luxushotels bekommt er deutsche Leberwurst und Bier.
SPIEGEL: Was Sie sagen, klingt nicht gerade ermutigend.
Gutendorf: Erinnern Sie sich an die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien? Da stürmte der kuweitische Scheich Fahd al-Ahmed al-Dschabir al-Sabbah auf das Spielfeld, weil er eine Ungerechtigkeit beim Spiel seiner Mannschaft gegen Frankreich witterte. Es kam zum Eklat, der Scheich bepöbelte den Schiedsrichter. Es geht sehr raubeinig zu in Kuweit. Und Berti guckt ja immer ein wenig traurig. Er muss jetzt stark sein.
SPIEGEL: Als Assistent soll Wolfgang Rolff den ehemaligen Bundestrainer begleiten, und Rainer Bonhof, Weggefährte aus Mönchengladbacher Zeiten, ist als Trainer des kuweitischen Meisters Sporting-Club Kuweit bereits im Land. Für persönliche Nähe ist also gesorgt.
Gutendorf: Das wird ihm helfen. Gerade Bonhof ist ja ein moderner Mann. Der lacht sogar gelegentlich. Sonst ist da nämlich nur dieser graue Sand. Dettmar Cramer war dort früher als Trainer. Er sagte mir einmal, diese Zeit sei so mit die fürchterlichste seiner Laufbahn gewesen und Dettmar ist ja fast so herumgekommen wie ich. Ein Deutschlandbesuch sei eine Wohltat für seine Augen gewesen: Sie sahen wieder etwas Grünes.
SPIEGEL: Immerhin kann Vogts fußballerisch etwas bewirken, vielleicht mehr als zuletzt in Deutschland.
Gutendorf: Ich wünsche ihm wirklich von ganzem Herzen, dass ihm das gelingt. Allerdings hatten sie in Kuweit vor einiger Zeit ein paar Brasilianer als Trainer. Diese groß gewachsenen Araber spielen deshalb einen gepflegten südamerikanischen Fußball. Daran muss sich Berti erst gewöhnen; er ist ja nicht gerade ein Techniker.
SPIEGEL: Die kuweitische Nationalmannschaft hat die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan bereits verpasst. Da kann es doch eigentlich nur noch aufwärts gehen.
Gutendorf: Meinen Sie? In Leverkusen erinnerte mich Berti immer ein wenig an den König ohne Kleider: Er steht nackt da, und alle außer ihm selbst sehen es. Sogar Co-Trainer Pierre Littbarski tanzte ihm die ganze Zeit vor der Nase herum. Das war mir für unseren Berufsstand sehr peinlich. Und jetzt will ausgerechnet er im Ausland den deutschen Fußball repräsentieren.
SPIEGEL: Reizt ihn das Abenteuer?
Gutendorf: Ach was, er ist ein ängstlicher Mensch. Es wird das Geld gewesen sein. Das haben sie dort wie Wüstensand. Und was soll er auch in Deutschland machen?
SPIEGEL: In Griechenland arbeitet jetzt Otto Rehhagel. Ist das ein besserer Einstieg für eine Karriere à la Gutendorf?
Gutendorf: Rehhagel ist ein ganz anderes Kaliber als Berti. Und er hat einen guten Job gefunden. Wenn man in Griechenland Erfolg und Charisma hat, dann tragen sie einen auf Händen. Die Stelle hätte ich auch sofort angetreten.
SPIEGEL: Aber Sie sind doch schon als Trainer von Samoa im Gespräch.
Gutendorf: Stimmt, ich denke darüber nach. Aber dieses Jahr wird es nichts mehr. Meine Frau und mein elfjähriger Sohn sind gerade bei mir; um die will ich mich erst einmal kümmern. Und dann sehen wir weiter.
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