Dem 1:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Serbien und Montenegro in Bremen können die Experten aus der Fußballpresse keine bedeutenden Erkenntnisse entnehmen, war Völlers Equipe schließlich stark ersatzgeschwächt, oder wie Matti Lieske in der "Tageszeitung" sie beschreibt: "eine Ansammlung zufällig vorbeigekommener Durchschnittsfußballer, die gerade ein bisschen Zeit hatten, einigermaßen gesund waren und von Völler hinterrücks ein Adlertrikot übergestülpt bekamen? Geschanghaite Matrosen des runden Leders sozusagen."
Allerdings schlossen sich die Beobachter weitgehend dem Fazit des Teamchefs an, wonach die Nachrücker um Michael Hartmann (Hertha BSC) und Frank Rost (Schalke 04) ihre Tauglichkeit unter Beweis gestellt hätten. Das war nicht immer so, ruft Matti Lieske in Erinnerung. "Seit den chaotischen Zeiten von Erich Ribbeck, als die Spieler sofort alles vergaßen, was sie jemals über Fußball gewusst hatten, sobald sie den Mannschaftsbus des DFB sahen, hat sich in der Bundesliga eine große Menge von begabten Fußballern etabliert, die alle ungefähr gleich gut sind und genau wissen, was sie zu tun haben.
Absagen von einem runden Dutzend vermeintlicher Stammkräfte? Pah!" Auf dem Rasen tat sich allerdings wenig. Der "Tagesspiegel" notiert: "In den Strafraum kamen die Deutschen selten, sodass die Begegnung als das erste Länderspiel in die Geschichte eingeht, das Deutschland gewonnen hat, ohne sich eine einzige Torchance erarbeitet zu haben."
Weiteres aktuelles Thema: Obwohl Nürnbergs Präsident Michael Roth noch vor wenigen Wochen im Anschluss an ein Fan-Votum ankündigte, in dieser Saison keine Personalentscheidungen mehr treffen zu wollen ("Notfalls gehen wir mit Klaus Augenthaler in die Zweite Liga"), halten sich Überraschung und Empörung in den Redaktionen in Frankfurt, München und Berlin über den spontanen Trainerrauswurf in Grenzen. Offenbar wirkt der Teppichhändler auf seine Mitmenschen derart unglaubwürdig, dass diese von vornherein der naiven Versuchung widerstehen, ihn an seinen Worten zu messen.
Weniger wert als ein kleines Steak
Ralf Wiegand beleuchtet in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) die Stimmung nach dem Spiel. "Erleichterung war das vorherrschende Gefühl nach Abpfiff einer Partie, die für die Entwicklung des deutschen Fußballs auf dem Weg zur nächsten EM oder WM nicht einmal so wertvoll war wie ein kleines Steak. Eher schon war der anstrengende Pflichttermin ein weiterer Beleg dafür, dass Freundschaftsspiele mitten in der Saison nur noch eine Gefahr für das Image der Auswahl darstellen. Das Publikum rennt dem Verband schon lange nicht mehr die Bude ein für Gegner wie Serbien und Montenegro; die von Abstiegskampf oder Uefa-Cup-Rennen geplagten Spieler verlangen nach Regeneration, weswegen Völler die Trainingsintensität auf das Minimum von zwei leichten Einheiten in zwei Tagen runterfahren musste; und die Vereine möchten ihre Spieler gefälligst gesund zurück, um sie in die diversen Existenzkämpfe der Liga schicken zu können. Die Erwartung aber an die derart gefesselte Nationalelf bleibt immer die gleiche: gefälligst zu gewinnen, wenn möglich entfesselt schön."
Christof Kneer von der "Berliner Zeitung" hat sich gelangweilt. "In Bremen hat man ja schon immer gewusst, dass Willi Lemke ein rechter Gutmensch ist. Hat der einstige Manager des SV Werder nicht immer gepredigt, dass die bösen Spieler zu viel Geld verdienen (bevor er ihnen im stillen Kämmerlein bessere Verträge aufdrängte)? Hat er Deutschland nicht gelehrt, wo Gut und Böse sind (Gut ist im Norden und trägt Grün; Böse ist im Süden und spricht Bayerisch)? Wahrscheinlich war es wieder einmal nur Willi Lemke zu verdanken, dass das Land ein bisschen Spaß haben durfte am Mittwoch in Bremen. Alle Schüler, die er finden konnte, hatte Lemke ins Weserstadion bringen lassen, wo die Nachwuchsbremer beim Testländerspielchen folgsam jeden unfallfreien Einwurf von Michael Hartmann hochleben ließen. Man mochte sich lieber nicht vorstellen, was das als brummig bekannte Werder-Publikum mit diesem Spiel gemacht hätte."
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