Herr Beeck, glauben Sie, dass sich Franz Beckenbauer am Samstag nach Cottbus traut?
SPIEGEL ONLINE: Einen "hoffnungslosen Fall" hat Beckenbauer Ihren Club in der Winterpause geschimpft. Haben Sie das schon vergessen?
Beeck: Wenn man nur zehn Punkte hat, die wenigsten Tore geschossen, die meisten kassiert und den überhaupt schlechtesten Fußball der ganzen Liga gespielt hat, ist man ein hoffnungsloser Fall. Beckenbauer hat nur die Wahrheit gesagt. Deshalb hatten wir nie ein großes Problem mit seiner Aussage.
SPIEGEL ONLINE: Der Bayern-Präsident hat sich aber mal wieder geirrt. Nach dem sensationell guten Rückrundenauftakt darf Cottbus wieder auf den Klassenerhalt hoffen. Wie ist das möglich?
Beeck: Die Mannschaft hat sich ganz viele Gedanken darüber gemacht, wie sie in der Hinrunde Fußball gespielt hat, und kam zu dem Entschluss: So kann es nicht weitergehen. Deshalb sind wir zum Trainer gelaufen und haben gesagt, dass wir absteigen werden, wenn wir so weiterspielen. Daraufhin haben wir unser System umgestellt. Der Libero wurde abgeschafft und die Viererkette installiert.
SPIEGEL ONLINE: Die Spieler haben Eduard Geyer gesagt, was zu tun ist?
Beeck: Wir hatten auch früher schon einen regen Austausch. Bislang hatten wir aber immer irgendwie noch so die Kurve gekriegt. Aber diesmal schien es aussichtslos, und da haben wir eben andere Mittel probiert. Ich ziehe vorm Trainer einen ganz großen Hut, dass er sich mit einigen Jungs zusammengesetzt und mit ihnen beredet hat, wie man die Situation wieder in den Griff bekommt. Das macht nicht jeder. Meistens sind die Trainer so von sich überzeugt, dass sie glauben, von allein alles richtig zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nicht auch den Eindruck, dass Geyer schon aufgeben wollte?
Beeck: Das wurde von außen hineininterpretiert. Dass Ede Geyer nach so vielen Niederlagen deprimiert war und sich so seine Gedanken machte, ist doch ganz normal. Aber er ist eine Kämpfernatur und lässt Misserfolg nicht auf sich sitzen. Das hat er nun wieder bewiesen.
SPIEGEL ONLINE: Hat vielleicht auch die Existenzangst Cottbuser Spielern Beine gemacht?
Beeck: Kein Bundesligaprofi muss sich um seine Existenz Sorgen machen. Die Leute, die in einer ganz kleinen Wohnung zu acht leben und kaum Geld in der Tasche haben, die haben Existenzprobleme. Da sollte man in der Wortwahl ganz vorsichtig sein.
SPIEGEL ONLINE: Die Cottbuser Spieler sprachen in der Hinserie kaum noch miteinander, gingen sich aus dem Weg. Wie ist die Mannschaft wieder zu einer Einheit geworden, die erfolgreich Fußball spielt?
Beeck: Im Trainingslager in Dubai haben wir uns das Selbstvertrauen und die geistige Frische geholt, die man für so eine Aufholjagd benötigt. Die Leute waren nett. Wir hatten viel Sonne, gutes Essen und einen schönen Strand. Und wir hatten super Trainingsbedingungen. Dadurch hatten wir eine ganz andere Lebenseinstellung, waren lockerer drauf. Wenn wir jeden Tag den grauen Alltag gesehen hätten, wären wir nicht weitergekommen.
SPIEGEL ONLINE: Dubai war also das Schlüsselerlebnis für den neuen Teamgeist?
Beeck: Nein. Schon im Oktober haben wir damit angefangen, uns von einigen Spielern zu trennen, nachdem wir gemeinsam eine Phase mitgemacht hatten, in der wir uns unheimlich verschlechterten. Die einzelnen Mannschaftsteile hatten sich gewissermaßen auseinandergelebt. Wir wollten neues Leben in die Truppe hineinbekommen. Das geht aber nicht von Montag auf Dienstag. Dazu braucht man zwei, drei Monate. Jetzt sind wir dabei zu ernten, was wir damals gesät haben. Wir müssen aber aufpassen, dass wir jetzt, wo wir erfolgreich spielen, nicht den Boden unter den Füßen verlieren.
SPIEGEL ONLINE: Sie, der Kapitän, verletzten sich in Dubai bei einem Testspiel und konnten in der Rückrunde noch keine Partie bestreiten. Wie haben Sie den sportlichen Aufschwung erlebt?
Beeck: Wenn man immer dabei gewesen ist und die Mannschaft nur zehn Punkte gewinnt und danach - ohne einen selbst - in fünf Spielen 13 Zähler holt, stellt sich natürlich die Frage, ob hier alles richtig läuft. (lacht) Aber ich habe schon meinen Anteil am Erfolg, weil ich zu den Spielern gehört habe, die befürworteten, dass wir unser System umstellen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Knieverletzung auskuriert. Ist es nicht schwierig, einen Platz in dieser erfolgreichen Mannschaft zu finden?
Beeck: Ich stelle überhaupt keine Ansprüche. Falls der Trainer jetzt sagt: Beecke, du spielst gegen Bayern mit, dann würde ich antworten: Trainer, das habe ich nicht verdient. Die anderen Jungs sind jetzt erst einmal dran.
SPIEGEL ONLINE: Sie rechnen alo gar nicht mit einem Einsatz gegen den FC Bayern?
Beeck: Nein. Das wäre unfair gegenüber meinen Kameraden. Denn ich glaube nicht, dass ich der fußballerische Überflieger von allen bin.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind der Mannschaftsführer. In der Hinserie mussten vor allem Sie den Kopf für den Misserfolg hinhalten. Fans drohten Ihnen auf der Straße Prügel an. Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?
Beeck: Mein Problem ist, dass ich mit meiner großen Schnute polarisiere. Mittlerweile versuche ich mich zurückzunehmen. Wenn man zu präsent ist, wird der Neidfaktor zu groß. Ich weiß ja, dass die Fans mit dem Herzen und der Seele dabei sind. Aber manche Dinge gehen einfach zu weit.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Stimmung unter den Energie-Anhängern ist doch inzwischen sicherlich ins Positive gekippt?
Beeck: Natürlich. Das ist das Einfachste auf der Welt. Vier Siege, viele Tore und ein bisschen zu Null. Da sind alle happy. Die Stadt blüht ja richtig auf. Den Faschingsumzug machen wir auch mit. Da wird der Bär toben.
SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, was los ist, wenn Cottbus auch noch gegen Bayern München gewinnt?
Beeck: Gegen Bayern benötigt man nicht nur Selbstvertrauen, sondern auch Kaltschnäuzigkeit und muss ausgebufft sein. Doch wenn die Bayern 100 Prozent geben, sind wir chancenlos. Auf unsere Leistung in der Rückrunde sind wir zwar sehr stolz. Aber bisher haben wir noch nichts erreicht. Wir sind immer noch auf einem Abstiegsplatz und haben immer noch das schlechteste Torverhältnis.
SPIEGEL ONLINE: Wer steigt in dieser Saison aus der Bundesliga ab?
Beeck: Lautern, Nürnberg und Gladbach.
Das Interview führte Till Schwertfeger
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