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21.03.2003
 

Fußball-Presseschau

"Heuchler Bernd Stange"

Das kollektive Scheitern der deutschen Vereine im Europapokal bereits vor dem Viertelfinale kommentieren die deutschen Tageszeitungen differenziert. Eine volle Breitseite dagegen bekommt der bisherige Nationaltrainer des Irak, Bernd Stange, ab.

Die Sportredaktionen beschäftigen sich diese Woche mit der - in Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Ereignisse letztlich irrelevanten - Frage, welchen Stellenwert der deutsche Vereinsfußball derzeit hat. Ein Europapokalviertelfinale ohne deutsche Beteiligung hat es schließlich vor zwanzig Jahren zum letzten Mal gegeben. "Bild wird wohl den Notstand ausrufen nach dieser nationalen Schmach", vermutet die "Frankfurter Rundschau" (FR). Dahingegen reagieren Selldorf, Biermann, Horeni & Co. von den deutschen Qualitätszeitungen recht gelassen und erinnern an die zumeist erfolgreichen Münchner und Dortmunder Jahre der jüngeren Vergangenheit. Die Kollegen aus dem südlichen Nachbarland konnten sich eine kleine Stichelei dabei nicht verkneifen: "Europas Klubfussball-Elite unter sich", freut sich die "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) auf die Runde der letzten Acht und nennt zurecht die gescheiterten Teams aus Dortmund, Newcastle und Basel (!) in einem Atemzug.

Mit dem diesjährigen Auftritt von Borussia Dortmund zeigen sich die Experten alles in allem jedoch zufrieden. Auch den Reaktionen der direkt Beteiligten nach dem knappen Ausscheiden zufolge vermutet sich der erste deutsche Champions-League-Sieger (1997) auf sukzessiven Rückweg zur europäischen Spitze. "Die Dortmunder fühlen sich als Lehrlinge auf hohem Niveau", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Die "Financial Times Deutschland" (FTD) allerdings vermisste beim 1:0 in Mailand Elan, Glanz und nicht zuletzt Leidenschaft: "Mailand hat die besseren Fußballer. Warum aber die Dortmunder selbst in den Zweikämpfen sehr viel häufiger zurücksteckten als die tendenziell um den Sitz ihrer Frisur besorgten Italiener, war ein Rätsel." Das 0:2 der punktlosen Leverkusener gegen Inter Mailand nahm man lediglich in einer Fußnote zur Kenntnis, und die "Süddeutschung Zeitung" (SZ) war erleichtert, "dass die lästige Debatte erledigt war, nach der Bayer als Punktelieferant der Champions League angeblich für eine Wettbewerbsverzerrung gesorgt hatte. Rein logisch war das schon Unsinn, weil sie halt alle Punkte ablieferten".

Furcht vor Málaga und Middlesbrough


Philipp Selldorf (SZ) kommentiert den Stellenwert des deutschen Fußballs. "Wir sind wieder wer, hatte es nach der WM 2002 im Rausch fußballnationalen Selbstbewusstseins geheißen. Aber wer sind wir noch gleich? Sind wir jetzt wieder ein Niemand, da die deutschen Klubs sämtlich zuschauen müssen? Die Antwort lautet ja, wenn wir die Vereine ab Platz drei der Bundesligatabelle zum Maßstab nehmen wollen. Die Antwort lautet nein, wenn wir das Opfer bringen, Bayern München oder Borussia Dortmund als unser fußballerisches Abbild zu akzeptieren. Diese beiden Größen ragen aus der deutschen Menge heraus, sie konkurrieren auf höchstem Niveau und trotzen Madrid und Manchester. Die Übrigen aber fürchten schon Málaga und Middlesbrough. Der Unterschied zwischen Bayern, Borussia und dem Rest der heimischen Fußballwelt spiegelt sich in der Bundesligatabelle und auf Europas Spielfeldern. Hinter den beiden Supermächten trösten sich die Kandidaten mit der Aussicht auf Überraschungserfolge, wie sie zuletzt Leverkusen und der deutschen Nationalelf glückten."

Michael Horeni (FAZ) meint dazu. "Die Außenhandelsbilanz des deutschen Fußballs im europäischen Spieljahr 2002/2003 ist erschreckend. Wie fast überall, wo in Deutschland derzeit bilanziert wird, muß der Blick schon sehr weit zurückreichen, um ähnlich schlechte Zahlen zu erfassen, mit der sich die aktuelle Malaise vergleichen ließe. Um den Absturz im europäischen Klubfußball zu ermessen, bleiben die Bundesligaklubs im Jahr 1984 hängen. Vor fast zwanzig Jahren haben die deutschen Vereine letztmals kollektiv die Zuschauerrolle eingenommen, wenn in den europäischen Klubwettbewerben die Viertelfinalspiele anstanden. Also eine große Krise auch im deutschen Fußball? Was nach dem Abschied auch der letzten deutschen Hoffnung aus der Champions League auf den ersten Blick so scheint, ist bei genauerer Betrachtung jedoch schon weit weniger alarmierend. Noch im Vorjahr stand mit Bayer Leverkusen ein Verein im Endspiel der Meisterklasse, Bayern München kam als Titelverteidiger noch ins Viertelfinale, und Borussia Dortmund erreichte das Finale im UEFA-Pokal. Der Absturz scheint zwar um so größer zu sein angesichts der Erfolgsbilanz des vergangenen Frühjahrs. Tatsächlich aber läßt sich gerade wegen der guten bis exzellenten Ergebnisse des Vorjahres und der jüngsten Vergangenheit gerade nicht von einer Krise sprechen - dafür müßte die Talfahrt im Land des Weltmeisterschaftszweiten mindestens ein, wenn nicht zwei oder drei Jahre länger andauern. Ein Einbruch hat gleichwohl stattgefunden."

