Die Sportredaktionen beschäftigen sich diese Woche mit der - in Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Ereignisse letztlich irrelevanten - Frage, welchen Stellenwert der deutsche Vereinsfußball derzeit hat. Ein Europapokalviertelfinale ohne deutsche Beteiligung hat es schließlich vor zwanzig Jahren zum letzten Mal gegeben. "Bild wird wohl den Notstand ausrufen nach dieser nationalen Schmach", vermutet die "Frankfurter Rundschau" (FR). Dahingegen reagieren Selldorf, Biermann, Horeni & Co. von den deutschen Qualitätszeitungen recht gelassen und erinnern an die zumeist erfolgreichen Münchner und Dortmunder Jahre der jüngeren Vergangenheit. Die Kollegen aus dem südlichen Nachbarland konnten sich eine kleine Stichelei dabei nicht verkneifen: "Europas Klubfussball-Elite unter sich", freut sich die "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) auf die Runde der letzten Acht und nennt zurecht die gescheiterten Teams aus Dortmund, Newcastle und Basel (!) in einem Atemzug.
Mit dem diesjährigen Auftritt von Borussia Dortmund zeigen sich die Experten alles in allem jedoch zufrieden. Auch den Reaktionen der direkt Beteiligten nach dem knappen Ausscheiden zufolge vermutet sich der erste deutsche Champions-League-Sieger (1997) auf sukzessiven Rückweg zur europäischen Spitze. "Die Dortmunder fühlen sich als Lehrlinge auf hohem Niveau", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Die "Financial Times Deutschland" (FTD) allerdings vermisste beim 1:0 in Mailand Elan, Glanz und nicht zuletzt Leidenschaft: "Mailand hat die besseren Fußballer. Warum aber die Dortmunder selbst in den Zweikämpfen sehr viel häufiger zurücksteckten als die tendenziell um den Sitz ihrer Frisur besorgten Italiener, war ein Rätsel." Das 0:2 der punktlosen Leverkusener gegen Inter Mailand nahm man lediglich in einer Fußnote zur Kenntnis, und die "Süddeutschung Zeitung" (SZ) war erleichtert, "dass die lästige Debatte erledigt war, nach der Bayer als Punktelieferant der Champions League angeblich für eine Wettbewerbsverzerrung gesorgt hatte. Rein logisch war das schon Unsinn, weil sie halt alle Punkte ablieferten".
Furcht vor Málaga und Middlesbrough
Philipp Selldorf (SZ) kommentiert den Stellenwert des deutschen Fußballs. "Wir sind wieder wer, hatte es nach der WM 2002 im Rausch fußballnationalen Selbstbewusstseins geheißen. Aber wer sind wir noch gleich? Sind wir jetzt wieder ein Niemand, da die deutschen Klubs sämtlich zuschauen müssen? Die Antwort lautet ja, wenn wir die Vereine ab Platz drei der Bundesligatabelle zum Maßstab nehmen wollen. Die Antwort lautet nein, wenn wir das Opfer bringen, Bayern München oder Borussia Dortmund als unser fußballerisches Abbild zu akzeptieren. Diese beiden Größen ragen aus der deutschen Menge heraus, sie konkurrieren auf höchstem Niveau und trotzen Madrid und Manchester. Die Übrigen aber fürchten schon Málaga und Middlesbrough. Der Unterschied zwischen Bayern, Borussia und dem Rest der heimischen Fußballwelt spiegelt sich in der Bundesligatabelle und auf Europas Spielfeldern. Hinter den beiden Supermächten trösten sich die Kandidaten mit der Aussicht auf Überraschungserfolge, wie sie zuletzt Leverkusen und der deutschen Nationalelf glückten."
Michael Horeni (FAZ) meint dazu. "Die Außenhandelsbilanz des deutschen Fußballs im europäischen Spieljahr 2002/2003 ist erschreckend. Wie fast überall, wo in Deutschland derzeit bilanziert wird, muß der Blick schon sehr weit zurückreichen, um ähnlich schlechte Zahlen zu erfassen, mit der sich die aktuelle Malaise vergleichen ließe. Um den Absturz im europäischen Klubfußball zu ermessen, bleiben die Bundesligaklubs im Jahr 1984 hängen. Vor fast zwanzig Jahren haben die deutschen Vereine letztmals kollektiv die Zuschauerrolle eingenommen, wenn in den europäischen Klubwettbewerben die Viertelfinalspiele anstanden. Also eine große Krise auch im deutschen Fußball? Was nach dem Abschied auch der letzten deutschen Hoffnung aus der Champions League auf den ersten Blick so scheint, ist bei genauerer Betrachtung jedoch schon weit weniger alarmierend. Noch im Vorjahr stand mit Bayer Leverkusen ein Verein im Endspiel der Meisterklasse, Bayern München kam als Titelverteidiger noch ins Viertelfinale, und Borussia Dortmund erreichte das Finale im UEFA-Pokal. Der Absturz scheint zwar um so größer zu sein angesichts der Erfolgsbilanz des vergangenen Frühjahrs. Tatsächlich aber läßt sich gerade wegen der guten bis exzellenten Ergebnisse des Vorjahres und der jüngsten Vergangenheit gerade nicht von einer Krise sprechen - dafür müßte die Talfahrt im Land des Weltmeisterschaftszweiten mindestens ein, wenn nicht zwei oder drei Jahre länger andauern. Ein Einbruch hat gleichwohl stattgefunden."
Dortmund hat mehr gefehlt als ein Moment der Aufmerksamkeit
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