Dortmund hat mehr gefehlt als ein Moment der Aufmerksamkeit


Europa spielt ohne Bundesliga: Geschlagene Dortmunder
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DPA

Europa spielt ohne Bundesliga: Geschlagene Dortmunder

Zu den Ursachen des Dortmunder Ausscheidens heißt es bei Felix Meininghaus (FR). "Am Ende hat es nicht gereicht, weil die Dortmunder beim Heimspiel gegen Real in der 93. Minute den Ausgleich zugelassen hatten. Eine verhängnisvolle Unachtsamkeit kostete das Überleben im Millionen-Euro-Spektakel. So sahen es zumindest die Protagonisten aus dem schwarz-gelben Lager, die auch in Mailand immer wieder die Schlüsselszene der Zwischenrunde ins Gedächtnis zurückriefen. Ganz so einfach stellen sich die Dinge indes nicht dar: De facto hat Borussia mehr gefehlt als ein Moment der Aufmerksamkeit. Obwohl die Partie in Mailand gewonnen wurde, konnte der Beobachter im Vergleich feststellen, was eine Mannschaft aus der absoluten europäischen Spitze von einer unterscheidet, die erst noch in solche Sphären vordringen will: Obwohl es für Milan um nichts mehr ging, weil das Team längst für das Viertelfinale qualifiziert war, dominierten die Gastgeber die Begegnung über weite Strecken so eindeutig, dass das Schaulaufen anmutete wie eine Trainingseinheit auf gehobenem Niveau."

Thomas Kistner (SZ) sorgt sich um den moralischen Zustand der Liga. "Jetzt rollt also eine Schmutzlawine durchs Fußballgeschäft, die ihresgleichen sucht und immer mehr Fahrt aufnimmt. Abzusehen ist bereits, dass sie eine Schneise der Zerstörung ins fromme Spiel treiben wird. Und auch das ist Tatsache: Alles nur, weil sich, wie bei Lawinen üblich, irgendwo ein paar tückische Bretter gelöst haben, mit deren Instabilität keiner gerechnet hatte. In diesem Fall sind es die Bretter, die um das Imperium des Leo Kirch geschustert worden waren, ein Jahre lang blickdichter Geschäftsverhau, an dem nicht nur von innen, sondern auch von außen kräftig mitgezimmert worden ist. Mit vollem Einsatz. Und nach allen Regeln der Bilanzkunst. Dass dieses Imperium kollabieren könnte, damit hat einfach keiner gerechnet. Klar wird nun auch, warum: Der Medienkonzern hatte sich in eine stille Deutschland AG verwandelt, mit besten Flüsterverbindungen in Politik, Wirtschaft und die Milliardenbranche Profifußball. Nun werden die erschlafften Tentakeln der Krake an die Oberfläche gehievt, und hoppla: An jeder hängt ein Fußballfunktionär! Oder, wie im Fall des DFB, gleich ein ganzer Verband."

Warum sollte auf Wettkämpfe verzichtet werden?


Zum Verhältnis zwischen Sport und Krieg lesen wir von Reinhard Sogl (FR). "Die weitgehend einheitlich ablehnende Haltung des Sports zu Absagen von Veranstaltungen wegen des begonnenen Bush-Kriegs gegen den Irak ist nur konsequent. Gerade weil der Sport keine Insel ist, sondern Teil der Gesellschaft. Warum sollte ein Profi innehalten müssen, wenn in praktisch allen anderen Bereichen des Lebens und der Wirtschaft der Alltag weitergeht? Warum sollten gerade Hobby- wie Berufssportler ihrer Betroffenheit durch Verzicht auf die für sie wichtigste Nebensache oder unwichtigste Hauptsache der Welt Ausdruck verleihen? Warum sollte auf Wettkämpfe verzichtet werden, so lange keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben von Sportlern und Zuschauern zu befürchten ist? Der Einfluss des Sports auf politische Prozesse ist schon häufig überschätzt worden. Für Demonstrationen der Moral taugt er nur bedingt. Dennoch ist es richtig, wenn friedensbewegte wie besorgte Sportler Zeichen setzen gegen Gewalt und Terror. Das kann auch beim Sport sein und muss eben nicht zwangsläufig die Abkehr vom friedlichen Wettstreit bedeuten."

Bernd Stange: "Angeblicher Menschenfreund"
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REUTERS

Bernd Stange: "Angeblicher Menschenfreund"

Berries Bossmann (Die Welt) kritisiert die Äußerungen von Iraks Nationaltrainer Bernd Stange zur Weltpolitik. "Die irakische Zivilbevölkerung hat Mitgefühl verdient - der angebliche Menschenfreund Stange den Beifall sicher nicht. Ausgerechnet Stange, der als Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Staatssicherheitsdienstes seine Mitmenschen, darunter Aachens heutigen Trainer Berger, bespitzelt und verraten hat, um selbst in den Genuss von Privilegien zu kommen, will uns heute weismachen, dass ihn das Schicksal anderer tangiert? Und Stange setzt in punkto Heuchelei noch eins drauf: Er fühle sich so stark mit den Menschen im Irak verbunden, dass er keinen anderen Job annehmen könne. Selbst wenn Bayer Leverkusen anrufen würde, müsse er ablehnen. Dass ein nur auf den eigenen Vorteil bedachter Mensch wie Stange sofort zugreifen würde, wenn Bayer-Manager Calmund ihm mit einem Scheck vor der Nase herumwedeln würde, daran dürfte zwar kein Zweifel bestehen."

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